Die Putzer
Eine politische Novelle über eine Behörde, die die Gesellschaft "putzt". Aktuell wie nie!

Länge: Novelle, ca. 35.000 Wörter
Genre: Drama, literarische Fiktion
© 2026 Eliah Kleines. Alle Rechte vorbehalten.
Coverdesign von Markus Michels
Die Handlung
Weiße Lattenzäune, gepflegte Vorgärten und eine besonders brave Art Mensch: Inmitten der Idylle des Vororts verdient sich der Immobilienmakler Thule eine goldene Nase. Da kann er gut darüber hinwegsehen, dass die Nachbarschaft ihre Augen und Ohren überall hat und es praktisch keine Privatsphäre gibt. Hier lässt es sich gut vergessen.
Doch dann stehen plötzlich die uniformierten Putzer vor ihm. Thule in seiner ultimativen Gleichgültigkeit lässt sich schnell dazu bringen, ihnen zu helfen. Obwohl er weiß: Die Putzer putzen gar keinen Dreck. Sie putzen Menschen.
Bald sieht sich Thule gezwungen, sein Gewissen zu durchleuchten. Wird man wirklich nur weggeputzt, wenn man es verdient hat? Was ist mit seinem kauzigen Nachbarn, der sich nicht in die Nachbarschaft integrieren will? Woher kommen diese Putzer? Und was ist Thules Rolle in all dem?
Eine Geschichte, notwendig gemacht durch die Verwerfungen der Gegenwart:
„Die Putzer“
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Kapitel 1
Thule putzte sich den rechten Stiefel. Mit religiösem Eifer führte er einen kleinen Schwamm mit der Hand über die Stiefelspitze, offensichtlich routiniert, trotzdem die Konzentration in den Augen. Er zückte ein kleines Fläschchen Desinfektionsmittel und kippte die Flüssigkeit großzügig über den Stiefel, ehe er sie mit einem Lappen verwischte. So nah über den Schuh war er gebeugt, dass der Geruch ihm neben der Konzentration auch Tränen in die Augen trieb. Dieser eine verfluchte Fleck!
Seit ungezählten Wochen hatte sich dieser eine Fleck auf seiner rechten Stiefelspitze festgefressen, Gott allein wusste, woher er kam. Wenn man von oben auf ihn hinabschaute, sah er wie der Umriss eines fremden Landes aus, oder wie ein Rorschachtest, oder auch wie eine bösartige Grimasse. Natürlich war das alles nur Projektion, es war nichts mehr als ein Fleck, und das reichte schon, um zu wissen, dass er wegmusste. Aber er wollte einfach nicht - fast so, als sei er bereits ein integraler Bestandteil des Schuhwerks geworden. Bei jedem Schritt blitzte er in Thules Peripherie auf, höhnisch neckend, provozierend, reizend: Deine Schuhe sind nicht sauber. Da war Thule wie so oft kurzerhand stehen geblieben, bloß wenige Schritte entfernt von seiner eigenen Haustüre, hatte seine Aktentasche auf die Sitzbank am Straßenrand gelegt, den Fuß daneben aufgestemmt und schnell zu putzen begonnen. Freilich waren sie nicht mehr neu, die Stiefel, aber trotzdem blitzten sie noch immer so, als kämen sie frisch aus dem Karton. Wie neu - außer diesem einen Fleck auf der rechten Stiefelspitze, der einfach nicht verschwinden wollte. Thule putzte also weiter: Sie mussten noch sauberer werden.
In den Augenwinkeln war eine Bewegung, die Thules Gedankenzug entgleiste. Beobachtet fühlte er sich. An dieses Gefühl hatte er sich noch nicht gewöhnt, auch wenn es ihm hier auf Schritt und Tritt folgte. In der großen Stadt war das anders gewesen, da gab es Menschen wie Sand am Meer, die sich durch die Fußgängerzonen schoben, man selbst mitten unter ihnen, vollkommen anonym. Hier aber, im Vorort, wo anstelle von Autohupen Vögel zu hören waren, gab es weniger zu sehen. Und das hieß: War man ein Mensch, der von Punkt A nach Punkt B lief, oder einer, der an Punkt A verweilte, oder einer, der ein Gespräch führte oder eigentlich überhaupt nur existierte, dann konnte man vollkommen sicher sein, dass irgendjemandes neugierige Augen und Ohren alles mitbekamen, was es mitzubekommen gab. Thule selbst war nicht frei von dieser Sünde, auch er hatte sich bereits dabei ertappt, ganz von alleine die Ohren zu spitzen, wenn er etwa am Küchentisch sitzend eine Stimme auf der Straße zu hören meinte. Aber es war ihm noch nicht zur Gewohnheit geworden, es fühlte sich unangenehm und unangemessen an. Beizeiten schien es ihm sogar, dass er selbst in seinen frisch eingerichteten vier Wänden nicht sicher war vor unerwünschter Anteilnahme, und, noch viel schlimmer, dass er sich nicht einmal einen leisen kritischen Gedanken über jemanden erlauben durfte, ohne dass er dadurch Rufmord begehen würde. Sicher war das nichts als Paranoia, aber trotzdem… Es war erstaunlich, wie anders das Leben hier im ruhigen, braven Vorort verlief.
So also auch jetzt. Er ließ für einen Augenblick ab vom Fleck auf dem Stiefel und tat so, als müsse er sich ausgiebig strecken. Dabei schaute er sich möglichst unauffällig um, ließ zuletzt den Blick die Fassade des Wohnhauses hinaufwandern, vor dem er für die Schuhpflege gehalten hatte. Weißer Lattenzaun, ein gelber Laubbaum im Vorgarten. Das war das Haus von Thules Nachbarn. Eben dieser war es tatsächlich auch, der oben am Dachfenster des Hauses stand, im weißen Bademantel hinabschaute, einen zutiefst verärgerten Blick aufgesetzt hatte und die Arme vor der Brust verschränkt hielt. Die Quelle der Beobachtung war entdeckt.
Das war dieser Nachbar, und das war die denkbar beste Option. Denn dieser eine Nachbar war die große Ausnahme, ein Abseits-Stehender, einer, der nicht teilnahm an der großen, starken Gesellschaft, in die Thule sich integriert hatte. Zwischen Thule und ihm hatte es vereinzelte unschöne Reibereien geben, aber keine wirkliche Interaktion. Und auch mit niemand anderem interagierte dieser Nachbar. Sollte heißen: Wenn dieser eine Nachbar seine Augen und Ohren gegen Thule richtete, hatte das keine Konsequenzen. Es war ganz egal, was der Nachbar sah oder zu sehen glaubte. Ganz so, wie der Nachbar überhaupt in Summe egal war. Er war neugierig, und er schaute, aber war nicht mit anderen vernetzt, denen er die Informationen hätte weitergeben können. Er war ein Niemand und ein Nichts.
Was eine Erleichterung! Thule hatte jetzt keine Zeit, über diese nichtige Person nachzudenken, hatte keine Lust. Er war Immobilienmakler, und er musste zu seinen Klienten kommen, die er heute zum ersten Mal persönlich treffen würde. Die Brecznys waren das, ein altes Ehepaar, mit denen er nur einmal telefoniert hatte. Thule hatte im Laufe seiner Karriere ein nicht zu verachtendes Gespür für Menschen entwickelt, das war notwendig, um eine Immobilie möglichst passgenau zu präsentieren und zu verkaufen. Er hatte am Telefon bereits entschieden, dass die Brecznys nette Leute waren, umgänglich, etwas senil vielleicht, aber jedenfalls gute Leute. Gute Leute, die auf ihn warteten.
Nur einen kurzen Augenblick starrte Thule also noch zurück zum Nachbarn hinter dem schrägen Dachfenster, ehe er sich wieder den wichtigeren Dingen im Leben widmete. An erster Stelle: seinem Stiefel. Mit dem bloßen Auge war da jetzt gerade nichts zu sehen, natürlich, so sah er schon vollkommen makellos aus - aber man durfte sich nicht täuschen lassen. Man musste den Schuh etwas neigen, je nachdem, wie die Sonne stand, und Zack: Es offenbarten sich Staubflöckchen und Bakterien und Schemen von vergangenen Regenschlägen. Und wenn man die Augen etwas zusammenkniff - dieser eine verfluchte Fleck. Wenn er als Makler und überhaupt als Mitmensch einen guten Eindruck machen wollte, mussten die Stiefel blitzend sauber sein. Also wischen, sauber machen. Putzen.
“Was machst du da?”, quietschte eine Kinderstimme.
Er schreckte auf. Da stand, keine drei Meter von ihm entfernt, ein kleines Mädchen mit rosa Schleife im Haar, einem für den anbrechenden Herbst etwas kalt anmutenden Kleidchen, und schaute ihn mit großen Augen an.
Derart perplex konnte Thule im ersten Augenblick nichts sagen, konnte nichts anderes produzieren als ein stimmbrüchiges “Hm?”
Das Mädchen wiederholte die Frage. “Was machst du da?”
“Ach, ich putze meinen Stiefel”, schaffte Thule es, richtig zu antworten.
“Und warum?”
“Weil er sauber sein soll”, sagte er und fuhr fort, den unmöglichen Fleck zu bearbeiten. Wenn er nur mit etwas mehr Kraft -
“Und warum?”
Thule stöhnte und wandte sich dem Mädchen erneut zu. “Weil alles sauber sein muss”, erklärte er. Es galt, freundlich zu sein, ermahnte er sich. Er hatte keine Zeit für dieses Gespräch, aber er musste freundlich sein. Neben dem Nachbar gab es sicher noch irgendjemand anderes, der ihn gerade beobachtete. Jemand mit mehr gesellschaftlicher Relevanz. Die Augen und Ohren waren eben überall. Auf Thules Gesicht erschien das gut geübte weiße Maklerlächeln.
“Hast du denn nicht auch Schuhe, die du manchmal putzen musst?”, fragte er in einem Ton, den man Kindern dieses Alters oft entgegenbrachte.
“Meine Mama macht das! Weil ich noch zu klein dafür bin, sagt sie!”
“Ah, du hast aber ein Glück! Sag’ mal, weißt du denn, wo deine Mama jetzt gerade ist?”
Das Mädchen schaute sich um, ließ den Blick über die Reihenhäuser des Vorortes schweifen, über den gut gepflegten Gehsteig, die Straße und die gleichmäßig gepflanzten Bäume, deren Blätter tiefrot gefärbt waren, und die vorige Tage begonnen hatten, auf den Boden zu fallen. Gleich würde das Mädchen nach seiner Mutter weinen oder wegrennen. Hoffentlich war die Mutter hier irgendwo. Gegen Kinder hatte Thule vom Prinzip her nichts, ganz und gar nichts. Um es genau zu nehmen, hätte er sich sogar sehr gut vorstellen können, selbst Vater zu werden und genau solch ein kleines Ding großzuziehen, wie es jetzt vor ihm stand. Aber er war kein Vater, und eine Frau hatte er auch nicht. Er war so kurz davor gewesen! Verdammt, jetzt nur nicht an Marie denken! Das war das Letzte, was er gerade gebrauchen konnte.
“Mama ist woanders”, schloss das Mädchen den erfolglosen Umgebungsscan nach der Mutter und richtete die Aufmerksamkeit wieder vollkommen auf Thules Hand und den rechten Stiefel, den er noch immer auf der Bank aufgepflanzt hatte.
“Schau mal, was ich mache”, sagte er nun und zückte eine weiße Tube aus der Innentasche seines Sakkos. Daraus presste er eine durchsichtige Creme hervor und verteilte sie sorgfältig auf der Stiefelspitze. Dann wieder der Schwamm - kreisen, kreisen, nicht zu hart, das vertrug das Leder nicht, aber ja nicht zu schwach, sonst musste er sich die Mühe gar nicht erst machen. Aus einer anderen Jackentasche zog er ein hellblaues Tuch hervor, griff es mit beiden Händen und striegelte damit links, rechts, links den Schuh.
“Weißt du, warum das so wichtig ist, was ich mache?”
“Sieht total langweilig aus!”, erklärte das Kind.
“Stimmt schon”, sagte Thule, während er den Schuh weiterbearbeitete. “Aber der Schuh muss trotzdem sauber sein. Ich bin nämlich Immobilienmakler. Komisches Wort, oder? Weißt du, was das heißt?”
Das Kind schüttelte den Kopf.
“Das heißt, ich gehe zu Leuten ins Haus und verkaufe es an jemand anderen.”
“Hä? Wo sollen denn dann die Leute wohnen?”
“Na, die haben sich schon ein anderes Haus gesucht.”
“Und warum?”
“Weil sie eben das neue Haus mehr mögen.”
“Achso.”
“Und deswegen muss ich total gut aussehen. Und deswegen muss ich gerade meinen Schuh putzen.” Und er putzte den Schuh.
Weil das Mädchen eine Weile nicht antwortete, schaute Thule auf. Ob sie weg war? Nein, da stand sie noch mit sichtbar ratternden Zahnrädern im Kopf. Schließlich schien sie erfolgreich einen Gedanken formuliert zu haben und sagte: “Mein Papa ist auch ein Putzer!”
Ein Putzer.
Das Wort hallte in Thules Kopf nach. Ein Putzer. Meinte sie damit einen Hausmeister, oder…?
“Mein Papa sagt immer, wir müssen die Gesellschaft putzen”, sagte das Mädchen jetzt mit kindlichem Ernst.
Also so ein Putzer. Politik. Davon hielt Thule nichts.
“Na, also ich putze aber nur Schuhe. Guck mal, damit habe ich schon genug zu tun”, sagte Thule in der Hoffnung, vom Thema abzulenken. Fehlanzeige.
“Aber was mein Papa macht, das ist viel wichtiger als dein Schuh!”
Thule nickte. Sein Maklerlächeln blitzte auf. Irgendjemand beobachtete ihn garantiert. Das fühlte sich an wie Mücken, die ihm um den Nacken schwirrten. Wo war denn nun die Mutter des Kindes?
Den Lappen noch in der Hand, stellte er seinen Fuß auf den Boden und drehte sich vollständig zu dem Mädchen mit der rosa Schleife im Haar um, das ihn herausfordernd anschaute.
“Das weiß ich doch”, versicherte er dem Kind freundlich. “Die Gesellschaft ist viel wichtiger als ein doofer Schuh. Natürlich.”
“Mein Papa sagt auch immer, ich muss gut aufpassen, ob es nicht was zu putzen gibt”, plapperte das Kind weiter. Etwas. Thule wusste wohl, was das hieß, auch wenn er sich aus der Politik raushielt. Die Politik ging ihn und ganz prinzipiell jemanden wie ihn überhaupt nichts an. Warum sollte sich dann dieses kleine Kind damit befassen, das seinem Vater offensichtlich nur nachredete?
“Weil wenn man nicht sauber ist und wenn man irgendwie quer steht”, fuhr dieses kleine Ding immer weiter fort, “dann passt man nicht rein und dann wird man eben weggeputzt. Weil es so viele böse Menschen bei uns gibt. Spione und Verräter, sagt mein Papa. Die putzt er alle weg!” Als sie das letzte ‘P’ bildete, drückte sie ihre kleinen Lippen zu stark zusammen, sodass zusammen mit dem Laut etwas Sabber herauskam. Es wirkte, als sei das Wort zu groß für ihren Mund. Putzen. Putzer.
Ein kurzer, irrsinniger Gedanke schoss Thule durch den Kopf. Was wäre, wenn dieser furchtbare Nachbar einmal… wenn man ihn nun schnell und einfach loswerden könnte? Wenn nur diese Putzer zu ihm kämen - - - Aber Unfug! Der war ja harmlos, der Nachbar! Thule hatte auch so schon Ruhe. Sie ließen sich ja beide weitestgehend in Ruhe. Es gab gar keinen Grund, warum die Putzer zum Nachbarn gehen sollten. Das war der springende Punkt, der immer wiederholt wurde, sodass auch Thule ihn mitbekommen hatte und so hinnahm: Man wurde nur weggeputzt, wenn man es verdiente. Nervig zu sein war kein Argument. Wieso kamen ihm überhaupt solche Gedanken?
“Dann musst du mächtig stolz auf deinen Papa sein, oder?”, schloss Thule stattdessen.
“Total! Der hat diese coole Sonnenbrille und-”
Auf der anderen Straßenseite tauchte eine junge blonde Frau auf. Sie schaute sich beunruhigt um, ihre gesamte Körpersprache glich der einer sprungbereiten Raubkatze. Sie rief, nein, schrie nach dem Kind. Das Mädchen zuckte bei dem Lärm zusammen, drehte sich um, erblickte die Mutter, gab Thule ein kurzatmiges “Okay, tschüss” und ging dorthin, wo man nach ihr verlangte.
“Bei Gott, mach sowas nie wieder!”, schallte es zu Thule herüber. “Immer dieses Wegrennen, mach’ das noch einmal und ich schwöre dir -”, war noch zu vernehmen, dann waren die beiden verschwunden.
Thule atmete auf. Ein unangenehmes Gespräch über ein unangenehmes Thema! Von diesen Dingen wusste er sowieso nicht viel. Er bemühte sich sogar absichtlich, überhaupt nichts davon mitzubekommen; bei der Dominanz, die dieses Thema in der gesamten Gesellschaft eingenommen hatte, war er aber nicht umhingekommen, dieses und jenes ewig wiederholte Argument zu hören. Man sagte, aus gegebenen Anlässen sei eine neue Behörde gegründet worden: Die Putzer. Und sie handelten nie ohne Anlass, man wurde eben nur weggeputzt, wenn man es verdiente. Und man musste die Gesellschaft ein bisschen reinigen, ein bisschen durchlüften, dazu gab es die Putzer. Überall waren ja wieder Kriege ausgebrochen, und überall auf der Welt gab es Staatsfeinde, die das Land bedrohten. Da konnte man ja nie wissen. Da konnte ja jeder der Feind sein. Das alles klang in Thules Ohren plausibel genug, wenn er denn am Rande etwas davon mitbekam. Die Methoden dabei waren wohl etwas ruppig, ließ man widerwillig durchblicken, etwas hart, und so etwas konnte Thule nicht ausstehen, weil er ein Freund der schönen Worte und nicht der Fäuste war. Aber wenn es sich nun eben nicht vermeiden ließ, was blieb einem da übrig? Wenn welche hier waren, die nicht hier sein sollten, gar nicht hier sein durften? Da musste man eben durchgreifen. Wer war er schon, sich darüber zu beschweren? Diese ganze Politik überließ er den Leuten, die auch Ahnung davon hatten und etwas bewirken konnten. Die Putzer waren jetzt nun einmal da - gut -, aber mit ihren Aufgaben musste er sich nicht befassen, ihre Methoden musste er nicht gutheißen, und Kontakt mit ihnen ließ sich einwandfrei umgehen. Mit dieser Einstellung war er bislang gut gefahren. Und eigentlich ging es ihn auch überhaupt nichts an. Er hob der Mutter etwas zu spät zum Gruß die Hand, sie war schon verschwunden. Dann wandte er sich endlich wieder dem Stiefel zu.
Aber der ewige Fleck war weg. Er war einfach nicht mehr da. Er konnte sich doch jetzt nicht in Luft aufgelöst haben? Er war doch ein Grundelement, eine Institution? Nein, wirklich, er war weg, was für eine Erleichterung. Thule raffte sich auf, griff nach dem Aktenkoffer und eilte endlich auf den Weg zur Arbeit. Er hatte es ja sowieso eilig, nur den Fleck konnte er nicht dulden, wenn er sich als Makler sehen lassen wollte. Wie gut, dass er weg war!
Zügigen Schrittes ging er vorbei an wohl gepflegten Lattenzäunen von strahlendem Weiß, vorbei an hochgewachsenen Rosenbüschen und neckischen Gartenzwergen, vorbei an friedlichen Teichen und Springbrunnen mit ihren Wasserspielen, bunten Kinderschaukeln aus Plastik und glänzenden Rasenmährobotern, auf die man lustige Wackelaugen geklebt hatte. Er grüßte im Vorbeigehen einen pedantischen Heckenschneider, der mit Zentimetermaß die Grenzüberschreitung des Busches seines Nachbarn abmaß. Die Mülltonnen fein säuberlich nebeneinander aufgereiht wie verschiedenfarbige Spielzeugsoldaten.
Das war die Vorstadt, wie er sie kannte - wie sie ihn verführt hatte, endlich aus der dicken dunstigen Stadt auszuziehen. Einen Neuanfang zu wagen, ohne Marie. Zumal er sich hier unter der gehobenen Mittelschicht eine goldene Nase verdienen konnte; die weißen Reihenhäuser sahen aus wie einem Bilderbuch entsprungen, waren ganz und gar nicht günstig, und er als Immobilienmakler bekam saftige und großzügige Provisionen ab. Diese weißen Lattenzäune, soweit das Auge blickte, erfüllten sein Herz - und den Käufern ging es ebenso - mit einer schwer zu begreifenden Freude. Das Leben war gut hier. Und die Putzer gingen ihn überhaupt nichts an.
Als sich kleine Schweißflecken unter seinem Sakko gebildet hatten und er das zu verkaufende Haus erreicht hatte, nahm er sich zusammen, wischte die Stirn ab, kam zu Atem und bog in die Auffahrt ein.
Vor der Tür standen zwei Putzer.
Kapitel 2
Vor dem Haus, das Thule vermitteln sollte, standen zwei Putzer. Sie flankierten die Tür, die kaum noch als Tür galt, die lose in den Angeln hing, achtlos aufgetreten und beiseite geschlagen. Putzer? Was wollten die? Standen da mit ihren schweren schwarzen Kampfstiefeln, die Arme vor der Brust verschränkt. Ein großer muskulöser auf der linken Seite, ein kleiner dicklicher rechts. Diese Männer trugen schon aus Distanz gut sichtbar an der Hüfte Pfefferspray und, noch prominenter, das Putzequipment - inklusive Schalldämpfer.
Warteten die etwa - auf ihn? Er hatte noch nie welche in Person gesehen, und jetzt kreuzten sich ihre Wege so unmittelbar. Thules Vorstellungskraft lief Amok. Warum Putzer und warum hier? Er sollte doch nur die Eheleute Breczny treffen. Er bekam das Gefühl, dass dieser Termin nicht mehr zustande kommen würde.
Thule stand regungslos auf dem gepflegten Bürgersteig, vor der Pforte des weißen Lattenzauns. Sollte er nun das Grundstück betreten oder umkehren, wegrennen? Nicht, dass die Putzer Böses mit ihm vorgehabt hätten, das nicht, niemals nicht. Man wurde, wiederholte er zu Beruhigung, nur weggeputzt, wenn man es verdient hatte. Thule aber hatte nichts Falsches getan, hatte sich stets ordentlich und nachbarschaftlich verhalten, er kannte seinen Platz und zeigte das auch in seinem Auftreten. Er war ein ordentlicher Teil der Gesellschaft. Und er hatte saubere Schuhe! Nach allem, was man so hörte, müsste ihn das auf die richtige Seite stellen. Nein, ihm drohte von den Putzern in ihren schwarzen Uniformen nichts, sagte er sich, ihr bedrohliches Äußeres galt nur denen, die Staatsfeinde und Hochverräter und dergleichen waren, denjenigen, an denen irgendetwas falsch war, oder die an sich falsch waren, kurzum: es galt denen, die weggeputzt werden mussten. Das wurde schließlich immer und ewig wiederholt, so musste es also sein. Thule wusste, er selbst war nicht so jemand, der den Putzern Grund gegeben hätte, es auf ihn abzuzielen, und als er sich das vor Augen führte, spürte er seinen Herzschlag langsamer werden. Die waren nicht für ihn hier. Natürlich waren sie das nicht.
Sollte er also unbefangen an die zerstörte Haustür herantreten und mit den Brecznys sprechen, als wäre nichts? Oder würde er damit die Putzer stören, würde sich unwissentlich in eine Privatsache einmischen und dadurch demonstrieren, dass er also doch nicht seinen Platz in der Gesellschaft und Nachbarschaft kannte? Dilemma! Es gab zu viele potenzielle Fettnäpfchen, die es zu umgehen galt. Und ohne jeglichen Zweifel stand irgendjemand irgendwo mit seinen Augen und Ohren bereit, um zu sehen und weiterzuerzählen, wenn Thule einen noch so kleinen Fehler machen würde. Überhaupt würde diese beliebige Person weitergeben, was Thule tat, auch wenn er sich perfekt verhalten sollte. Aber je länger er hier wie versteinert stehen bliebe, desto schlechter wäre das, er musste eine Entscheidung treffen, musste sich bewegen…
Das Problem löste sich von selbst, als der linke muskulöse Putzer Thule bemerkte, seinen dicken Arm langsam hob und ihm mit gekrümmtem Zeigefinger bedeutete, näher zu kommen. Mit elastischen Schritten überquerte er also die Grundstücksgrenze, durch den weißen Zaun, und ging die sauberen Fliesen die Einfahrt hinauf.
“Ich bin der Makler-”, begann Thule sich vorzustellen und streckte eine verschwitzte Hand in Richtung des linken, klotzigen Mannes aus, der aber keine Anstalten machte, sie zu ergreifen. Jetzt aus der Nähe konnte Thule die Männer genauer betrachten. Der Linke, der ihn herangelockt hatte, war ein breitschultriger und durchtrainierter Prachtkerl, dessen Muskeln sich deutlich unter dem etwas zu engen hellblauen Hemd abzeichneten, sein Kopf mit den kurzen blonden Borsten ragte weit über Thule hinweg, war insgesamt die lebende Definition von ‘einschüchternd’. Hinter der Sonnenbrille war kein Funkeln, im ganzen Gesicht kein Hinweis zu entdecken, ob er Thules Anwesenheit überhaupt zur Kenntnis nahm; das tat er aber zweifelsfrei, denn anstatt der Augen folgte gleich sein gesamter Kopf langsam jeder Bewegungen Thules. Der spürte, dass ihm diese seltsame Situation schnell aus der Kontrolle entwich, eigentlich nie unter seiner Kontrolle gewesen war, musste nun doch schlucken und ließ halb verzweifelnd den Blick zum anderen schweifen, ob nicht wenigstens der die noch immer ausgestreckte Hand ergreifen wollte. Auch hier - gespiegelte Sonnenbrille, man sah dahinter nicht den Träger, sondern nur wieder sich selbst, den Betrachter. Dieser hier war kleiner und älter, dicklich, trug eine robuste Panzerweste über dem hellblauen Hemd, unter dem sich der Bauch deutlich abzeichnete, und eine beige Cappy auf dem Kopf. Thule gab sich noch fünf Sekunden, und wenn er dann den Arm nicht heruntersacken ließe, stellte er fest, würde er ihn wohl für immer ausgestreckt lassen müssen.
Da regte sich der rechte, der Dickliche, löste die Arme aus der Verschränkung und winkte ab.
“Nicht doch”, schreckte seine tiefe knarzende Stimme Thule auf. “Kein Grund für Formalitäten. Wir wissen, wer du bist, Thule.”
Ein leichter Windstoß ergriff den roten Vorhang, der hinter der zertrümmerten Haustüre hing. Thule erschauerte. Wir wissen, wer du bist. Reflexhaft wanderte Thules Blick an die Brust erst des einen, dann des anderen Mannes. Beide waren in keinster Weise gekennzeichnet, keine Dienstnummer, keine Namen. Ich weiß aber nicht, wer ihr seid, dachte er. Woher kannten die ihn? Verfolgten die ihn? Hatte er sich nicht doch mit irgendeiner Regung verdächtig gemacht? Ah, er wusste, er hätte sich vorhin im Gespräch mit dem Mädchen noch mehr um Freundschaftlichkeit bemühen müssen…
“Du bist Immobilienmakler”, fuhr der Putzer fort. “Hast dein Gesicht überall in die Zeitung gepflastert. Mir persönlich gefällt aber das große Plakat in der Ortsmitte am besten.” Natürlich! Das war es! Das ergab Sinn! Alles war gut. “Man könnte sagen, ich bin ein Fan deiner Arbeit! Was steht da noch gleich drauf auf dem Plakat, ich krieg’s nicht mehr zusammen”, fuhr der Dicke fort.
“‘Schöner Wohnen muss sich lohnen’”, zitierte Thule seine Werbung mit etwas Stolz.
“In der Tat - schöner Wohnen! Wenn man so etwas liest, wird gleich klar, dass du und wir uns sehr ähnlich sind in unseren Unterfangen.”
“Wie kann ich denn helfen?”, fragte Thule und machte sich größte Mühe, das Maklerlächeln aufzusetzen. Seine Reflektion in der verspiegelten Sonnenbrille des Putzers zeigte ihm, dass es ihm nicht gelang.
“Wenn du nur deinen Job machst. Wir stehen hier vor den Pforten eines wunderschönen Hauses, das gerne gemakelt werden will - sagt man das so? Jedenfalls muss es”, der Putzer räusperte sich, “makelLOS sein!” Er lachte herzlich über seinen eigenen Witz. Der Muskelmann auf der linken Seite der Tür rührte sich keinen Zentimeter.
“Deswegen bin ich ja hier, aber ich verstehe nicht, wieso - eigentlich”, stolperte Thule unbeholfen über seine Wörter und legte eine Pause ein, um sich zu sammeln. “Schauen Sie, ich bin bloß hier, um die Brecznys zu treffen -“
“Ja, ja, das hat sich alles schon erledigt”, stieß der dicke Putzer zwischen den Lippen hervor. “Die sind schon weg. Das Haus ist sauber.”
“Wie, sauber -?”, stotterte Thule.
“Du bist wohl schwer von Verstand? Das Haus ist geputzt! Die kommen nicht wieder.”
Thules Augen weiteten sich, als er verstand. Sie waren weg. Sie waren - weggeputzt worden. Das musste aber ja heißen - das ließ nur einen Schluss zu - die Brecznys, dieses alte Ehepaar, das waren Feinde der Gesellschaft gewesen! Die waren falsch und verwegen, und jetzt hatte man sie wegputzen müssen. Das hätte Thule sich nie träumen lassen. Am Telefon hatten sie nicht so auf ihn gewirkt, ganz und gar nicht. Aber hinterher war man immer schlauer. Deswegen war er selbst auch kein Putzer - andere hatten ein besseres Gespür für solche Dinge, bessere Augen und Ohren, konnten selbst bei wildfremden Menschen fast auf Anhieb erkennen, was Sache war. Was an ihnen nicht richtig war. Nun also. Die Brezcnys - fort. Plötzlich spürte Thule eine unheimliche Last von seinen Schultern gelöst, stand sofort aufrechter und selbstbewusster, spürte, dass sein weißes Maklerlächeln an seinen Platz zurückkehrte. Ihm würde wirklich nichts passieren.
“So, das hätte ich mir schon denken können”, log er, obwohl es ihm in diesem Augenblick wirklich erschien, als hätte er geahnt, dass etwas faul sei mit seinen Fast-Klienten. “Wissen Sie, ich habe die gar nicht in Person gekannt, hatte nur ein einziges Telefonat mit den beiden letzte Woche, wissen sie? Aber schon da kam es mir vor, dass da irgendwas komisch mit denen war. Sie verstehen, was ich meine? Ich konnte bloß den Finger nicht recht drauflegen. Was war das denn, was sie letztendlich entlarvt hat, möchte ich gern wissen, wenn ich fragen darf?”
“Darfst du nicht.”
Thule verstummte abrupt.
“Meinem Kollegen und mir”, der Dicke deutete vage zum Muskelmann, “geht es nur darum, dass sich dieses wunderschöne Haus in einem ordentlichen Zustand befindet und nicht so zugestellt ist mit Krimskrams. Damit jemand Anständiges einziehen kann. Jemand, der besser in das generelle Stadtbild passt. Und der natürlich kein Volksverräter ist. Du verstehst mich, Thule.”
Thule nickte. “Ich verstehe, ich verstehe. Ich bin schließlich der beste Immobilienmakler, den es hier gibt. Wie gut, dass wir uns hier so zufällig getroffen haben! Wenn also die… Personen schon fort sind, wie Sie sagen, geht der ganze Prozess auch viel schneller als sonst, es gibt weniger auszuhandeln, Sie werden schon sehen. Ich werde gleich morgen eine Anzeige schalten, Sie werden schon sehen, und ganz schnell wird es Interessenten geben und -”
“Ist alles gar nicht nötig, Mensch”, unterbrach der Putzer ihn. “Es gibt bereits ein wunderbares junges Ehepaar, das mehr als bereit ist, so schnell wie möglich hier einzuziehen.”
“Achso? Na, umso besser. Dann habt ihr ja alles im Griff, dann gibt es nichts für mich zu tun -”, stellte Thule perplex fest. Er wollte gerne gehen und die Putzer und die ganze Politik - dieses Wort erschien ihm im Kopf wie ein großes Schimpfwort - einfach, wie es zuvor auch funktioniert hatte, ignorieren. Keinen Kontakt haben. Sein Leben leben, wie es ein gutes Individuum tat. Immobilienmakler sein.
“Das Haus muss aber schon ordentlich sein”, wurde ihm wieder das Wort abgeschnitten. “Du bist also ein guter Bürger - ein guter Makler - und räumst die ganze Scheiße raus. Nur die Möbel lass stehen”, erklärte der Dicke unbeirrt.
In diesem Augenblick trat eine Frau durch die Überreste der Haustür, auch sie mit Sonnenbrille und bewaffnet. “Wir sind hier fertig”, sagte sie knapp an den Dicken gerichtet und ging an ihnen vorbei zur Straße, wo ein schwarzer SUV geparkt stand.
“Wir haben uns also verstanden? Den Müll am Bürgersteig ablagern, der wird abgeholt in drei Stunden.”
“Warum ich? Ich verstehe nicht - “, setzte Thule an.
“Wir Putzer” - mit welchem Stolz dieser Dicke das Wort aussprach! - “können eben nicht alles machen, Mensch. Thule, ich sag’s dir offen und ehrlich: Wir haben einfach zu wenig Leute und zu viel zu tun. Es gibt so viel Arbeit! So viele fragwürdige Gestalten, die man entfernen müsste. Uns läuft einfach die Zeit davon. Und du bist doch ein guter Genosse, oder nicht? Du unterstützt uns doch? Es ist ja auch deine Gesellschaft. Jeder muss ein bisschen mit anpacken, finde ich. Ich sehe es dir an, du bist auf unserer Seite! ‘Schöner Wohnen muss sich lohnen’, nicht wahr? Ich glaube an dich!” Damit setzten sich auch die zwei anderen Putzer in Bewegung, durch den Vorgarten bis zum offenstehenden Gartentörchen, wo sich der Dicke noch einmal umdrehte.
“Ach, Thule?”
“Ja?”
“Dein Schaden soll es nicht sein.”
Als der Van davongefahren war, schaute Thule auf die Uhr. Es war 10 Uhr. Drei Stunden. Was ein Wandel des Tages! Damit hatte er nicht gerechnet, überhaupt hatte er mit Vielem nicht gerechnet. Woher wussten die zum Beispiel, wo sie Thule antreffen würden? Hatten sie ihn etwa beobachtet? Musste, musste. Aber das schockierte ihn nicht besonders, denn er wurde ja sowieso von seinen Mitmenschen beobachtet, ob das nun Zivilisten oder Putzer waren, machte keinen großen Unterschied. Er selbst aber wusste nicht einmal, wie die Mann hieß, der ihn so abrupt und trotzdem sehr freundschaftlich in die Aufgabe eingewiesen hatte. Irgendjemand musste es eben machen, und nun war es Thule. Er hatte Instruktionen, kurz und prägnant, und wenn er die nur pflichtbewusst ausführte, dann würde er sich nichts zuschulden kommen lassen. Also auf! Er stieß vorsichtig den schweren roten Vorhang beiseite, machte einen großen Schritt über die losen Türsplitter, und trat ein.
Unter seinen Stiefeln knarrten die Dielenbretter und ein beißender Geruch von Mottenpapier stieß ihm entgegen. Als seine Augen sich an das Halbdunkel und seine Nase an den Geruch gewöhnt hatten, schaute er sich um. Vor ihm lag der Eingangsflur, an dessen Ende eine Treppe in die obere Etage führte. Links und rechts führten Türen zum Wohnzimmer, zur Toilette und zur Küche. Ein ganz normaler Grundriss, den kannte Thule, viele Häuser hier waren identisch aufgebaut. Vorgarten mit weißem Lattenzaun, Haus mit zwei Etagen, kein Keller. Obwohl Thule schon in einigen solcher Häuser gewesen war, fühlte sich das hier anders an. Es fühlte sich an wie ein Einbruch? Aber nein, das gehörte ja niemandem mehr, machte Thule sich klar. Das alles war Ramsch, das war eine informelle Wohnungsauflösung. Außer den Möbeln alles weg. Das war die Aufgabe.
In der Mitte des Wohnzimmers stand ein Esstisch, dekoriert mit einem verwelkten Blumengesteck und heruntergebrannten Kerzenleuchtern, deren Wachs auf der Tischplatte zu einer harten weißen Fläche zusammengeschmolzen war. Das war nicht erst seit gerade so, das Haus war schon seit einer Weile langsam verwahrlost. Er erinnerte sich an das, was die Brec- die ehemaligen Bewohner ihm am Telefon gesagt hatten. Zu alt geworden. Sie hatten sich entschlossen, in ein Altenheim zu ziehen. Kinder hatten sie keine, und allein ließ sich der Haushalt nicht mehr hinreichend führen. Das war überall zu erkennen. Und wie muffig das hier roch! Thule hielt sich die Nase zu und ging um den Tisch herum zum Fenster, das mit altmodischen Vorhängen behangen war, die ihrem Muster nach zu urteilen aus den 70ern stammten. Er riss sie beiseite und ließ Licht hineinfallen. Das verschmierte Fenster öffnete er. Tief Luft holen.
Draußen ging der Sommer zur Neige und das erste Laub hatte sich bereits im Vorgarten angesammelt. Eine verirrte Biene schwebte Thule vor der Nase und landete auf dem Fenstersims. Sie krabbelte herum, lief im Kreis, als hielt sie eine unsichtbare Kraft davon ab, hineinzukommen. Thule beobachtete eine Weile die Passanten. Jenseits des weißen Gartenzauns sah er zwei kichernde junge Frauen vorbeiziehen, lachen. Kurz dahinter einen jungen Burschen mit einem länglichen Paket unterm Arm. Ein Auto fuhr in Schrittgeschwindigkeit vorbei. Das da waren gewiss keine Staatsfeinde. Das war die Gesellschaft, für die das alles war. Für die die Putzer ihren Dienst taten. Die Gesellschaft, der auch Thule angehörte. Da draußen, das waren die Menschen, die zählten. Eine allzu bekannte Frauenstimme drängte sich ihm in den Kopf, die sagte: “Alle Menschen zählen.” Aber warum wurden dann manche weggeputzt? Die Stimme sagte darauf nichts mehr. Nein, hier drinnen war nichts, was zählte, sogar eine Luft von Toten wehte hier, meinte er jetzt zu bemerken. Eine Grabesstille dazu. Nicht einmal diese Biene wollte hier hinein!
Thule wandte sich wieder dem Wohnzimmer zu, das er im Sonnenlicht besser betrachten konnte. Zu seiner linken Seite gab es eine kleine Hausbar, die offensichtlich schon lange nicht mehr genutzt worden war. Die Flaschen hinter dem Tresen waren leer und mit einer dicken Staubschicht überzogen. An der Wand neben der Tür standen ein Schrank und eine niedrige Kommode. Der Schrank war bis zum Rand vollgestellt mit Tellern und Tassen aus Porzellan. Als Thule vorsichtig die Schubladen öffnete, entdeckte er in der Kommode diverse Spiele, auf den ersten Blick war ein Schachbrett zu erkennen und eine Schachtel mit bunten Steinen für Mensch-ärgere-dich-nicht. Behutsam schloss Thule die Fächer wieder und trat hinaus auf den dunklen Flur. An der Wand hing da eine alte Fotokopie: Eine Kirche, umgeben von vielen Menschen mit eine Reihe Eichen dahinter. Bedeutungslos. Er warf einen Blick in die Küche, in der er nichts Auffälliges bemerkte. Dann mit bedächtigen Schritten die Treppenstufen hinauf. Wie unheimlich! Auf jeder zweiten Stufe war sorgfältig eine Puppe platziert. Was war nur mit manchen Leuten falsch?
Die Brecn - die Vorbesitzer hatten die letzte Zeit wirklich nicht gut gelebt, eigentlich nur noch gehaust. Oben fand Thule ein Arbeitszimmer, in dem Chaos herrschte. Fast wäre er über den kleinen Berg Aktenordner gestolpert, der sich auf dem Boden gebildet hatte. Einzelne herausgerissene Seiten Papier lagen darauf und daneben und wirkten im schummrigen Licht wie eine dünne Schicht Schnee. Thule konnte nicht anders, als zu schlussfolgern, dass es eigentlich doch gut war, dass die Putzer schon für neue Bewohner gesorgt hatten. Diese Neuen hatten definitiv noch nie einen Schritt auf das Grundstück gewagt, hatten das Haus nicht von innen gesehen, und wenn Thule den normalen Maklerprozess hätte durchlaufen müssen, wäre es ein unheimlicher Mehraufwand gewesen, die Immobilie von innen präsentabel zu gestalten. Was sich jetzt abspielte und wie Thule einen so anderen Job bekommen hatte, war sehr ungewöhnlich, aber nicht komplett wahnsinnig. Nein, schloss Thule, eigentlich hatten die Putzer ihm beinahe so etwas wie einen Gefallen getan. Es geschah schließlich alles aus einem Grund.
Mit diesem Gedanken betrat er das andere große Zimmer im Obergeschoss, das Schlafzimmer. Vor dem Bett lag ein umgefallener Stuhl. Die Schubladen aus der Kommode rechts waren herausgerissen, die Strümpfe und Unterhosen im ganzen Zimmer verteilt.
Auf dem Bettlaken zeichnete sich ein dunkelroter Blutfleck ab.
Thule drehte sich auf der Stelle um, die Lippen zusammengepresst, und ging wieder die Treppe herab, jetzt um einiges unvorsichtiger, barscher. Er ging in die Küche und machte sich auf die Suche. Man hatte ihm nichts zum Räumen gegeben, er musste sich behelfen. Im Schrank unter der Spüle fand er zwei Rollen Müllsäcke und Gummihandschuhe. Damit ausgestattet betrat er wieder das Wohnzimmer, öffnete den großen Schrank mit dem Geschirr. Die Uhr sagte, er hatte eine halbe Stunde verloren. Wie das? War er so tief in seinen Tagträumereien versunken? Die Gedanken waren der Feind, die hielten ihn davon ab, zu funktionieren. Jetzt durfte er nicht denken, jetzt wollte er nicht denken. Jetzt musste es schnell gehen, wenn er die Frist einhalten wollte, die der dicke Putzer ihm gegeben hatte. Es nützte nichts. Die Augen starr, griff er mit beiden Händen in den Schrank und ließ das Porzellan, auf dem feine Goldränder aufgemalt waren, klirrend in den Müllsack stürzen. Nach einer Weile hatte er sich an das Scheppern der zerspringenden Teller gewöhnt.
Kapitel 3
Scheppernd und stampfend bewegten sie sich durch die Straßen: Schwarz gestiefelte Putzer mit kugelsicheren Westen über eingesteckten hellblauen Hemden, Sonnenbrillen, Schlagstöcken, Pfefferspray und Pistolen. Männer und Frauen gleichermaßen waren das, hellhäutige und blonde Gestalten voller Stolz, zu denjenigen zu gehören, die die großen Probleme der modernen Zeit angingen: Die Gesellschaft muss geputzt werden. Wir sind die Putzer. Wir putzen die Gesellschaft.
Zweierreihe, Gleichschritt, eine Trommel gab den Ton an, Schritte im Takt. Alle Straßen voll von diesen Gestalten mit ernsten Blicken und Händen an den Leib gedrückt. Eine Invasion war das! Totale Übernahme! Fremd anmutende Heerscharen mit ihren roten Bannern, denen beinahe etwas Übernatürliches innewohnte, unheimlich und markerschütternd - und irgendwie auch schaurig-schön. War das eine einfache Behörde, wie es das Grünflächenamt war? Da steckte mehr dahinter… Die wirkten wie eine Naturgewalt, wie eine Unausweichlichkeit der Geschichte. Ja, die Zeit schritt immer und immer weiter fort, zermalmte mühelos Felsen und schob die tektonischen Platten hin- und her. Sie, die Zeit, war kein Teil der Natur, sie war die Herrin der Natur und führte sie vor sich her wie eine Puppe - ja, wenn man die Zeit in ihren großen Einheiten betrachtete, erschien die Natur, und als widerwilliger Teil ihrer auch der Mensch, als ein kaum nennenswerter Witz, ein Staubkorn, ein Nichts. Und so wie der Wellengang gegen die Küste klatschte, so wie Wälder hinauswuchsen und ihre Kronen ausbreiteten, so wie nach einem üblen Unwetter ein Regenbogen am Himmel erscheinen muss, so waren auch die Putzer erschienen.
Dieses Bild sah Thule vor seinem inneren Auge, während er nach Hause ging. Er wehrte sich gegen dieses Bild, gegen diese Eindrücke und Gedanken, die auf ihn einströmten, nicht etwa, weil sie ihm falsch erschienen, sondern weil er überhaupt keine Gedanken und Eindrücke zu diesem Thema haben wollte, aber es nützte nichts. Die schwarzen Uniformen der Putzer in den Straßen, in der Stadt, glichen einer Ascheschicht, die nicht vom Himmel hinabgeregnet, sondern von jetzt auf gleich aus den Poren des Bodens emporgestiegen war und deshalb schon immer dort geschlummert und auf ihre Zeit gewartet haben musste. Die Putzer und ihre Ankunft, ihr plötzliches Auftreten, war in der Zeit selbst festgehalten und vorgeschrieben, so kam es Thule vor, und diese Unausweichlichkeit hörte man in dem Scheppern und Stampfen, wenn sie die Straße entlangmarschierten, und es verlieh ihnen eine erstaunliche erhabene Würde. Es konnte unmöglich einer aufstehen - warum sollte er auch! - und die Existenzberechtigung dieser Behörde in Frage stellen. Würde das denn jemand tun, wenn es um die Schwerkraft ging? Und das war beinahe das gleiche.
Ja, die Putzer wirkten, als hätte es sie eigentlich schon immer gegeben, und vielleicht hatte es sie das wirklich, denn die Putzer, ehe sie diesen Titel und ihre Ausrüstung erhalten hatten, waren normale Bürger gewesen, man konnte sagen, Durchschnittsmenschen. Thule wusste genug über die Putzer, um das sagen zu können. Er wusste im Übrigen nicht viel von ihnen, hatte sich nicht wirklich mit ihnen auseinandergesetzt, hatte bis eben keinen persönlich getroffen, aber er hatte doch diese und jene Schlagzeile nicht umgehen können, und er hatte einmal, kurz vor dem Umzug, aus der Ferne beobachtet, wie eine Handvoll dieser Leute auf der Straße patrouilliert hatten. Das waren, auch wenn sie sich nicht so zeigten, normale Bürger. Der nette Herr im Krämerladen; die stürmischen Jugendlichen, die noch auf dem Spielplatz ihre Wodkas verschütteten; der schlaue Professor, dem die Brille immer ein Stückchen die Nase hinabrutschte; die leichte Dame am Straßenstrich, die nur Männer ansprach, die ihr sympathisch waren; auch die Feuerwehrleute, die den Grundschulkindern zeigten, wie die großen Löschschläuche sich aus- und einrollten - alle diese und ungezählte mehr hatten, als die Zeit, die unausweichliche, gekommen war, sich gemeldet und das Amt angetreten. Sie hatten gemeinsam über einen langen Zeitraum hinweg daran gewirkt, wohlgemerkt passiv, denn es war ja eigentlich die Zeit, die durch sie wirkte, wollte Thule immer wieder betonen, wenn er sich diese Geschichte der Putzer jetzt einmal gezwungenermaßen ausmalte, - hatten also daran gewirkt, dass es so kam, wie es gekommen war. Nämlich, dass das Land und seine Bevölkerung ernsthaft und zielorientiert gereinigt, gesäubert, geputzt werden mussten; dass die Zeit der Putzer gekommen war. Und die Putzer kamen nicht in die Gesellschaft, die Putzer waren die Gesellschaft. Und so sehr Thule auch die Gesellschaft liebte, wollte er doch mit den Putzern nie etwas zu tun haben.
Das musste sich nicht widersprechen! Es gab Ausnahmen, die Welt bestand sogar zum großen Teil aus Ausnahmen, und die Regel selbst war dabei mehr Ausnahme als alles andere. So gab es schließlich auch in der unmittelbaren Nachbarschaft diesen einen Nachbarn, gleich im Haus neben Thule, der ihn am Vormittag skeptisch beobachtet hatte, als er seinen Schuh putzte, und den er beim besten Willen nicht ausstehen konnte.
Und zu Recht war diese Aversion, die Thule gegen den Mann hegte. Ein seltsamer Kerl war das! Thule war noch nie mit ihm zurechtgekommen. Gründe gab es dafür beileibe genug. Da war einmal der Fakt, dass Thule, obwohl er noch nicht lange hier wohnte, bereits ein ordentlicher Teil der Gemeinschaft geworden war. Gleich nach seinem Umzug war er dem Heimatverein beigetreten, wo er fleißig Hände schüttelte, manchmal auch des Anstands halber ein Bier mittrank, generell aber immer lächelte und vor allem Präsenz zeigte. Auch war er als Immobilienmakler tätig, sein Gesicht mit einem bis zur Perfektion getriebenen Maklerlächeln war regelmäßig in Inseraten in der Zeitung zu sehen. Darüber hinaus prangte sein strahlendes Gesicht auf einem großen Plakat neben dem kleinen lokalen Supermarkt, das er auf absehbare Zeit gemietet hatte. Es war also kaum möglich, in diesem Ort zu wohnen und nicht in irgendeiner oberflächlichen Weise mit Thule in Kontakt gekommen zu sein. Der alte Nachbar war offenkundig arbeitslos und verließ das Haus so gut wie nie. Auch schien er gar keine Kontakte zur Außenwelt zu haben. Er hielt einen sicheren Abstand zu den Leuten, und die Leute taten es ihm gleich.
Da war auch der Altersunterschied - Thule Ende 30, der Nachbar wohl Ende 60, wobei es auch gut sein konnte, dass er nur so alt wirkte, weil er sich nicht pflegte, kaum aus dem Haus ging und einen generellen, für ältere Herren üblichen Missmut in jede Handbewegung, in jeden böse geworfenen Blick hineinlegte. Überhaupt erweckte er den Eindruck, aus bloßem Prinzip unzufrieden zu sein. Wenn man ihn fragen würde - bei Gott, Thule für seinen Teil hatte noch nie einen ganzen Satz mit ihm gewechselt - wenn man ihn fragen würde, durchaus gut gemeint, brüderlich die Hand auf seine Schulter legend, was denn los sei und womit er sich im Geiste herumtrieb, würde sicherlich eine Antwort kommen in der Art von: “Es tut alles weh”, und, so würde er möglicherweise schlussfolgern, “Früher war alles besser!” Am besten dazu noch ein Knurren in der Stimme des Nachbarn, wie ein Hund, der lange nicht mehr jemanden gebissen hatte, und der in einer Laune war, das zu ändern, einfach bloß um zu sehen, ob er es überhaupt noch könne.
So war ein derartiges Gespräch zumindest vorzustellen, aber es würde nie real stattfinden. Das wenigstens war eine Sache, die Thule über den Mann, den Griesgram, den ewig Verstimmten, sicher wusste: In seinem Hals klaffte dort, wo eigentlich der Kehlkopf hingehörte, ein unmöglich zu übersehendes Loch. Das war ein früherer Kettenraucher, und das roch Thule auch, wenn er jeden Tag an seinem Vorgarten vorbeiging, der aller Wahrscheinlichkeit nach als Friedhof für eine ungezählte Armada an zertretenen, absichtlich verstreuten Zigarettenstummeln dienen musste. Wobei die stinkenden Überreste im Übrigen nicht zu sehen waren, selbst dann nicht, wenn man bis an den Zaun herantrat und herüberspinkte. Alles das, um zu sagen: Der Mann, der Nachbar, war gar nicht dazu in der Lage, besonders Vieles oder Verständliches zu sagen, das ließ seine kurzatmige und heisere Kratzstimme nicht zu - was Thule nicht zu sehr störte, denn was für Gutes oder Cleveres könnte schon von diesem Graukopf, diesem Sturkopf kommen, dessen einzige Worte zu ihm in den paar Monaten, seit Thule aus der großen Stadt hergezogen war, “Was guckst du?”, “Leise!”, “Die Post.” und natürlich nicht zu vergessen “Arschloch” lauteten? Und ganz abgesehen davon - der Mann war kein wirklicher Teil der Gesellschaft, und deswegen lohnte es sich nicht, ihm übermäßige Höflichkeit entgegenzubringen. Ganz im Gegenteil - es konnte sogar rufschädigend sein. Abgesehen davon, dass Thule dieses Loch im Hals ausgesprochen eklig fand.
So sehr sich Thule also anpasste und sich einen eigenen Platz in seiner neuen Nachbarschaft erarbeitet hatte, so gab es Grenzen, und die waren erstens besagter Nachbar, zweitens die Putzer. Gegen Letztere hatte er nichts Persönliches, er war auch ihren Motiven nicht abgeneigt, kümmerte sich gar nicht viel um sie - er fand sie nur unheimlich, diese Gestalten, und sie erinnerten ihn an etwas aus seiner Vergangenheit, an das er nicht zu rühren wagte. Denn an dem Lauf der Zeit hatte er als Mensch ebenso wenig etwas zu rühren, was nicht hieß, dass er dem Konzept der Zeit per se abgeneigt war. Er hielt lediglich einen angemessenen, einen respektvollen Abstand. “Du ewiger Apologet!”, hörte er Marie in seinem Kopf protestieren. Er ignorierte das. Er hatte gute Übung darin, er tat es aus Reflex.
Nur war er jetzt nicht mehr aufrechtzuerhalten, der sichere Abstand, denn Putzer waren in der unmittelbaren Nachbarschaft aufgetreten und von sich aus auf ihn zugegangen. Jetzt musste er sich mit ihnen beschäftigen, über sie nachdenken, eine Meinung bilden? Eigentlich war er erbost darüber, dass er sich mit den Putzern auseinandersetzen musste. Das ging ihn doch alles gar nichts an! Bislang war das überhaupt nicht nötig gewesen. Aber jetzt ging es ihn unbestreitbar doch etwas an. Und so viele Gedanken über die Putzer wie eben hatte er sich noch nie gemacht und, um ehrlich zu sein, gefielen ihm die Bilder nicht, die er mit viel kreativer Freiheit vor seinem inneren Auge projiziert hatte.
Fühlte er sich denn wohl, jetzt, wo er erfahren hatte, dass diese Putzer in der eigenen Nachbarschaft aktiv waren? Er hörte es immer und immer wieder: Nur aus realen, unleugbaren Gründen wurde man weggeputzt. Das war immer selbstverschuldet. Das hatte er sich vorhin nach seinem ersten Schreck ins Gedächtnis gerufen, und jetzt tat er es wieder und immer wieder. Es war immer selbstverschuldet, wenn man Ziel der Putzer wurde. Das musste einfach immer selbstverschuldet sein.
In diesem Moment bemerkte Thule den Fleck.
Da war er wieder, auf seiner rechten Stiefelspitze, als sei er nie fort gewesen. Thule blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihn an.
“Gottverdammte Scheiße”, entfuhr es ihm.
“Entschuldigen Sie?” Das war eine aufgetakelte Dame, die in just diesem Moment an ihm vorbeigegangen war, als er den Satz laut ausgesprochen hatte. Es dauerte eine Sekunde, ehe Thule registrierte, dass die Frau sich wohl von seinem spontanen Ausruf angesprochen fühlen musste. Und zu allem Übel erkannte er sie. Das war die Vorsitzende des Heimatvereins, eine feine, würdevolle Frau, die immerzu den Eindruck erweckte, insgeheim blaues Blut in den Adern zu haben. Im Frühjahr, unmittelbar, bevor Thule hergezogen war, hatte sie einen Schlaganfall erlitten, der ihre rechte Gesichtshälfte betroffen ihr der motorischen Kontrolle entrissen. Aber sie strahlte eine derartige Würde aus, dass man ihre Beeinträchtigung gar nicht bemerkte, wenn man sich nicht gesondert darauf konzentrierte, obwohl es sich immerhin um die Hälfte des gesamten Gesichts handelte. Ausgerechnet diese Frau war es, die sich von Thules Ausruf aufs Ärgste beleidigt fühlte.
“Ach, Verzeihung, ich…”, stammelte er verlegen, kriegte aber vor Schreck keinen ganzen Satz heraus. Die Macht, die diese Frau hatte!
“Unverschämtheit!”, brauste sie auf und zog erhobenen Hauptes an ihm vorbei, ehe er noch etwas zu seiner Verteidigung hätte sagen können. Thule zog den Kopf ein und schaute sich schnell um, ob noch jemand anderes die unangenehme Begegnung mitbekommen hatte. Aber das war ganz egal, weil diese Frau sowieso einen irrsinnigen sozialen Einfluss hatte. Daheim würde sie sofort ihrem Mann und am Telefon ihren Freundinnen davon erzählen, dass der lokale Immobilienmakler ein Unhold war. Sie würde dabei maßlos übertreiben, würde es so darstellen, als hätte ein Betrunkener sie aufs Ärgste angepöbelt und beleidigt. Dann würde sie es im Heimatverein vorbeten. So wie die Putzer scheinbar wegen seiner Werbung auf ihn aufmerksam geworden waren, kannten Thule hier die meisten Leute von dem strategisch platzierten Werbeplakat am Supermarkt und den regelmäßigen Anzeigen in der Lokalzeitung. Schöner Wohnen muss sich lohnen! Sie alle würden sofort wissen, dass es sich um ihn handelte, in dieser Geschichte, in diesem Skandal. Das würde sich nicht gut auf seinen Ruf auswirken. Ganz und gar nicht gut.
Es war etwas faul an diesem Tag! Dieser Tag war verdammt! Aber Thule wollte sich trotz allem nicht herausnehmen und urteilen, dass es ein schlechter Tag gewesen war. Es war ein Tag. Es waren ungewöhnliche Dinge geschehen, sicher, aber das musste nichts heißen, nichts Gutes und nichts Schlechtes. Sagte er, das hier wäre etwa ein guter Tag gewesen, würde er dieser Zeiteinheit eine Art göttliche Gerichtsbarkeit auf die Stirn drücken; wer aber war er, absolut und final zu entscheiden, dass ein Tag oder überhaupt irgendwas gut oder schlecht sein sollte? Und bei diesem Gedanken ertappte er sich, Worte und ganze Wendungen von Marie übernommen zu haben, die er selber gar nicht vollständig verstand. Sie war es doch gewesen mit der komplizierten Literatur auf dem Nachttisch, sie, die fließend ihre Sprache wechseln konnte, vom Stile einer Gossenkönigin zur Akademikerin und wieder zurück. Auch wenn sie weg war, hatte sich doch unbestreitbar ein Teil von ihr in Thules Kopf festgesetzt und ihn nachhaltig verändert. Sich das einzugestehen war nicht allzu angenehm.
Er ging weiter zerknirscht den Bürgersteig entlang. War er jetzt also offiziell im Bunde mit den Putzern? Half er ihnen beim Putzen? Nein, nicht bei jener Sache, dafür war er gar nicht qualifiziert, das wollte er nicht und konnte es auch gar nicht. Aber das Aufräumen? Den Schlusspunkt hinter eine erfüllte Mission setzen? Das zählte ja gar nicht als Putzen. Ein Satz war auch ohne Punkt trotz allem ein Satz. Und wenn Thule es nicht tat, würde es eben jemand anderes machen. Und die Leute, die einmal dort gewohnt hatten, waren Volksverräter und waren weg, ob mit oder ohne Thule. Man tat einfach, was man tun musste - Thule tat, was er tun musste. Immerhin war er nicht das Ziel der Putzer, wie er einen furchtbaren Moment gedacht hatte. Aber der Tag war vorüber, das Haus leer und gleich an die Nächsten versprochen. Also ein erfolgreicher Tag?
Er passierte die Reihenhäuser mit ihren ewig gleichen weißen Gartenzäunen, den gut getrimmten Bäumen und Büschen. Da vorne, jenseits von seinem Haus, endete die Straße abrupt in einem Wendehammer, dahinter kam ein künstlich angelegtes Waldstück, bei dem die Bäume in einer kalkulierten Unregelmäßigkeit gepflanzt worden waren. Es war auf den ersten Blick zu sehen, dass das keine von der Natur erschaffene Konstellation war. Thule sah diese Bäume jeden Tag, er hatte sich daran gewöhnt und war sehr gut darin, sie einfach auszublenden. Überhaupt war er sehr gut darin, unangenehme oder störende Dinge und Sachverhalte auszublenden.
Jenseits dieser Bäume endete der Ort abrupt, das war das Ende, dahinter war nichts mehr, was sich zu sehen lohnte. Ein Umspannwerk stand da noch, wo ein normaler Bürger sowieso nichts zu suchen hatte. Das war die Demarkationslinie der Zivilisation. Daneben führte die lange Hauptstraße in Luftlinie weg aus dem Ort, in die entgegengesetzte Richtung von der großen Stadt, geradewegs in den unbevölkerten luftleeren Raum von Feldern und Wäldern, wo es nichts für einen normalen Bürger wie Thule zu sehen gab. Man konnte nur in die entgegengesetzte Richtung fahren, geradewegs hinein in die große, volle, laute Stadt. Aber von dort war Thule erst vor wenigen Monaten weggezogen, fast geflohen. Also konnte er entweder hier bleiben im Vorort, wo er sich gerade einen Namen als Immobilienmakler gemacht hatte, und ordentliches Geld verdiente, oder er konnte sich ins Auto setzen, einmal durch den ganzen Ort fahren, vorbei an der Grundschule, vorbei an der kleinen Bibliothek, vorbei am Marktplatz und vorbei am Supermarkt, an dessen Wand Thules Gesicht mit dem Maklerlächeln prangte. Am anderen Ende des Ortes erst konnte man abbiegen und auf die Hauptstraße gelangen - nach rechts ging es in die große Stadt, nach links ging es am Umspannwerk vorbei, hinter dem er im menschenleeren Raum verschwinden konnte. Aber das waren keine echten Optionen. Er blieb natürlich hier. Während er darüber meditierte, sank sein Blick hinab auf den Stiefelflecken, den er eben wiederentdeckt hatte. Dieser Fleck, höhnisch neckend, wippte auf, er wippte ab. Er war da. Er war fehl am Platz. Er ließ Thules Puls schneller werden.
Als er fast zu Hause war, hörte er Musik.
Sie wurde immer lauter, je weiter er ging. Immer näher kam er ihr. Jetzt konnte er sie identifizieren: Da schlug jemand voller Wut, voller Trotz und voller Emotionen in die Tasten eines sauber gestimmten Pianos. Thule blieb stehen und lauschte. Diese Musik war auf eine eigentümliche Art erhaben. So etwas hatte er Gott weiß wie lange nicht gehört. Von klassischer Musik verstand er nichts, die Stücke waren meistens so furchtbar lang und langatmig, ohne Text fehlte ihm da einfach der rote Faden. Aber das hier, so unerwartet, so fehl am Platz, das drang ihm tief ins Gehirn ein und schaltete alle anderen Bilder, alle anderen Stimmen aus, die ihn heute zu verfolgen schienen. Weg der Fleck, weg die Putzer. Da war nichts in ihm als die Melodie. Während er die Ohren spitzte, erkannte Thule staunend, dass die Musik von niemand anderem kommen konnte als dem alten Kauz, dem Nachbarn mit dem Loch im Hals. Er hatte ihn in den paar Monaten, seit er hier lebte, noch kein einziges Mal spielen gehört - aber das musste er einfach sein, daran herrschte kein Zweifel, das war keine Aufzeichnung, das war live. Er meinte sogar zu sehen, wie die Fensterscheibe im Dachgeschoss des Alten vibrierte. Eine Weile stand er da und lauschte der schwer zu ergreifenden Melancholie, die in der Musik steckte, die aus jeder Note triefte. Wie seltsam das war! Das passte in keinster Weise in das Bild, das sich Thule von diesem Mann gemacht hatte.
Da musste er schon wieder an Marie denken, die er so viele Monate nicht mehr gesehen hatte. Was sie wohl gerade tat? Er spürte, wie Wut in ihm aufwallte. Er wurde sie einfach nicht los, die in seinem Kopf steckte, die böse Hexenmeisterin. Er wurde sie nicht los. Er riss sich aus der Trance, wischte sich die Gefühlsregung aus dem Gesicht und stampfte die paar Schritte nach Hause, fast rennend, um so bald wie möglich seinen Schuh auszuziehen und mit Desinfektionsmittel zu schrubben, bis er nicht doch diesen vermaledeiten Fleck herausbekommen würde. Darum ging es doch. Um diesen vermaledeiten, ewig währenden, nie sterben wollenden Fleck auf der Spitze seines rechten Stiefels. Darum allein ging es. Und um sonst gar nichts.
Kapitel 4
Frühstück in der Sommerresidenz mit aufgeschlagener Zeitung auf den Knien und dem heißen Kaffee im Hals. Die ‘Sommerresidenz’, so nannte Thule gerne dieses Haus, in das er gezogen war. Denn den Sommer sollte es verkörpern. Sonne, Wärme, unbekümmertes Leben. Ein Ort, an dem man einfach existieren konnte, ohne irgendwelche anderen Anforderungen zu erfüllen. Ungeachtet der Tatsache, dass der Herbst heranrückte. Und ungeachtet der Tatsache, dass Thule sehr viel Kaffee trinken musste, um zu kompensieren, dass er die letzten Wochen nur schlecht und nun diese Nacht überhaupt nicht hatte schlafen können.
Die Zeitung rutschte ihm beinahe von den Beinen, er hielt sie rechtzeitig fest. Die Nachrichten darin interessierten ihn eigentlich überhaupt nicht. Aber es war wohl seine Pflicht, so schien es ihm, jeden Tag zu prüfen, ob auch die Werbeanzeige ordnungsgemäß gedruckt worden war, die er als Dauerauftrag finanzierte. Bis jetzt hatte es noch nie Probleme gegeben, aber man konnte nie wissen. Außerdem mochte er den Postboten recht gerne, der jeden Morgen die weißen Seiten vor seine Haustüre warf. Er kannte seinen Namen nicht, hatte kein einziges Mal mit ihm gesprochen, aber er sah ihn oft, und sein Anblick machte Thule immer direkt gute Laune. Das war ein Geselle dunkler Haut, der gar nicht anders konnte als immer zu Lächeln. Das war aber kein blitzendes, vor dem Spiegel geübtes Maklerlächeln wie Thule es einsetzte, sondern es war ehrlich und aufrichtig. Der junge Mann war gut gelaunt, jeden einzelnen Tag, zu jeder Uhrzeit! Das spiegelte sich auch in seiner Kleidung wider, denn er trug in Variation knallrote Hawaii-Hemden, auf denen klischeebehaftete Palmen und Sonnen abgebildet waren. Das passte in keinster Weise hier in diese Nachbarschaft, aber es gefiel Thule außerordentlich gut. Immer, wenn er den Postboten sah, musste er selbst schmunzeln, und sein Herz schrie: Er hat doch recht, der Kerl! Das Leben ist schön! Aus diesen Gründen bestellte er also weiterhin die Zeitung.
Er blätterte sie jetzt durch, ignorierte gekonnt die großen Schlagzeilen, die ihm von unschönen Entwicklungen in der Welt berichtet hätten, wenn er sie denn zur Kenntnis nähme, und schaute sich allein die überall eingestreuten Werbeanzeigen an. Er war auf der Suche nach sich selbst. Das war schnell geschafft, er hatte von allen Inseraten das größte Feld. ‘Schöner Wohnen muss sich lohnen’ in dicken Buchstaben, seine Internetadresse, seine E-Mail, sein Gesicht und eben dieses Lächeln. Das Lächeln war das Wichtigste daran. Denn Thule hatte ein Allerweltsgesicht, ließ er sich immer wieder sagen, das unauffälligste im gesamten Genpool des Landes; es hatte keine herausstechend schönen und ebenso wenig besonders hässlichen Eigenschaften, es war der Durchschnitt aller Durchschnitte - und jeder, der es sah, hatte es sofort wieder vergessen. Selbst Menschen, denen er vertraut war, alte Klassenkameraden, Kollegen, ja selbst Marie, als sie noch zusammen gewesen waren, hatte immer und ewig Mühe gehabt, es sich vor dem inneren Auge vorstellen zu können. Ohne dieses grelle weiße Lächeln zwischen den glatt rasierten Wangen also hatte Thule als Immobilienmakler und als Mensch keinen äußeren Wiedererkennungswert. Aber hier, in seiner ganzen gedruckten Glorie, war es für jeden klar zu erkennen, dass das da der lokale Immobilienmakler sein musste.
Heute aber gab es, wie Thule erst jetzt bemerkte, da er die Inspektion der eigenen Anzeige abgeschlossen hatte, noch eine andere, genauso große Anzeige gleich neben seiner. Diese andere war fast vollständig in tiefes Schwarz getüncht, das nur vom weißen Umriss einer Sonnenbrille durchbrochen wurde. Unten der rote Schriftzug: ‘Dein Land braucht dich.’ Und darunter: ‘Tritt noch HEUTE den Putzern bei.’ Diese Anzeige war im Übrigen so positioniert, dass es aussah, als bilde sie mit Thules’ Werbung ein einziges großes Plakat mit der Botschaft: ‘Schöner Wohnen muss sich lohnen. Dein Land braucht dich.’
Bis zu diesem Augenblick hatte Thule bereits vollkommen vergessen und verdrängt, was sich gestern zugetragen hatte, sogar, dass es die Putzer überhaupt gab. Jetzt aber erschien das Klirren des Porzellans wieder in seinen Ohren wie ein Paukenschlag. Das da in der Zeitung, das sah ja so aus - sah glatt so aus, als sei er selbst einer von denen! Eigentlich war er davon ausgegangen, dass das gestern eine einmalige Sache gewesen war, ein purer Zufall, dass einer seiner Kunden unglücklicherweise ebenso mit Thule wie mit den Putzern involviert gewesen war. Dass Thule sich in der guten Natur seiner Kunden geirrt hatte. Ihn beschlich nun aber das Gefühl, dass er doch längeren Kontakt mit dieser Behörde haben würde. Die brauchten ja Leute, hatte der Dicke ihm gesagt. Jeder musste mit anpacken, hatte er gesagt. Es war die Pflicht als guter Bürger.
Mit diesen Gedanken im Kopf machte er sich auf den Weg, und entsprechend gefasst war er deshalb, als er das nächste Haus erreichte. Der Anwohner hatte per Internet-Formular beantragt, den Marktwert seiner Immobilie schätzen zu lassen. Das war ein junger Mann, ließ sich dem Dokument entnehmen, der naturwissenschaftlich veranlagt und durchaus intelligent war, hatte Thule den Eindruck. Als Makler hatte er ja ein Näschen für Leute. Der Kerl hatte einen frisch errungenen Doktortitel neben seinem Namen stehen. Er war sicherlich ein interessanter Gesprächspartner.
Stattdessen stieß er auf Putzer, die er auch mit halbem Herzen erwartet hatte. Fast wäre er in den Muskelmann hineingelaufen, der gerade auf die Straße hinaustrat. Aus dem Haus hörte er eine Toilettenspülung, kurz darauf kam auch der bereits bekannte Dicke heraus. “Ah, Thule. Erst einmal dein Lohn”, sagte er, sichtlich erfreut, den Makler wiederzusehen. Mit seinen noch klammen Händen griff er in die Hosentasche und offenbarte dann in der ausgestreckten Hand einen Batzen 50-Euro Scheine. “Du hast sicher schon gewartet, dass man dich auch für deine Mühen entschädigt. Das hier geht deutlich über den Stundenlohn hinaus, findest du nicht? Komm, nimm schon! Das ist nur für gestern, das gehört dir sowieso schon. Papa Staat ist sehr großzügig mit uns!”
Thule zögerte. Was ging in einem Menschen vor, dass er sich so verhielt, wie dieser Putzer es gerade tat? Dieses selbstgefällige Grinsen und die Art, wie er seine gefüllten Hände zu Thule ausstreckte. Dieser Mensch, dieser Putzer mit schallgedämpfter Pistole am Gürtel - was war das für einer! Eine Naturgewalt, die sich von der Natur losgemacht und privatisiert hatte, oder doch ein unscheinbares Wesen, auf Augenhöhe mit Thule? War das überhaupt ein Mensch? Maries Stimme drängte sich empor und versuchte, ein böses Wort zu artikulieren, doch es gelang ihr nicht. Wo war er? Was war das für einer? Unmöglich zu sagen. So oder so, er machte auf Thule einen großen Eindruck, heute noch mehr als gestern; der war ja auch ganz freundschaftlich, übte eine Faszination auf ihn aus, führte ihn mühelos umher wie eine Marionette am seidenen Faden. Der Kerl war ein geborener Anführer. Der Kerl würde führen, und Thule würde ihm folgen. Es blieb ihm gar nichts anderes übrig. Diese Situation war ein Produkt der unaufhaltsam voranschreitenden Zeit, und mit der Zeit diskutierte man ja nicht. Er nahm das Geld. Der Dicke zog sofort seine Hand zurück, damit Thule es sich nicht anders überlegen konnte.
“So, dann mach dich mal an die Arbeit, was?”
“Was?”
“Na, wie gestern. Das ist doch das, was du machst. Du kümmerst dich um die Immobilien. Du hilfst der Gesellschaft.”
“Achso. Nun-”
“Frisch ans Werk! Das ist eine Ehrensache! Irgendwer muss doch die Gesellschaft durchputzen. Streck’ doch mal die Brust raus, Volksfreund Thule!”
Er tat, wie ihm befohlen. Das fühlte sich tatsächlich besser an.
“So! Und jetzt mach, dass du reinkommst.”
Er machte einen Schritt ins Haus und blieb stehen. Musste er das hier machen? Was würde passieren, wenn er sich weigerte und ging? Ihm kam das Bild der Pfefferspraydosen, Schlagstöcke und Pistolen in den Sinn, die alle Putzer an der Hüfte trugen. Der bloße Gedanke, sich querzustellen, offenbarte sich sofort als absurde Tagträumerei. Er bedachte, dass die Putzer, zumindest das Konzept hinter ihnen, einer Naturgewalt gleichzusetzen waren, gewissermaßen immerhin. So redete er sich das zurecht. Natürlich würde er sich nicht weigern. Wem nutzte das denn auch etwas? Selbst wenn er es könnte - wer auch immer hier wohnte, also der junge Naturwissenschaftler, war sowieso schon weg. Da machte Thules Aufgabenkomplex auch keinen Unterschied. Schade, dass Thule sich auch in ihm getäuscht hatte. Ein Gespräch! Nein, er würde auch dieses Haus hier leerräumen. Er tat eben das, was er musste. Er wurde ja sogar mit einem richtig guten Stundenlohn entlohnt, die Sache war halb so schlimm. Er machte eben einfach das, was man ihm befahl.
Draußen erklang laut eine blecherne Stimme, die Thule auffahren ließ.
“Berthold, bitte kommen!” Er drehte sich um und sah, wie der Dicke hektisch ein Funkgerät hervorzog.
“Arschloch! Du sollst nicht unsere echten Namen verwenden! Wie oft denn noch?”, fauchte er in das Gerät. Thule ging schnell weiter ins Haus, damit nicht herauskam, dass er den Funkspruch gehört hatte. Berthold hieß der dicke Putzer also, der ihn zu seinem inoffiziellen Kollegen geadelt hatte und ihn regelrecht zu verfolgen schien. Berthold. Berthold. Der Name lag wie Blei auf seiner Zunge, er drehte ihn in seinem Kopf herum und betrachtete ihn von allen Seiten wie ein Puzzle, bei dem man nur die richtige Stelle finden musste, um die ineinander verschachtelten Holzteile voneinander trennen zu können. Aber das war kein Puzzle, nur ein Name. Der Name eines Putzers.
Das Haus unterdessen stellte sich als keine große Herausforderung heraus. Um genau zu sein, sah es so aus, als hätte man es bereits ausgeräumt - oder nie richtig eingeräumt. Da waren eine Handvoll Umzugskartons, die teils mit Kleidung gefüllt waren, aber auch als provisorische Möbel dienten. Da war eine Luftmatratze im Erdgeschoss, die obere Etage war vollkommen leer. Was hatte der Naturwissenschaftler getrieben? Hatte das etwas damit zu tun, dass man ihn hatte wegputzen müssen - und ein Müssen war es zweifelsohne, denn sonst wäre es nicht geschehen.
“Fertig”, äußerte Thule sich, als er ans Tageslicht zurücktrat. Allmählich wurde er mit seiner neuen Situation warm. “Warum war das so leer, das Haus?”
“Ja, ja, haben wir gerade schon beim Putzen gesehen. Das wussten wir aber ja vorher nicht. Und auch wenn es wenig ist - irgendwer muss es trotzdem wegräumen. Und ich mache mir die Hände nicht mit sowas schmutzig, hm?”
Ganz beiläufig, während er sich die Hände und präventiv auch den Stiefel putzte, fragte Thule nach dem früheren Bewohner. Er erschrak, als die Worte bereits aus ihm herausgekommen waren, und schaute panisch den Putzer namens Berthold an, als erwarte er eine Bestrafung. Er hatte eine Grenze überschritten.
“Das war ein Biologe oder so”, bekam er zu seiner großen Verwunderung und Erleichterung eine Antwort, “der sich keine Freunde mit seiner Wissenschaft gemacht hat.” Thule spannte die Ohren an, wissbegierig, was für Übertretungen sich der Täter zuschulden hatte kommen lassen, was Verwerfliches an ihm hatte lasten müssen, dass er weggeputzt wurde.
“Ganz frisch hergezogen ist der, hast du ja gesehen? Irgendwer hat uns einen Hinweis zukommen lassen, dass der Typ vollkommen verdächtige Schlussfolgerungen gezogen hat in einem Artikel. Irgendwas von toten Tieren im Kongo und Wassermonopolen oder so. Ganz unter uns, ich habe es nicht so ganz verstanden, aber uns wurde gesagt, damit würde er im Kern nichts anderes als Kommunismus bewerben. Na gut. Jetzt tut er's nicht mehr, hab' ich recht?”
Thule nickte energisch. Auch ihm erschien die Geschichte etwas seltsam, aber er war eben auch kein Biologe. Aber Kommunismus, das wusste schließlich jedes Kind - und bei dem Gedanken musste er an das kleine Mädchen, das ihm am Vortag mit ihrem Geplapper in Verlegenheit gebracht hatte - jedes Kind wusste, dass Kommunismus eines der verdächtigsten Dinge überhaupt war und in dieser Gesellschaft absolut nichts zu suchen hatte. Und dass das bloße Konzept von Kommunismus ungemein dumm war. Also hatte er sich tatsächlich vollkommen getäuscht, als er dachte, mit dem Mann, der jetzt fort war, hätte es ein schlaues Gespräch geben können. Thule rang sich ein Lächeln ab und dankte Berthold für die unerwartete Offenheit.
“Kein Problem, Thule. Wo wir doch jetzt sozusagen Kollegen sind.”
“Stimmt, stimmt… Kollege. Na, dann”, dabei griff er nach seiner Aktentasche, die vor ihm stand, “mache ich mich mal auf den Weg.”
“Unfug. Komm, wir nehmen dich mit”, sagte Berthold und deutete auf den schwarzen Van an der Straße.
“Was denn? Wohin denn?”, wollte Thule mit sinkendem Herzen wissen.
“Dumme Frage”, blaffte Berthold. “Natürlich zum nächsten Haus.”
Im Van war es stickig. Berthold saß auf dem Beifahrersitz, am Lenkrad saß eine Frau, die Thule schon am Vortag kurz gesehen hatte; der wortlose Muskelmann und Thule selbst hingegen auf der Rückbank. Thule versuchte, dem Gespräch aktiv zuzuhören. Berthold und die Frau diskutierten gerade über - über was? Über Fußball. Fußball!
“Nein, ich sag’ dir, die müssen gewinnen nächste Woche. Es geht gar nicht anders!”, erklärte Berthold gerade der Fahrerin.
Die schüttelte den Kopf. “Du weißt gar nicht, wovon du redest. Die Offensive ist zu schwach und der Heimer fällt wahrscheinlich aus wegen dem Knie, wie soll da dann überhaupt irgendwas in unserem Sinne laufen? Sag’ mir das!”
“Pass auf, was ich dir sag’. Es soll die ganze Woche regnen, und dann wird das Spielfeld kaum bespielbar sein. Und dann sind unsere Jungs im Vorteil, weil die so ein Wetter viel besser gewohnt sind als die Blauen. Sozusagen ein Heimvorteil, ein Geschenk von oben. Eine göttliche Intervention vom Fußballgott”, schloss er. Der Muskelmann nickte und grinste in sich hinein. Berthold drehte sich nach hinten um. “Was denkst du denn, Thule? Schaffen wir das?”
“Hm?”
“Das Spiel? Da geht’s doch um alles oder nichts!”
“Ah, das Spiel, klar.” Fußball war das Letzte, woran Thule gerade dachte.
“Natürlich schaffen wir das”, sagte er halbherzig, ehe er sein Maklerlächeln aufsetzte, “wenn es darauf ankommt, schaffen wir das IMMER.”
“So ist’s recht!”, grölte Berthold und schlug mit der flachen Hand auf das Armaturenbrett. “Außerdem”, fügte er hinzu, “liegt das den anderen nicht so im Blut, der Fußball. Sie haben die falsche Farbe und diese wulstigen Lippen und - ah, lassen wir das, es lohnt nicht. Wir werden das gewinnen.” Bertholds Bestimmtheit ließ keinen Widerspruch zu. Sie fuhren.
Als sie ankamen, hielt der Muskelmann Thule davon ab, auszusteigen.
Berthold redete auf ihn ein: “Hör mal, Thule, Sportskamerad. Auch wenn wir jetzt beste Freunde sind, ist der nächste Schritt trotzdem nichts für dich. Du steigst jetzt aus und läufst sehr langsam eine Runde um den Block, hm? Schau’ mal auf die Uhr; du gibst uns zwanzig Minuten. Na also”, sagte Berthold, stieg aus, öffnete die Tür und winkte Thule heraus. Thule widersprach nicht. Es war ihm mehr als recht, nicht beim Putzen anwesend sein zu müssen, denn er war ja kein Putzer und solche… Vorgehensweisen gefielen ihm nicht. Bislang war er angekommen, wenn das unschöne - Ding - bereits gelaufen, bereits von der ewig fortschreitenden Zeit geschluckt worden war. Die ganze Fahrt hatte er sich Sorgen gemacht, wie das jetzt wohl ablaufen würde und was seine Rolle darin sein würde. DASS jemand geputzt würde, war ein unausweichlicher Fakt, ein Naturgesetz, das ließ sich nicht verhindern, und Thule wollte es auch nicht wirklich verhindern, denn was wusste er schon von den Gründen, die zu diesem Endresultat geführt hatten? Das war immer selbstverschuldet, erinnerte er sich. Die Welt war ein gerechter Ort. Wem Schlechtes widerfuhr, der hatte es auch in irgendeiner Weise verdient. Musste einfach.
Dieses Mantra drehte er die gesamte Zeit in seinem Kopf herum, während er, wie befohlen, sehr langsam eine Runde um den Block ging. Fast schlich. Und dann kehrte er pünktlich zurück zu der Haustür, die offen stand, wechselte ein paar Worte mit der Putzer-Frau, die ihm sagte, sie würden jetzt etwas scouten gehen - sie sprach das Wort mit hartem deutschen Akzent aus - und pünktlich in drei Stunden zurückkommen, um Thule einzusammeln. Thule zog sich Einweg-Gummihandschuhe an, atmete tief ein, und betrat das nächste Haus.
Geschirrspültücher.
Glaskaraffen.
Füllfederhalter.
Seifenspender.
Mehrzweck-Steckdosen.
Hausschuhe.
Kinderzeichnungen.
Ehe der Tag vorbei war, hatte Thule vier Häuser ausgeräumt.
Später, wenn er im Bett liegen würde, würde er sich an diesen Tag nur schwammig erinnern, als wäre das gar nicht er, der da die Schränke aufriss und mit angenehm schnell eintretender Routine zahllose Säcke um Säcke füllte mit Kühlschrankmagneten und Gläsern und Taschentüchern und WLan-Routern, mit Werkzeugen und Büchern und Bildern und Töpfen, mit Ersatzbrillen und Zahnbürsten. Mit Kleidungsstücken und Kämmen. Mit halbleeren Deosprays, vollen Fotoalben und überhaupt den materiellen Überbleibseln ehemaliger Anwohner der frisch freigewordenen, heiß begehrten Immobilien. Während seiner Räumungen verschwanden die Putzer meist, um zu recherchieren und Nachforschungen anzustellen. Und um zu ‘scouten’.
Wie schnell die Euphorie, das falsche Selbstvertrauen des kurzen Morgens im ersten Haus geschwunden war! Wie schnell Thule zurückgesunken war in den Zustand halber Besinnungslosigkeit eines lebendigen Werkzeugs! Er war geübt darin, auch schon, ehe er gestern Berthold kennengelernt hatte. Denn Gedanken waren die Feinde. Da, am Rande des Bewusstseins, lauerten ja unschöne Schemen, lauerte auch das mahnende Gesicht Maries, das ihm hie und da vor die Augen sprang und ihm schlaue Worte und Sätze um die Ohren haute.
Nachdem das erste Haus so leer war, waren die nächsten umso voller, und je mehr es zu räumen galt, desto mehr sah sich Thule konfrontiert mit der Existenz und den intimsten privaten Lebenszuständen von Personen, die er nur durch diesen ihren Besitz kennenlernen würde. Und das hieß, sie besser kennenzulernen, als man es in einem Gespräch je könnte. Jeder Gegenstand provozierte einen Gedanken, eine kleine Schlussfolgerung - ah, sie muss laktoseintolerant gewesen sein - hier hatte man das alte Kinderzimmer in einen Fitnessraum umfunktioniert - einer mit großem Interesse an Krimis hatte hier existiert - und ewig so weiter, und bei jedem neuen Ding, das er zwangsläufig in die Hände nehmen musste, kämpfte er von neuem dagegen an, nicht zu sehr, am besten gar nicht, darüber nachzudenken. "Die Implikationen sind ungeheuerlich!", mahnte ihn Marie. Weg mit ihr!
Nur einen einzigen klaren Moment hatte er heute gehabt, als er sich zwischendurch am Waschbecken die Hände geputzt hatte. Da hing ein Spiegel, in den er unweigerlich hineinschauen musste. Da kehrte sein Bewusstsein kurz zurück, um sich zu mustern. Er im verschwitzten Sakko, mit dem weißen Hemd, das er sich aus der Hose gezogen hatte, das durch die Arbeit des Tages furchtbar zerknittert war. Er mit den Augen. Was waren das für Augen? Waren das tatsächlich seine Augen? Da steckte etwas Unheimliches in ihnen, das Thule so nicht kannte, was er niemals sich selbst zugeordnet hätte, wäre es nicht seine Reflexion, die dieses Funkeln unbestreitbar zu ihm zurückschickte. Dann sank er schnell zurück in den lebendigen Schlaf, der ihn weiter durch die nächsten Häuser wandeln ließ. Er würde im Bett liegen, das spürte er halbbewusst, noch während seine Hände wie von selbst die Arbeit verrichteten, würde im Bett liegen und all das bereits wieder zum großen Teil vergessen haben, und das wenige, was ihm tatsächlich im Kopf hängen bleiben würde, wäre, wenn überhaupt, von einer dichten und verzerrenden Nebelschicht verhangen. Und zu der außergewöhnlichen mentalen Belastung kam natürlich die reine körperliche. Das war alles in allem betrachtet ein furchtbarer Job, den er ausführen musste.
Als er gerade aus dem letzten Haus trat, völlig schweißgebadet, dreckig, mit einer Stumpfheit in den Augen und mit den letzten Müllsäcken in den Händen, fuhr gerade der schwarze Van vor. Das getönte Beifahrerfenster wurde heruntergelassen, dahinter Berthold, der selbst im Auto seine Sonnenbrille nicht abgesetzt hatte.
“Fertig? Pünktlich, pünktlich, sehr schön!”, rief er zu Thule, während dieser die Müllsäcke am Straßenrand abstellte. “Damit sind wir für heute fertig. Fein hast du das gemacht. Sollen wir dich nach Hause bringen?”
Thule schüttelte energisch den Kopf, während er die Gummihandschuhe auszog, auf den Boden fallen ließ und seine Hände sofort ausgiebig mit Desinfektionsmittel putzte. Er traute sich nicht, auf seine Füße hinabzuschauen, weil er ahnte, jener Fleck würde immer noch - oder schon wieder - dort auf der rechten Stiefelspitze höhnisch neckend auf ihn warten. “Nein”, sagte er nur, ohne den Blick von seinen Händen zu nehmen. “Ich laufe. Die Luft ist so gut. Also um diese Jahreszeit.”
“Fein, fein, wie du willst, Thule, mein Freund. Deinen Lohn für dieses Haus kriegst du morgen früh, wie gehabt. Wir machen das immer am nächsten Tag. Ich schätze, es muss kaum gesagt werden, es ist auch so schon offiziell: Wir machen das jetzt regelmäßig, hm? Du kannst nicht nein sagen, du verdienst mit uns mehr als du je als Makler gescheffelt hast. Und es geht um das Allgemeinwohl, das du ja nicht verschmähen wirst, oder?”, dröhnte seine tiefe Stimme immer weiter fort. “Ach, und hör’ gut zu, wo wir uns morgen treffen.”
Jetzt schaute Thule doch auf und starrte Berthold an, als sei er plötzlich dämlich geworden. “Schreib es dir auf, verdammt nochmal. Ich nenne dir jetzt eine Adresse, und da wirst du morgen um acht Uhr stehen und deinen Job machen.” Thule zog langsam sein Handy aus der Hosentasche. “Hör zu”, fuhr Berthold fort, der seinerseits eine lange Liste gezückt hatte. Eine ganze Liste? Wie viele Zeilen mochte die haben! Waren das alles Leute, die weggeputzt werden würden? Waren das alles Leute, denen Thule es nie angesehen hätte, dass sie Staatsfeinde seien? In denen Thule sich fundamental getäuscht hätte? Bertholds Finger lief die Zeilen hinab. “Schau mal, was wir für neue verdächtige Personen katalogisiert haben. Es gibt mehr als genug zu tun für uns, mein Freund! Ah, hier ist es. Hörst du? Das ist die Glückstraße Nummero 34, rechte Doppelhaushälfte.” Thule tippte es ab. “Und Thule, ich sage acht Uhr und meine auch acht Uhr. Du kommst keine Minute früher.” Thule starrte noch immer auf die Adresse in seinem Handy. “Thule, hast du mich verstanden? Keine Minute früher!” Thule nickte langsam. “Scheiße, ist wirklich besser, wenn du was an der frischen Luft läufst. Du bist wohl heute nicht mehr ganz klar bei Verstand, Junge.” Aus dem Inneren des Autos hörte Thule ein tiefes Lachen. Das war der erste Laut, den er je aus dem Mund des Muskelmanns gehört hatte. Dann fuhr der Van los und bog reifenquietschend in eine Dreißigerzone ab.
Kapitel 5
Als Thule endlich in der Heimatstraße angekommen war, die in diesem hässlichen Wendehammer endete, sah er etwas, das er noch nie gesehen hatte: Der kauzige Nachbar stand draußen. Im Garten. Er trug einen zerfledderten Sonnenhut auf dem Kopf, eine Harke in der Hand und raffte angestrengt das erste Herbstlaub weg vom Gehweg und hin in eine Ecke des Grundstücks, die eingeklemmt war zwischen weißem Lattenzaun und der großen gelbblättrigen Eiche, die das gesamte Grundstück dominierte.
Thule verspürte keinerlei Impuls, diesen ihm so widrigen Mann zu grüßen oder überhaupt seine Anwesenheit in irgendeiner Weise zur Kenntnis zu nehmen. Bei jeder anderen Person, bei jedem anderen Mitmenschen und Mitbürger hätte er gleich die Hand gehoben, jenes Lächeln gezeigt und auch ein paar nette Worte bereitgehalten, ob sie nun aufrichtig wären oder nicht. Das waren schließlich seine Nachbarn, mit denen er gemeinsam ein großes starkes Ganzes bildete, eine Gemeinschaft, eine Zivilisation. Und außerdem gab es ja überall Augen und Ohren.
Aber hier, diesem hier gegenüber, der unmittelbar neben ihm wohnte, der deswegen eigentlich der Inbegriff der Nachbarschaftlichkeit für Thule hätte sein sollen, gegenüber dem er eigentlich hätte höchst musterhaft auftreten sollen, konnte er es nicht und wollte es nicht - und musste es nicht. Der hier, an dem er gerade eben vorbeilief, war nicht so jemand, der gute Gesellschaftlichkeit pflegte, der sich überhaupt die Mühe machte, ein gutes Auftreten zu zeigen und Kontakte zu halten. Er war kurzatmig - zwangsläufig durch das Loch in seinem Hals -, direkt, rüpelhaft und Thule irgendwie suspekt, wenn nicht sogar in gewisser Weise eklig. Thule war an dem Grundstück vorübergezogen, er wollte nichts sehnlicher als eine heiße Dusche nehmen und sich dann in irgendeine Belanglosigkeit zu stürzen, die alles oder nichts sein konnte, solange sie ihm nur erlaubte, den Verstand und die Gedanken wenigstens für eine Stunde auszuschalten und abzutöten. Maries mahnende Stimme nicht zu hören. Die Gedanken wegzuputzen.
Hinter ihm hörte er ein schwerfälliges Ächzen. Über die Schulter sah Thule, wie der Nachbar sich zum Boden bückte. Ein noch schwereres Ächzen. Der Nachbar machte sich keine Mühe, irgendwem vorzuspielen, wie agil und lebendig er sei. Er war einfach automatisch so, wie sonst jeder andere Mensch nur dann war, wenn er hinter verschlossenen Türen im einsamen Kämmerlein saß und niemanden vor sich hatte, den er durch Worte und Taten hätte anlügen können, und wo er sich selbst dann noch oft genug dazu entschied, sich einfach selber anzulügen. Der Nachbar war einfach apologetisch er selbst. Er stöhnte und ächzte und machte keinen Hehl daraus, dass er durchaus Hilfe im Garten gebrauchen könnte.
Thule blieb stehen. Langsam schaute er sich um, ob da irgendjemand gerade an einem Fenster oder einer Haustüre stünde und ihn beobachtete. Da schien niemand zu sein. Dann drehte Thule sich langsam um und ging zurück, ohne selber ganz zu registrieren, was er da gerade tat und warum er das tat. Er hatte nach diesem Tag einfach das Bedürfnis, etwas zu tun. Er trat an den Zaun heran, beugte sich vor und öffnete den Mund.
“Entschuldigung, kann ich Ihnen irgendwie helfen?”
Der Nachbar hielt inne, schaute auf.
“Brauchen Sie Hilfe?”, wiederholte Thule laut, damit er auch sicher verstanden wurde.
Der Nachbar stützte sich auf den Stiel der Harke und nahm den zerfledderten Sonnenhut vom Kopf. “Ich bin halb stumm. Nicht taub”, stellte er mit heiserer Stimme fest.
Sofort bereute Thule, dieses Gespräch begonnen zu haben und machte sich daran, peinlich berührt zu seiner Haustüre zu eilen.
“Kannst gerne helfen”, hörte er da überraschenderweise. “Hier”, sagte der Alte und hielt ihm die Harke hin. Thule stellte seinen Aktenkoffer ab, hing sein Sakko über den Zaun und griff nach dem Gerät. “Gerne” erklärte er und fing über sich selbst verwirrt an, das Laub in die Gartenecke zu häufen. Warum tat er das jetzt?
“Ein Laubhaufen. Ist für die Igel”, erklärte der Nachbar, als könne er Gedanken lesen. Er setzte sich auf die einsame Stufe vor seiner Haustür und trank langsam eine halbe Flasche Wasser. Dann fuhr er fort, indem er Thule bei der Arbeit beobachtete: “Bald kommen die Igel.” Natürlich, dachte sich Thule. Bald kamen die Igel. Das war doch klar. Die Igel eben. Was für eine absurde Situation!
“Haben Sie immer Igel hier im Garten?”, fragte er, weil er nicht wusste, was er sonst möglicherweise zu diesem Gespräch beitragen sollte.
“Überall sind Igel. Nicht nur bei mir. Sie sind da. Wo man sie nicht verscheucht. Solltest du auch versuchen.”
“Ah.” Das waren jetzt mehr Worte, als Thule in all den Monaten zusammengenommen aus dem Mund des Nachbarn gehört hatte. Er kehrte weiter. Dann ging er in die andere Ecke des Gartens. Er spürte, wie die Augen des Nachbarn ihm folgten.
“Waren Sie das gestern mit dem Klavier?”, fragte Thule. Das war endlich etwas, was ihn wirklich interessierte.
“Ja.”
“Ich möchte gerne sagen, dass ich das ausgesprochen schön fand, vielleicht sogar anrührend. Also die Melodie in Summe, und die Höhen und, hm, die Tiefen auch, verstehen Sie, was ich meine? Also wirklich sehr schön.”
“Schostakowitsch.”
“Was haben sie gesagt?”, fragte Thule.
“Schostakowitsch. Der Komponist. Nicht ich.”
“Achso. Den Schostakoff? Den kenne ich überhaupt nicht, aber ich muss auch gleich sagen, dass ich nicht so viel Ahnung habe von klassischer Musik. Nein, den kenne ich leider nicht.” Thule ertappte sich dabei, wie ein Kind zu plappern. Die Ruhe, die der Nachbar ausstrahlte, machte ihn nervös, und er verspürte das Bedürfnis, dessen wortkarge Redeweise seinerseits mit mehr Worten kompensieren zu müssen.
Der Nachbar erhob sich jetzt und nahm eine Heckenschere zur Hand, mit der er zielgerichtet Äste von einem Busch abknipste. “Wen kennen Sie denn.”
Thule hielt inne und wandte sich gänzlich dem Nachbarn zu. “Ähm, mir kommt an erster Stelle Wagner in den Sinn. Wie in der Pizza”, ergänzte er im Versuch, die Stimmung etwas zu lockern.
“Der war Antisemit.” Jede Aussage des Nachbarn fühlte sich wie eine Backpfeife an. Es lag wohl an der Wortwahl, an der Stimme, oder tatsächlich einfach an der vermittelten Information. Als tröffe jedes Wort voller Verachtung und Misstrauen.
“Oh. Das wusste ich gar nicht, hm. Ich glaube, wenn Sie blindlings einen beliebigen Prominenten aus der Geschichte auswählen würden, träfen Sie wohl mit einer Wahrscheinlichkeit von, hm, fast 50% einen Antisemiten, hab’ ich nicht recht? Da muss man das fast gar nicht betonen, glaube ich, dass er oder sie ein Antisemit war, sondern man müsste stattdessen betonen, wenn das nicht der Fall wäre, also wenn diese Person ausnahmsweise kein -” Thule redete sich schon wieder um Kopf und Kragen.
“Stravinsky”, wurde sein Wortschwall unterbrochen. “Bei dem ist es uneindeutig. Ob er Antisemit war. Kennst du das? Die Frühlingsweihe. Ein Ballett von ihm.”
“Nein, noch nie gehört”, sagte Thule verwirrt.
“Da wird ein Mädchen ausgewählt. Eine Jungfrau. Sie tanzt sich zu Tode. Als Opfer für den Frühlingsgott.” In das letzte Wort legte der Nachbar außergewöhnlich viel Betonung. Thule starrte unterdessen das Loch in seinem Hals an, das ihn regelrecht anzuschauen schien. Der Nachbar hatte das dritte Auge, fiel ihm ein Witz ein. “Der Frühlingsgott”, wiederholte sein Gegenüber. “Das ist doch mal was. Oder?”
Thule wusste darauf nichts zu erwidern.
“Ich denke”, fuhr der Nachbar fort, die Heckenschere wie eine Verlängerung seines Arms auf Thule gerichtet, “da muss man drüber nachdenken. Es hat ja nichts genutzt. Dieses Menschenopfer. Guck mal: Es ist trotzdem Herbst geworden.”
Obwohl Thule wusste, dass der Herbst da war, schaute er sich trotzdem um, damit die Hypothese auch “empirisch bestätigt” werden konnte. Ah! Das war wieder so eine Wendung, die Marie ihm vorsagte. Dass sie ihn nach all der Zeit nicht in Frieden ließ! Aber siehe da: Der Herbst war präsent. Der Nachbar hatte ganz recht, das junge Mädchen bei Stravinsky hatte sich umsonst geopfert. Wo war er denn hin, der Frühlingsgott? Thule kam der irrige Gedanke, dieser heidnische Gott sei auch als Staatsfeind identifiziert und prompt weggeputzt worden. War es also an Thule, dessen Haus leerzuräumen? Tat er nicht das gerade, wie er den Erdboden mit dem Rechen bearbeitete? Er fühlte sich ob dieser Überlegung fiebrig. Er wollte doch gar nicht mehr denken, wenigstens heute nicht, das hatte er sich verdient!
Eine Weile schwiegen die beiden jetzt und gingen der Gartenarbeit nach. Dieses kurze, seltsame Gespräch hatte Thule den Eindruck gegeben, der Alte von nebenan sei doch nicht so schlimm, wie er immer geglaubt hatte. Klar, er war ruppig und harsch, auch weigerte er sich, Thule zu Siezen, aber unter alldem schien ein netter und intelligenter, ein tiefgründiger Kern zu stecken. Und die langsame, minimalistische Sprache war eine große Beruhigung für Thule, der sich die letzten zwei Tage, auch wenn er es sich nicht eingestehen mochte, wie ein gehetztes Tier gefühlt hatte. Er musste dringend eine halbe Nacht wenigstens schlafen, sonst ging das nicht gut aus! Eigentlich fühlte er sich auch schon so, seit er hergezogen war…? Da waren ja die Augen und die Ohren, und allem voran war da der Blick von Marie, der aus der Ferne missbilligend und kritisierend auf ihm lastete. Marie, die ihm immer wieder Worte und Phrasen in den Kopf legte, die ihn manchmal an etwas zu erinnern versuchte, ihn ermahnen wollte. Die Gegenwart des Nachbarn hingegen tat Thule gut, musste er sich eingestehen. Warum war das in den vergangenen Monaten nie zum Vorschein gekommen, dass man sich doch irgendwie verstehen konnte? Dass der Nachbar mehr als nur eine oberflächliche raue Schicht an sich hatte?
“Sagen Sie”, fing Thule an. “Wie kommt es, dass Sie gestern so schön Klavier gespielt haben, Ihren Schostakoff -”
“Schostakowitsch.”
“Wie kommt es, dass ich Sie aber vorher nie habe spielen hören?”, ließ er sich nicht beirren. “Wenn man solche Talente hat, sollte man die nicht auch nutzen?”
Der Alte ließ die Schere sinken. “Ich habe meine Phasen.”
Was auch immer das heißen sollte. “Und den Garten, den pflegen Sie auch zum ersten Mal, seit ich hergezogen bin…”
“Vorher gab es nicht die Igel.”
“Vorher gab es nicht die Igel”, wiederholte Thule. Das gab für ihn wenig Sinn. Aber wenigstens spürte er, dass da ein Sinn war, wenn auch für ihn nicht erreichbar.
“Und warum-”, wollte er wieder anfangen.
“Es ist egal!”, platzte der Nachbar mit einem Schlag heraus. “Es ist meine Sache! Warum sind alle so neugierig hier. Mit ihren Ohren. Und ihren Augen!”, dabei verzog er sein Gesicht in jenes bissige Hundeantlitz, das sich Thule früher gerne im Zusammenhang mit ihm vorgestellt hatte.
“Na, na, ich wollte bloß freundlich sein, bloß Smalltalk führen, Sie kennen das doch-”, fing Thule an, ehe ihm auffiel, dass sein Gegenüber wahrscheinlich wirklich keinen Smalltalk kannte, zumindest nicht, seit man ihm den Kehlkopf entfernt hatte, wie lange auch immer das schon her sein mochte. “Überhaupt können Sie aber jetzt schlecht alle anderen wegen ihrer Neugierde anprangern. Ich meine, ich glaube, das ist ein Laster, was uns allen anhaftet, vielleicht allen Menschen überall, aber doch zumindest hier im Ort, das müssen Sie zugeben. Also wo Sie doch auch selber alles beobachten, zumindest mich, wenn ich nur kurz vor dem Haus anhalte, zum Beispiel!”, redete Thule sich auch etwas in Rage. Durch den Wutausbruch des Nachbarn fühlte er sich persönlich angegriffen.
“Weißt du eigentlich? Das ist krankhaft! Wie du deinen Schuh putzt! Du putzt ihn kaputt!”, schlug der Alte die Worte Thule um die Ohren. Das war das Letzte, dass man ihn jetzt als Kranken bezeichnete!
“Und warum sind Sie so fixiert darauf, ob einer Antisemit war oder nicht? Sind Sie denn jüdisch?”, ergänzte Thule und bereute es, noch während sein Mund die Laute bildete.
“Warum?”
Thule spürte, wie ihm die Wangen heiß wurden. “Ach, egal”, sagte er schnell.
Der Nachbar hatte die Gartenschere gesenkt und schaute Thule unvermittelt an. In seinen Augen lag eine erstaunliche Schärfe. “Das ist nicht egal. Warum muss ich Jude sein. Um gegen Antisemiten zu sein?” Thule wollte schnell einwenden, schnell die Situation entschärfen, kam aber, obwohl der Alte nur abgehackt reden konnte, nicht zu Wort. “Warum muss man irgendwas sein. Um dieses Irgendwas zu verteidigen? Das ist nicht logisch.”
“Von Logik wollte ich gar nicht sprechen, ich wollte bloß ein Gespräch führen, es tut mir auch leid, aber Sie haben mich gerade ‘krankhaft’ genannt, ich bitte Sie!”
Keiner von beiden bearbeitete mehr den Garten, sondern sie starrten sich mit funkelnden Augen an. Wenigstens konnte man die Augen vom Nachbarn sehen, da wusste man wenigstens, woran man war. Nicht so wie bei Berthold und den anderen mit ihren ewigen Sonnenbrillen. Wie war dieses Gespräch nur so schnell entgleist?
“Ich gehe jetzt besser”, beeilte sich Thule zu sagen. Ohne auf eine Antwort zu warten, lehnte Thule die Harke an die Eiche, griff sein Sakko und die Aktentasche und ging nach Hause. Er ärgerte sich über sich selbst und warum er nicht seinen Mund halten konnte, warum er sich nicht sowieso einfach von vornherein aus den Angelegenheiten anderer Leute heraushalten konnte. Jeder tat das, was er eben tat, und jedem passierte das, was eben passierte und in gewisser Weise passieren musste.
“Wenn es einem schlecht geht, und zwar zu Unrecht, dann geht das alle etwas an. Nicht nur den Betroffenen!”, korrigierte ihn Maries Stimme. Weg mit ihr! Dass sie immer ankam und ihm ins - ins Gewissen reden musste. Aber Thule hatte es provoziert, er war selbst schuld. Er ärgerte sich, dass er nicht direkt in sein mehr als wohlverdientes Bad gestiegen war - selbst dann noch ärgerte er sich und schämte sich auch, als er bereits das Bad verlassen hatte und im schwarzen Bademantel auf der Bettkante seines halbdunklen Schlafzimmers saß.
Kapitel 6
Thule wurde von Sirenen wach. Vielen Sirenen. Er schlug die Augen auf und sah, dass die Zimmerdecke von flackerndem Blau und Rot beleuchtet war, das durch das Fenster hineinfiel. Sofort war er hellwach und saß kerzengerade im Bett. Was war los? Er ging ans Fenster, schaute heraus.
Rechts die Straße entlang, jenseits des Wendehammers, wo die Waldgrenze den Vorort vom Rest der Welt abtrennte, brannte es lichterloh. Waldbrand! Nein, halt. Thule zog die Vorhänge noch weiter zur Seite, öffnete das Fenster, lehnte sich heraus. Die Rauchschwaden, die den sternenlosen Nachthimmel betasteten, kamen nicht von den Bäumen selbst, sondern von dahinter. Sie kamen von dem Umspannwerk. Deswegen sah er auch keine Feuerwehr, sondern hörte sie nur; um zum Brand zu gelangen, mussten die Einsatzkräfte einmal einen großen Bogen fahren, in die entgegengesetzte Richtung vom Brand, einmal quer durch diese Siedlung mit ihrem eindimensionalen Straßennetz voller 30er-Zonen, ehe sie endlich auf die Hauptstraße gelangten und über diese zum Brandherd kamen. Mittlerweile stoben aus dem Feuer auch grelle weiße Funken auf, die selbst von hier zu sehen waren. Der Geruch von verschmorten Kabeln wehte zu ihm herüber.
Wie konnte das sein? Was war hier los? War das das Ende der Welt? Hatten sich jetzt selbst die Elemente gegen Thule verschworen? Er musste an den Frühlingsgott aus dem Ballett denken. Wie sah so ein Gott aus? Und woher kamen ihm jetzt solche Gedanken? Das musste an der Uhrzeit liegen, denn es waren keine Ideen, die Marie ihm einflüsterte, das waren Eigenprodukte. Die Uhrzeit ließ einen seltsame Dinge denken und sehen. Er blinzelte, rieb sich die Augen. Das Feuer war immer noch da. Das bildete er sich nicht ein, das war real. Es fröstelte ihn.
Jetzt tauchten die Einsatzwagen auf, na endlich, er hatte die Sirenen doch schon beim Aufwachen gehört. Hinter den Bäumen konnte man sie sehen. Die Feuerwehrleute selbst waren hinter den Bäumen nicht zu sehen, sehr wohl aber der Wasserstrahl, der scheinbar aus dem Nichts erschien und in hohem Bogen durch den Nachthimmel schnitt.
Eine Weile schaute er sich noch das Spektakel an, aber offensichtlich hatte man die Lage unter Kontrolle. Und hinter den Bäumen waren die Details sowieso nicht zu sehen. Solange nur Thules Haus nicht niederbrannte, war die Lage halb so wild. Dann hatte ihn das nicht übermäßig zu interessieren. Er zuckte mit den Schultern, schloss das Fenster und legte sich wieder ins Bett. Aber er schlief nicht. Er beschaute die blauen und roten Formen, die von den Einsatzfahrzeugen kamen und an seiner Zimmerdecke tanzten. Jenseits der Decke, jenseits der Dachschindeln, prangte der dunkle schwarze Nachthimmel, das wusste er, er hatte ihn eben erst mit eigenen Augen gesehen, als er aus dem Fenster gelehnt hatte. Aber auch jetzt sah er ihn, sah ihn vor seinem inneren Auge und versuchte sich vorzustellen, wie weit er reichte, wie weit eine tatsächliche Unendlichkeit war - und dann, wie so eine Unendlichkeit aussah, wenn sie allein aus luftleerem Raum bestand. Gerade eben hatte er keine Sterne gesehen, aber er wusste, dass sie dennoch da waren. Da sein mussten. Es konnten unmöglich von jetzt auf gleich alle Sterne verschwinden, dazu musste Thule kein Astrophysiker sein, um diese eine Sache mit voller Sicherheit sagen zu können. Aber was, wenn er sich trotzdem irrte? Vor dem Hintergrund der blau-roten Lichterspiele versuchte er sich ein unendlich großes Universum vorzustellen, das keinerlei Sterne oder Planeten beinhaltete. Ein Universum, das man leergefegt hatte. Es gelang ihm nicht, ihm erschien kein passendes Bild im Kopf, stattdessen drehte sich ihm der Magen um und ihm wurde schwindelig. Er wusste, warum er immer zeitig ins Bett ging! Um die düsteren Stunden zu verpassen, die sein Gehirn seltsame Pirouetten vollführen ließen. Um die tiefe Denkerei zu umgehen.
Jetzt klackte es in seinem Kopf, als hätte man eine Speicherkarte gewechselt. Anstelle des vorgestellten Nachthimmels erschien nun eine Erinnerung, die ihm völlig fremd erschien, als fiele sie von einem der unsichtbaren Sterne hinab und in seinen Kopf. Er sah einen Ort, in dem er lange nicht mehr herumgewandert war - seine Grundschulklasse. Jetzt, vor dem Hintergrund des blitzenden Rots und Blaus, sah er sie deutlich, genau so, wie sie vor über dreißig Jahren ausgesehen haben musste. Da waren die kleinen Stühle und Tische und dabei seine Mitschüler, kleine Menschen, denen man nicht ansehen konnte, was sie später einmal machen würden. Zur seiner Linken waren die ausgeschnittenen Transparentpapiere an den Fensterscheiben. Vorne die schwere Tafel, die Thule alleine kaum bewegen konnte, wenn die Lehrerin ihn nach vorne rief, um mit dem triefenden Schwamm die Kreidespuren wegzuputzen. Wie er das alles verdrängt hatte!
Er schaute sich die Mitschüler genauer an, versuchte sie scharfzustellen. Manche Gesichter konnte er noch gut erkennen. Da war Sanchez, der neben ihm saß und ihm immer etwas von seinem Pausenbrot abgab, da war Hektor in der letzten Reihe, der nie zuhörte und stattdessen aus dem Fenster schaute, und da war auch Marie. Marie, die er schon seit der Grundschule kannte. Erst viel später waren sie zusammengekommen, davon war hier, damals, nicht einmal zu träumen gewesen. Wenn er es sich recht überlegte, hatten sie sich damals nicht einmal besonders gut verstanden. Lustig, wie solche Sachen liefen.
Aber die meisten Gesichter waren nicht viel mehr als ein verschwommenes Etwas, hatten keine Konturen und keinen Wiedererkennungswert. An erster Stelle von diesen Gesichtern war da dieses Kind… das saß hinter ihm. Wie hieß der nochmal? Mein Gott, hatte Thule lange nicht an ihn gedacht! Wie hieß er denn? Paul? Nein, das war es nicht. Die Pausenglocke schellte blechern. Er stand auf, packte seinen Ranzen und alberte mit Sanchez herum. Da kam dieses andere Kind und stieß ihn unsanft an. Das ignorierte man.
Thule erinnerte sich weiter: Er hatte es sich irgendwann angewöhnt - war es die dritte Klasse? -, heimlich seine Bausteine von zuhause mitzunehmen; eigentlich war sein Ranzen zur Hälfte voll nur mit diesen bunten Spielklötzen. In der Pause ging er mit Sanchez in eine abgelegene Ecke des Schulhofs, holte sein kostbares Gut heraus und fing an, Häuser zu bauen. Daraus erwuchs bald eine eigene kleine Miniatur-Nachbarschaft. Jetzt, wo Thule darüber nachdachte, ergab es Sinn, dass er Immobilienmakler geworden war.
Aber dann kam dieses eine Kind ohne Gesicht und Namen, sein Gesicht war nur eine verzogene Wut und sein Name ein vulgärer Laut. Und dieser Junge kam und schubste den kleinen Thule weg, und dann stellte sich Sanchez ihm in den Weg und wurde ins Gesicht gehauen und ging zu Boden. Und das Kind lachte und zertrat die kleinen Häuser und machte die ganze Nachbarschaft kaputt.
Thules Eltern hatten ihm gesagt, so sei das eben manchmal im Leben. Sie sagten, er dürfe nicht zurückschlagen, weil er dann auch nicht besser sei als dieses Kind, das ihm die Bauten zerstörte. Und als das geklärt war, bekam er einen Tag Hausarrest, weil er seine Bauklötze in die Schule mitgenommen hatte, und das musste ja bestraft werden, denn man nahm seine Bauklötze nicht mit in die Schule.
Thule hatte schließlich auch keine einzige gewaltsame Faser an sich. Damals, natürlich, hatte er sich wehren wollen - aber wie? Mit Fäusten? Mit denselben Händen, die behutsam Spielzeughäuser bauten? Das schien ihm furchtbar falsch. Auch war der Andere offensichtlich stärker. Wozu wehren? Er würde doch am nächsten Tag wieder mit dem Jungen im selben Klassenraum sitzen müssen, würde sich von seinem strengen Vater anhören müssen, dass Gewalt keine Lösung sei und dass er sich zu schämen hätte, und er würde dabei im Grunde wissen, dass der Vater auch mit alledem Recht hatte. Thule hielt also die Füße still, das hatte er schon immer so getan, und hielt sich den beruhigenden Gedanken warm, dass er im Konflikt auf der richtigen Seite stand, dass er, auch wenn die Stärke nicht bei ihm lag, im Recht war.
Eine ungewisse Zeit später schreckte er hoch, stellte im Halbschlaf fest, dass das Licht draußen erloschen war, und schlief dann endlich richtig ein.
Am nächsten Morgen traf er auf der Straße die Frau von gegenüber. Thule hatte eine furchtbare Nacht hinter sich, konnte sich kaum daran erinnern, woran das gelegen hatte; allein die für ihn sehr ungewöhnliche Philosophiererei hatte er noch deutlich vor Augen. Außerdem war die Zeitung nicht gekommen, aber er war sich sicher, sie nicht abbestellt zu haben. Natürlich hatte er sie nicht abbestellt, er wollte ja den netten Zeitungsboten sehen und seine Werbeanzeigen überprüfen. Das war heute weggefallen und half seiner Laune nicht gerade. Er wollte nichts tun, nichts wissen, nichts sehen oder hören, nur seinem Job nachgehen - seinem neuen Job, den er offenkundig nicht mehr loswurde - wollte einfach nur das tun, was er tun musste. Er schaute auf sein Handy, wo er sich die Adresse aufgeschrieben hatte, die Berthold gestern zuletzt genannt hatte. Da ging er zu Fuß hin, es war nicht weit. Und selbst wenn doch, wäre er trotzdem gelaufen, er hatte keinen einzigen Gedanken daran verschwendet, dass er sich möglicherweise in sein Auto setzen und einfach zu diesem Haus hätte fahren können. In der rechten Hand fest umkrallt hielt er seine Aktentasche, die jetzt keine Grundstücksdaten, keine Papiere und nicht einmal einen Stift mehr beinhaltete, sondern lediglich eine große Schere, eine Packung Gummihandschuhe und mehr als genug große, robuste Müllsäcke.
Für ihn kam es also völlig unerwartet, dass er offenkundig nicht der einzige Mensch oder sogar das einzige Lebewesen auf Erden war, was er daran festmachte, dass ihm eine Nachbarsfrau plötzlich gegenüberstand. Das war eine dickliche kleine Frau mit Watschelgang namens Meyer, die im Haus auf der anderen Straßenseite lebte. In dem spärlichen Ausmaße, in dem er sie kannte, hatte er sie als angenehme oder wenigstens harmlose Person eingestuft. Ihr Mann war ein Anwalt, der die meiste Zeit nicht im Ort war, sondern wegen seiner Arbeit gleich in der großen Stadt schlief und nur am Wochenende mitsamt seines dicken BMW zu sehen war. Die Frau Meyer hingegen blieb fast immer daheim, wo sie großen lokalen Ruhm genoss. Der Ruhm rührte von den prächtigen lilanen Petunien her, die ihren gesamten Vorgarten zierten. Diese Blumen schienen eine außerordentlich große Bedeutung in ihrem Leben zu spielen - eine größere, als gesund sein mochte. Vor zwei Jahren hatte sie eine Art Nachbarschaftswettbewerb gewonnen für den schönsten Vorgarten. Das wusste Thule nur, weil die Gute die Siegerurkunde nicht wie jeder andere normale Mensch an irgendeine Wand im Haus gehangen, sondern in vergrößertem Druck laminiert und gut lesbar am Gartenzaun festgemacht hatte, wo sie auch heute noch für jeden gut zu sehen war. Und sie war die Art von Frau, die ohne vollständige Schminke nicht einmal in den Garten ging. Beinahe schien sie ihm den Kerncharakter dieser Nachbarschaft zu repräsentieren. Nein, soweit er die Frau in den letzten Monaten hatte kennenlernen können, war sie absolut harmlos.
Er grüßte sie mit erhobener Hand, erzwang sich das Lächeln, was ihm die letzten Tage immer schwerer fiel, und wollte zügig an ihr vorbeigehen, sie aber machte gleich ihren Mund auf.
“Haben Sie das gestern mitbekommen?”, fragte sie eindringlich.
“Sie meinen die Sirenen? Das Feuer?”, erwiderte Thule bemüht freundlich. Erst als er die Worte aussprach, erinnerte er sich daran, dass diese Dinge vergangene Nacht tatsächlich stattgefunden hatten. Das Umspannwerk hatte gebrannt, stimmt ja, und die Lichter an seiner Zimmerdecke hatten eine hypnotische Wirkung auf ihn ausgeübt.
“Natürlich rede ich davon, wovon denn sonst? Wissen Sie denn vielleicht, worum es da ging? Das ist doch das Entscheidende, also die Frage, was da bloß passiert ist!”, plapperte Frau Meyer los.
“Es gab ein Feuer. Das habe ich auch gesehen, habe es auch gerochen, das war so ein elektronischer Brand, man kennt sowas ja. Ansonsten habe ich nichts mitbekommen, ich war noch nicht im Internet, und meine Zeitung wurde heute nicht geliefert.” Und warum eigentlich letzteres? Was war denn mit dem lustigen Postboten mit den Hawaii-Hemden und dem herzlichen Lachen? Das Ausbleiben der Zeitung war der Frau reichlich egal, sie wollte über das nächtliche Feuer sprechen. Sie beugte sich zu Thule vor und griff ihn an der Schulter. Sie machte große, vielsagende Augen und raunte Thule ein einziges Wort zu.
“Sabotage!”
Nach einem Moment Pause wiederholte sie sich und freute sich sichtlich, damit offensichtlich Thules volle Aufmerksamkeit erlangt zu haben.
“Sabotage? Wirklich?”, fragte er ungläubig. Er konnte es nicht fassen.
“Ich sag’ es doch, ich sag’ es doch!”, dabei nickte sie energisch, als wüsste sie es aus erster Hand.
“Unvorstellbar! Meinen Sie, das waren Terroristen? Staatsfeinde?” Bei den eigenen Worten merkte er einen Kloß im Hals. Das war jetzt nicht Marie, von der er die Formulierungen übernahm, sondern die Putzer.
“Es gibt noch nichts von offizieller Seite - Ich aber bin mir ganz sicher, wer es war, es gibt da ja so einen Typus von Mensch…”
“Was meinen Sie denn? Wer war es?”
Wieder beugte sie sich zu ihm vor, sprach dann aber trotzdem mit lauter, schriller, fast kreischender Stimme: “Die Neger waren es! Immer sind es die Neger, wenn ich es doch sage!”
Thule machte einen Schritt zurück und hielt sich das Ohr.
“Die Neger”, betonte die Meyer noch einmal, jetzt deutlich leiser, und nickte bestimmt.
“Von den… achso. Man wird wohl abwarten müssen.” Er ignorierte gekonnt die Wortwahl der Frau, und im Ignorieren und Ausblenden war er ausgesprochen geübt. Aber wenn es in allen Richtungen etwas gab, von dem man wegschauen wollte, konnte man nicht von allem wegschauen. Prompt produzierte Thules Kopf eine unangenehme Schlussfolgerung: Wenn das Umspannwerk gebrannt hatte, und das ließ sich nicht bestreiten - wieso war dann das Stromnetz in keiner Weise davon betroffen? Müsste es nicht einen Stromausfall gegeben haben? Das schien ihm sehr seltsam.
“Vielleicht war es ja auch keine Sabotage, ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts. Sagen Sie, haben bei Ihnen eigentlich die Kabel versagt? Haben digitale Uhren im Haus heute Morgen geblinkt oder irgendwas in die Richtung?”, wollte er wissen.
“Nein, ach was, so was gab es nicht. Unsere Jungs in Rot haben das rechtzeitig verhindert oder so. Jedenfalls: Wenn sie die Täter haben, muss man die wohl hängen oder sonst noch was! Sonst geht doch die Gesellschaft kaputt, wenn es keine Konsequenzen gibt!”, tönte die Frau weiter. Thule nickte einfach und machte sich dann daran, sich zu verabschieden.
“Nur eines noch, ich bitte sehr”, schloss die Meyer, “wenn Sie etwas erfahren, kommen Sie bitte gleich zu mir, das ist Ihre bürgerliche Pflicht, mir alle Neuigkeiten zu dem Thema mitzuteilen!” Sie streckte ihm zum Schluss des Geschäfts die Hand aus. Thule starrte sie an, fühlte sich gezwungen, sie zu nehmen. Im Händeschütteln zog sie ihn etwas näher und zwinkerte ihm zu. “Wo Sie doch jetzt direkt an der Quelle sitzen.”
“Was soll das heißen?”, wollte Thule wissen.
“Na, Sie wissen schon. Wo Sie doch jetzt mit unseren Jungs und Mädchen zusammenarbeiten - mit den Putzern!” Das Wort klang aus ihrem Mund, als käme es aus der Bibel. Noch immer hielt sie seine Hand fest.
“Achso. Nun. Ja.” Damit befreite Thule mit aller Kraft, die er aufwenden konnte, ohne brutal zu werden, seine Hand und ging die Straße weiter.
So schnell wusste die Nachbarschaft also Bescheid. Das waren eben die Augen und die Ohren, er dürfte gar nicht verwundert darüber sein. Es war also offiziell: Der Makler und die Putzer waren beste Freunde. Kein Weg zurück. Jetzt dachte er an gar nichts mehr, dachte nur noch daran, dass er pünktlich zum nächsten Termin kommen musste, den man ihm genannt hatte, den Berthold ihm genannt hatte.
Aus dem Augenwinkel sah er zu allem Überfluss auch noch den alten Nachbarn, der in seinem weißen Morgenmantel in der Türe stand. Thule wollte ihn ignorieren, spürte gleich, wie sein Gesicht gleißend rot wurde. Gegenüber diesem Mann verspürte er, nicht zuletzt wegen des unglücklichen Gesprächsverlaufs gestern, Scham. Aber der Mann winkte ihm zu, Thule drehte den Kopf in seine Richtung, ohne langsamer zu werden. Der Mann bedeutete ihm, näher zu kommen! Der wollte noch eine offene Rechnung begleichen, weil Thule ihm gestern davongelaufen war, da war er sich sicher!
“Ich muss mich beeilen!”, rief Thule ihm mit wackeliger Stimme zu und zeigte auf seine Armbanduhr. Dann beschleunigte er noch weiter und wurde nicht langsamer, bis er sicher aus der Sicht des Alten entschwunden war.
Thule kam dann pünktlich. Punkt Acht Uhr war es, als er vor der Hausnummer 34 in der Glückstraße stand. Aber im Garten gab es keine Anzeichen von Putzern, kein aufgetretenes Gartentor, keine zerstörte Haustür. Das war seltsam, aber nicht weiter verdächtig. Thule war pünktlich, das war die Hauptsache. Die mussten wohl noch drinnen sein, die Kolleg- er meinte die Putzer. Also trat er an die Tür heran und drückte die Klingel. Während er sich bereits die Handschuhe anzog, hörte er drinnen Schritte. Die Tür öffnete sich.
“Hallo”, sagte die junge Frau.
Thule starrte sie an.
“Kann ich Ihnen helfen?”, fragte die junge Frau. Das war keine Putzerin. Aber Thule kannte sie. Ihre Stirn legte sich in Falten, als Thule weiterhin nicht antwortete. Er schaute noch einmal auf seine Armbanduhr: 8.03 Uhr. Er war pünktlich hier.
“Hey, ich kenne Sie!” Die Augenbrauen der Frau hoben sich. “Sie sind doch dieser Makler aus der Werbung, oder nicht? Meine Tochter hat sie vorige Tage belästigt mit ihren Fragen”, sagte die Frau. “Das tut mir leid, wollte ich nochmal sagen. Sie wissen ja, wie Kinder in diesem Alter sind.”
Thule schaute auf, wie betäubt.
“Ja”, kam mechanisch aus seinem Mund. Es gelang ihm nicht zu lächeln. An der Frau vorbei konnte er im Flur ein kleines pinkes Dreirad stehen sehen. Wieder sprang sein Blick zurück zu der Frau, die ihn immer skeptischer ansah. Wo waren die Putzer? Wo war Berthold? Hatte man ihn hineingelegt? Mit welchem Zweck? Thule fing furchtbar zu schwitzen an. Warum waren die Bewohner dieses Hauses noch da? Warum waren sie noch nicht weggeputzt?
“Geht es Ihnen gut? Müssen Sie sich setzen?”, fragte die Frau, als Thule zu wanken anfing. Aus dem Nebenzimmer hörte er Kinderlachen.
Er riss sich zusammen. “Verzeihung, falsches Haus”, presste er hervor, machte auf dem Absatz kehrt und verließ das Grundstück. Als er gerade durch die Gartenpforte schritt, piepte sein Handy auf. Mit zitternden Händen holte er es aus der Hosentasche. Eine anonyme Nummer hatte ihm geschrieben:
>> Heute fällt aus. Verhindert wegen Untersuchung des Terroranschlags ;) Morgen! Gleiche Adresse, gleiche Uhrzeit.
Thule schaute zurück zu dem Familienhaus, das er gerade verließ. War nicht der Vater des Mädchens, der Mann der Frau, selber ein Putzer? War denn selbst die Familie eines Putzers, war denn niemand mehr sicher? Gab es niemanden, der ohne jeglichen Zweifel für und nicht gegen die Gesellschaft war? Die Frau stand noch mit verschränkten Armen in der Tür. In 24 Stunden würden sie und ihre Tochter verschwunden sein. “Du könntest sie jetzt warnen”, schlug Maries Stimme vor. Aber hatten sie es nicht verdient, weggeputzt zu werden? Schnell schaute Thule wieder nach vorn und ging.
Kapitel 7
Es war, als würde die ganze Nachbarschaft den Atem anhalten.
Stundenlang konnte Thule beobachten, wie uniformiertes Personal der Polizei, Militär und Putzer die Straße auf- und abmarschierten. Er konnte beobachten, wie der dünne Waldstreifen penibel auf irgendwelche Hinweise, auf Beweise zu Sabotage und Hochverrat durchkämmt wurde. Und er konnte sehen, wie die Putzer, die schließlich nicht nur wegen ihrer Tatkraft, sondern auch wegen ihrer herausragenden Menschenkenntnis das Amt angenommen hatten, von Tür zu Tür gingen und das Volk befragten.
Durch das Fenster sah er, wie Frau Meyer gegenüber befragt wurde, wie sie mit den zwei Putzern sprach und ihnen immer wieder versuchte, freundschaftlich die Hand auf die Schulter zu legen, wie sie verschwörerisch zwinkerte und ohne Unterlass ihren Mund bewegte. Was sie sagte, konnte er nicht hören, aber er konnte es sich denken. Er versuchte sich mit einem Buch abzulenken, schaffte aber keinen ganzen Absatz. Immer wieder wanderten seine Blicke zum Fenster. Draußen tauchten immer mehr Autoritäten auf, der Wendehammer war zugeparkt mit schwarzen Vans und Polizeiautos und anderen Fuhrwerken, die mit zugekniffenen Augen große Ähnlichkeiten zu Panzern hatten. Dann hielt Thule es nicht mehr aus und ging in den Vorgarten, um irgendetwas umzupflanzen, also um einen Vorwand zu haben, besser zu sehen und zu lauschen. Er war unbestreitbar ein Teil dieser Nachbarschaft geworden, zumindest in dieser Hinsicht, denn auch er hatte das Bedürfnis, alles mitzubekommen. Aber es war auch gerechtfertigt in dieser Situation, und was für eine Situation es war! Kurzerhand griff er sich eine Schaufel und begann, ein Loch zu buddeln. Von hier konnte er besser in die Gesichter der passierenden Beamten schauen. Er wunderte sich, dass noch niemand bei ihm geklingelt hatte, dass man ausgerechnet ihn nicht ausfragte, wo er doch mit am nächsten zum vermeintlichen Tatort lebte. Tatort? Irgendetwas erschien ihm faul an der Sache. Er erinnerte sich: Das Stromnetz war in keinster Weise beeinträchtigt worden, obwohl doch das Umspannwerk zerstört worden war. Das ergab doch keinen Sinn, oder? Verlor er den Verstand?
Ein schwarzer Van fuhr langsam die Straße entlang. Auf dem Dach waren in vier Richtungen Lautsprecher ausgerichtet, aus denen eine harsche Frauenstimme klang.
“AUFMERKSAMKEIT, BEVÖLKERUNG! SABOTEURE, VOLKSVERRÄTER und DISSIDENTEN! TERRORISTEN und GEWALTVERBRECHER! SOLCHE ART VON UNMENSCH UND NICHT-MENSCH HAT DIE RUHE DIESER ORTSCHAFT UND SOMIT DER GESAMTEN NATION UNTERGRABEN.”
Etwas leiser fuhr sie fort: “Aktuell wird ein feiger Sabotageakt gegen das Wohlergehen dieser Nation untersucht. Die Täter werden so schnell wie möglich gefasst und zur Rechenschaft gezogen. Bis dahin ist das Volk angehalten, im Haus zu bleiben. Außerdem sind mit sofortiger Wirkung unseren ehrenhaften Patrioten der Putzerbehörde ausgeweitete Befugnisse übertragen, um den Prozess der notwendigen Gerechtigkeit zu beschleunigen. Das Land bittet um Kooperation und sofortige Mitteilungen etwaiger Hinweise auf die Identität der schamlosen Täter.”
Plötzlich bemerkte Thule, wie verdächtig es aussehen musste, ausgerechnet jetzt ein Loch zu buddeln; das musste wirken, als hätte er irgendwelche Beweismittel zu verstecken. Er warf die Schaufel ins Gras und wollte ins Haus gehen. Da kam eine Frau in Putzeruniform auf ihn zu. Na endlich. Er atmete tief ein.
“Grüß Gott. Auf ein Wort wegen der Sabotage.”
“Ah, hm, natürlich.”
Hinter der Putzerin tauchte eine zweite Frau auf; es waren dieselben, die zuvor schon Frau Meyer gesprochen hatten.
“Wo waren Sie in der vergangenen Nacht?”
“Im Haus. Im Bett.”
“Wach?”
“Bei den Sirenen schon.”
“Was gesehen?”
“Rote und blaue Lichter an der Decke.”
“Sonst nichts?”
“Nein.”
“Erst nachdenken, dann antworten! Also nochmal: Nichts bemerkt in der Nacht, nichts Verdächtiges, nichts Gefährliches?"
Thule dachte tatsächlich nach. Aber er musste auch nach außen hin so wirken, deshalb verdrehte er die Augen zur Seite, zog die Augenbrauen hoch, legte das Kinn in die leicht zitternde Hand. Diese Unterhaltung drückte ihm die Galle hoch, die Stimme der Putzerin war nasal und etwas zu hoch, um als angenehm zu gelten. Die würden ihn jetzt nehmen und wegsperren, spürte er. Dabei hatte er gar nichts gemacht! Und doch hatten sie es auf ihn abgesehen, das spürte er. Fast wollte er es.
“Die Sterne waren irgendwie nicht zu sehen”, sagte er schließlich mit schleppender Stimme, als bekäme er keine Luft. “Haben Sie das schon einmal bemerkt? Ich habe so etwas noch nie bemerkt, aber wann schaut man schon einmal ganz aktiv in den Nachthimmel, wissen Sie? Das war, wie wenn ein Vorhang vorgezogen würde, die Bühne stand verlassen. Der Epilog wird aus dem Off vorgelesen. So wirkte das. Aber ich hatte keine Angst, weil ich wusste, dass die Sterne ja doch da waren, nur konnte ich sie eben nicht sehen…”
Die beiden Putzerinnen starrten ihn durch die Sonnenbrillen böse dumpf an. “Was denkst du dir denn?”, blaffte die Hintere ihn schließlich an und vergaß dabei, ihn zu Siezen.
“Ich denk’ mir überhaupt nichts.”
“Das hab’ ich mir gedacht. Doofgelaber. Der verschwendet absichtlich unsere Zeit, das Arschloch. Das ist verdächtig.”
Thules Herz schlug schneller. “Und heute Morgen kam die Zeitung nicht!”, rief er aus, als wäre damit ein alles erklärendes Indiz entdeckt, das ihn jenseits jeglichen Verdachts beförderte und bewies, was für ein loyaler Staatsmann er war. Und er war ein loyaler Staatsmann, das war er wirklich, er liebte sein Land und seine Landsleute, seine Nachbarn, die wallenden Bäume im Herbstwind und er liebte trotz allem Marie, und auch zu ihr war er immer loyal gewesen, war es selbst jetzt noch, obwohl sie gar nicht mehr zusammen waren.
Die erste Putzerin machte sich in ihrem Handy ein paar Notizen. Ihre Kollegin starrte Thule an, dann den erbärmlichen Ansatz des frischen Loches im Gras, dann die Schaufel, die daneben lag. Thule folgte ihrem skeptischen Blick und sah, dass beim Buddeln einige Erdklumpen auf seinen Schuhen gelandet waren. Ein Beben ging durch seinen Körper. Thule zitterte wie Espenlaub, aber es war, so wie beim Anblick der fehlenden Sterne, keine Angst, die ihn rührte, sondern eine faktische, eine meteorologische Kälte, die von innen nach außen kroch, bis zu seiner Haut, und von dort die Außenwelt abkühlte - es wurde ja Herbst! -, ehe sie gleichermaßen tückisch zurück kroch in sein wahrstes Innerstes. Er fühlte sich, wie er hier stand, ein wenig tot, mindestens taub. Er rieb sich die Hände, und er wusste, wie ihn das in den skeptischen Blicken der Putzer wirken lassen musste, aber er konnte nicht anders, musste seine Finger einfach rubbeln und wärmen -
“Was machen wir denn hier?”, knallte eine tiefe, herrische Stimme von hinten.
Hinter den Frauen tauchte Berthold auf, schob sie beiseite und stellte sich zwischen sie.
“Ich mach’ das schon, meine Damen”, sagte er ganz beiläufig. Die Frauen gingen ohne ein weiteres Wort, und erst da wurde Thule bewusst, dass Berthold kein einfacher Fußsoldat war, sondern eine höhere Position in der Organisation innehaben musste.
“Das ist ein übles Ding, hm?”, fragte er Thule.
“Fatale Lage”, pflichtete er bei und ertappte sich dabei, fast so etwas wie Erleichterung über das Erscheinen seines, man konnte es nicht mehr leugnen, informellen Vorgesetzten zu verspüren. Das tiefe Brummen von Bertholds Stimme hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn. Ohne starke Regung realisierte er, dass dieser Mann, der als Beruf andere Leute verschwinden ließ, gerade wirklich bei ihm zuhause, im Vorgarten der ‘Sommerresidenz’ stand. Und dass trotz allem Herbst wurde.
“Ich hoff’, du hast nicht den Auftrag verpatzt, der heute früh angesetzt war. Hab’ dir zu spät geschrieben. War ein voller Tag. Damit konnte natürlich keiner rechnen”, sagte er, dabei huschte ein eigentümliches Lächeln über sein Gesicht, das Thule so noch nicht an Berthold kannte.
“Also Sabotage, hm? Wirklich Sabotage? Wie kann denn so etwas passieren?”, fragte er.
“Hast du nicht die Durchsage gehört? Volksverräter, mitten unter uns! Jetzt kriechen sie hervor aus ihren Löchern, und wir Putzer haben zu spät gehandelt. Nicht hart genug. Jetzt müssen wir erst recht! Jetzt erst recht”, wiederholte Berthold und ballte seine Fäuste.
Thule nickte aus Reflex, war sich dabei aber nicht sicher, ob er wirklich zustimmte. Denn in der Tat, all das, was die Putzer veranstalteten, um die Gesellschaft zu reinigen und zu regenerieren, der unverhältnismäßigen Härte und Brutalität zum Trotz hatte all das diese Sabotage nicht verhindern können. Also war das alles umsonst gewesen? Für ein unerreichbares Ideal?
“Jetzt können wir endlich härter zugreifen, das war auch bitter nötig. Wenn uns einer verdächtig ist, können wir den gleich mitnehmen und müssen nicht erst Beweise sammeln und nachforschen und sowas. Terror macht vor Bürokratie keinen Halt. Wir also auch nicht mehr.”
Thule wunderte sich. Von Beweisen und Bürokratie sprach Berthold. Das war ein Aspekt, den er so gar nicht wahrgenommen hatte seit seinem Kontakt mit den Putzern. Dahinter standen bürokratische Hindernisse? Bei der Vorstellung, wie das Vorgehen jetzt aussehen musste, wenn sie wirklich vollkommen freie Hand bekämen, ließ ihn erschaudern. Berthold bemerkte das und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
“Komm, Augen zu und durch. Ich weiß, das ist unangenehm, das tut am Anfang auch etwas weh, aber es muss eben sein. Das Land wird es uns danken. Unsere Kinder werden es uns danken.”
Fast kameradschaftlich fragte Thule aus Reflex: “Sag, hast du denn selber Kinder, Berthold?”
Bertholds Gesicht wurde zu Stein. “Woher kennst du meinen Namen?” Seine Hand auf Thules Schulter wurde plötzlich sehr schwer.
Thule hielt sich die Hand vor den Mund. Das war es jetzt mit ihm. Er versuchte stammelnd zu erklären, dass das alles nur ein dummer Zufall war und nicht in seiner Verantwortung lag, weil ja der andere Putzer indiskret durchs Funkgerät gesprochen hatte, dass also der Putzer schuld war, aber das klang auch wieder furchtbar falsch, und von all dem kam nur ein undurchsichtiger Bruchteil tatsächlich aus seinem Mund.
Bertholds Gesichtszüge wurden milder. Er gab Thule einen Klaps.
“Was solls, kennst du also meinen Namen, Berthold heiße ich, und du heißt Thule. Macht nicht viel. Wir sind doch auf einer Wellenlänge, haben die gleichen Ziele, wollen die Nachbarschaft verjüngen und verschönern und dadurch die gesamte Gesellschaft.” Nur ein unmöglich einzuschätzendes Funkeln blieb in den Augen Bertholds, das Thule selbst hinter der verspiegelten Sonnenbrille zu sehen meinte.
“Also, jetzt, wo wir auf Vornamensbasis miteinander sprechen, muss ich meine Pflicht trotzdem machen und dich befragen, und du wirst erst recht ehrlich und ausführlich antworten: Hast du irgendetwas gemacht, gesehen, gehört oder gedacht, das uns zu den Verrätern führen kann?”
Und Thule erzählte einfach alles, was er die vergangenen 24 Stunden getan hatte. Er tat das auf jene formlose Art von Kindern, die nach der Schule den geduldigen Eltern alles Neue und Aufregende mitteilten, kurzum: er plapperte ohne Unterlass, und Berthold hörte aufmerksam zu, ohne ihn ein einziges Mal zu unterbrechen. Eigentlich gab es aber gar nicht viel zu sagen, weil er ja einen großen Teil der Zeit seiner Arbeit nachgegangen war, die Berthold höchstselbst ihm gegeben hatte. Und dass er vorhin tatsächlich an dem Zielhaus geklingelt und die verdächtige Frau gesprochen hatte, ließ Thule auch außen vor. So viel traute er sich, das würde Berthold gewiss nicht bemerken, oder? Also versteifte er sich auf den Nachbarn, mit dem er gestern dieses seltsame Gespräch geführt hatte. Und er erzählte, wie er dem Nachbarn im Garten geholfen hatte.
“Ein komischer Typ ist das, muss ich sagen”, äußerte er sich. “Hab’ ich schon immer gedacht, um ehrlich zu sein. Ich wollte ihm bloß helfen, und das habe ich ja auch, aber wie der mich dann beleidigt hat, das war eine große Unverschämtheit. Das habe ich nicht verdient. Das war übergriffig”, ließ er sich weiter aus, obwohl er insgeheim den Eindruck hatte, er selber habe das seltsame Ende der Unterhaltung zu verantworten. Aber man musste ja irgendwas erzählen, bis Berthold abwinken würde. Bloß winkte er nicht ab.
“Nun, ich schätze, man kann dem Mann das nicht verübeln, der ist eben schon älter und alleine lebt er und hat ein Loch im Hals, das verstehe ich schon, aber dass der die ganze Zeit über gar nichts anderes reden kann als Antisemitismus bei alten Komponisten, das war schon sehr nervig. Ich glaube, insgeheim ist er kein großer Freund von euch Putzern, Berthold. Es ist einerlei. Jetzt bin ich ja hier. Also schon ein echt komischer Typ ist das”, schloss er.
Berthold wartete, bis Thule sicher zu reden aufgehört hatte.
“Interessant”, sagte er nur und machte sich in seinem Handy einige Notizen. “Aber weißt du, es ging doch eigentlich um die Nacht und die Sabotage… Willst du nicht dazu was sagen?”
“Natürlich, klar, das war ja der Kern der Sache, stimmt”, fing Thule wieder an. “Also dazu kann ich nicht viel sagen. Ich wurde von den Sirenen der Feuerwehr wach, da brannte es schon, und dann löschten sie die Flammen eben. Ich habe sonst gar nichts gesehen. Nur das rote und blaue Licht habe ich gesehen.”
“Na also, das war doch mal etwas!”, erklärte Berthold und klapste Thule etwas grob auf die Schulter. “So stelle ich mir das vor! Volle Transparenz! Wenn nur alle so gewissenhaft wären wir du! Dann wäre längst jeder Funke Abweichlerei ausgelöscht! Dann gäbe es gar keinen Nutzen für uns Putzer.” Jetzt setzte er eine wehleidige Mine auf. “Weißt du, das macht mir auch keinen Spaß, was ich täglich mache - aber ich mache es trotzdem, weil es eben irgendjemand machen muss. Ich wünschte, es wäre nicht so. Ich bin ein Opfer der Umstände. Und ich akzeptiere das! Andere tun sich schwer damit, sie zappeln wie gestrandete Aale. Du nicht, Thule, du nicht. Du weißt, was Sache ist und was deine Aufgabe ist.” Er legte ihm beide Prankenhände auf die Schultern und starrte ihn eindringlich, fast gerührt an. “Das freut mich wirklich ausgesprochen”, sagte er mit Nachdruck, ließ von Thule ab und ging den Gartenweg entlang. “Morgen nehmen wir uns das Haus vor, das heute drangewesen wäre. Haben die armen Hunde also nochmal eine Gnadenfrist bekommen”, sagte er über die Schulter, überquerte dann nach links den Bürgersteig mit elastischem Schritt. Pfiff er etwa? Ja, kein Zweifel, er pfiff ganz belanglos eine Melodie, die Thule an einen Kinderreim erinnerte. Nur weg mit ihm, diesem Mann! Diesem faszinierenden, charismatischen Mann, der Thule beschützte. Der ihn bedrohte! Thule wusste nicht, was er denken sollte; wohl wusste er das schon eine ganze Weile nicht mehr, schon bevor er die Putzer getroffen hatte. Eigentlich schon, seit Marie ihn verlassen hatte, Marie, Marie, Marie mit ihren Widerhaken in seinem Kopf. Das hatte keinen Sinn ergeben, dass sie ihn verlassen hatte! Das hatte ihn aus der Bahn geworfen! Was sollte Thule denn über irgendwas denken? Also gar nichts denken! Dafür aber durfte er jetzt nicht mit den Putzern, nicht mit Berthold konfrontiert werden. Der sollte die Straße entlangschlendern und gehen. Aber der blieb stehen. Drehte sich im rechten Winkel und schritt bedächtig in die Einfahrt des nächsten Hauses.
Das Haus des Nachbarn.
Der Alte da drüben kochte Fisch, das roch man bis hierher. Berthold schnupperte. Berthold inspizierte das Klingelschild. Berthold machte sich bereit für seine Befragung. Dann ließ er es schellen. Thule machte auf dem Absatz kehrt und ging schnell hinein in sein eigenes abgedunkeltes Haus, draußen gab es nichts mehr zu sehen und zu hören. Er setzte sich ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein und ließ sich berieseln.
Kapitel 8
Der Alltag begann sich wieder einzupendeln, das neue Normal. Thule folgte weiter Berthold Schritt auf Tritt, nicht aus völlig freien Stücken, aber ganz automatisch, er ließ sich nicht zweimal bitten. Es blieb ihm ja nichts anderes übrig. Unter der fortdauernden Bedrohung, die von den frei herumlaufenden Saboteurs ausging (Ausländer, munkelte man, außerdem grobschlächtig und dickbärtig, dunkelhäutig, gewaltbereit und überhaupt zum Äußersten bereit, falls in die Ecke gedrängt, munkelte man), hatte sich eine dicke Last auf die generelle Stimmung gelegt. Die Spielplätze blieben verlassen, die Fußgängerzonen leer, stattdessen schien sich jeder in seine eigenen vier Wände zurückzuziehen. Eine generelle Stimmung vom Ende der Welt machte sich breit, eine Wir-werden-alle-sterben- und Das-ist-das-Ende-vom-Abendland-Mentalität hatte sich so schnell und einfach in die Köpfe der Leute gesetzt, als hätte sie schon von Anfang an dort gelauert und nur dringlichst auf einen Grund gewartet, das Steuer übernehmen zu dürfen. Es erklärte sich von selbst, dass das dem Voranschreiten der Putzer nur zum Vorteil gereichte. Mit neuer Härte schlugen sie zu, Thule immerzu in der zweiten Reihe, bereit mit seinen Müllsäcken, seinen Gummihandschuhen, seinem Desinfektionsmittel und seinem Verstand, der im richtigen Moment auf Durchzug schaltete und seinen Körper automatisch agieren ließ. Jetzt wurden noch viel mehr Putzer eingestellt, mit großen Prämien gelockt und sofort eingesetzt, um großflächige Hausdurchsuchungen durchzuführen. Denn nun war der Feind greifbar, der für alle spürbare Beweis seiner Existenz war geliefert und rechtfertigte es, die Vorstadt zu putzen, wie sie noch nie geputzt worden war.
In diesen paar Tagen dachte Thule noch mehr an Marie. Immer wieder stieß ihre kritisierende, mahnende Stimme an die Oberfläche seines Bewusstseins. Die unzähligen Erinnerungen an sie drängten sich ihm immer vehementer auf und überschwemmten seinen Kopf; in seinem Kopf herrschte also Überschwemmung, und unter diesem hereinströmenden Wasser war alles andere nur undeutlich und dumpf zu erkennen. Aber er wollte nicht. Es fiel immer schwerer, zu verdrängen und wegzuschauen. In welche Richtung sollte er denn noch schauen, wo es nicht brannte? Und das waren keine angenehmen Erinnerungen und Gedanken, und sie drehten sich auch nicht nur um sie, diese Frau aus seiner Vergangenheit, sondern auch um ihn selbst und um seine Lage und was er hier eigentlich tat. Es wurden schwierige Fragen aufgeworfen. Da fiel ihm das Ballett ein, das der Nachbar ihm empfohlen hatte. An den Nachbarn wollte er auch nicht denken, denn er schämte sich noch immer für den unschönen Ausgang des Gesprächs, und er schämte sich, gegenüber Berthold so über ihn hergezogen zu haben. Was er gesagt hatte, spiegelte zwar seine Meinung über den Nachbarn ganz gut wider, wie er sie über Monate hinweg gebaut hatte, aber kaum waren die Worte laut ausgesprochen, hatten sie sich falsch angefühlt und unfair. Da war doch eine Schläue, eine Ernste, eine Tiefe, die er im Nachbarn gespürt hatte. Das war ein echter Mensch da nebenan. Und er war so wütend geworden, weil Thule ihm zu nahe getreten war mit seinen Fragen - wäre es nicht andersherum genauso verlaufen? Wenn der Nachbar etwa Thule gefragt hätte, warum er immer nur machte und machte und nicht einmal innehielt, um darüber nachzudenken? Warum er nie wieder in die große Stadt zurückkehren wollte, was vorgefallen war, dass er sie erst verlassen hatte? Nein, nicht an den Nachbarn denken, an gar nichts! Stille war jetzt Thules größte Gefahr, denn in der Stille kamen sie angekrochen, die Gedanken. Stille war bedrohlich. Ihm fiel also dieses Ballett ein, in dem das Mädchen sich zu Tode tanzte, um dem Frühlingsgott zu huldigen. Er suchte im Internet danach und fand es auch: Stravinsky, Die Frühlingsweihe. Er steckte sich Kopfhörer ins Ohr und machte die Musik an.
So etwas hatte er noch nie gehört.
Das klang völlig unberechenbar und chaotisch, aber gerade deswegen so machtvoll. Es gab zwar eine Melodie, die aber immer wieder verschwand hinter für Thule zusammenhanglos wirkenden Instrumenten, ehe sie im letzten Moment wieder auftauchte und sich zu erkennen gab. Das war Irrsinn! Das war genial! Dazu stellte er sich ein Mädchen vor, das sich ekstatisch zu Tode tanzte. Dieses Mädchen flackerte manchmal und nahm dann das Gesicht von Marie an, das böse-kritsch in Thules Seele hineinstarrte, das ließ sich nicht vermeiden, ansonsten eignete sich diese Musik hervorragend, um jegliche Gedanken aus Thules Kopf zu fegen. Er hörte dieses Ballett hoch und runter, er hörte es nach dem Aufstehen, er hörte es beim Essen, vor allem aber hörte er es beim Arbeiten, beim Räumen, beim Putzen. Und das war gut so, denn durch die neuen Befugnisse der Putzer nahm die Anzahl der Häuser rapide zu, es gab gar keine Zeit mehr für normale Maklerarbeit. Thule war vollkommen eingespannt in die Arbeit für den Staat und für die Gesellschaft, wie Berthold es ausdrückte. Das alles hörte Thule nicht, er hörte nur das Ballett und seine Klänge.
Thule fand sich vor einem offenen Kühlschrank wieder.
Gerade noch musste er geräumt haben, auch wenn er sich kaum daran erinnern konnte. In seiner Hand ruhte eine halbvolle Ketchupflasche, neben ihm wartete der Müllsack. Was war passiert? Es war mit einem Mal so still um ihn! Er schaute auf sein Handy, da war nichts zu machen - der Akku war alle. Keine Musik mehr für den Rest des Tages. Er zog sich die Stöpsel aus den Ohrmuscheln und guckte sich verstohlen um, ein flaues Gefühl im Magen. Da war niemand, da war kein Rascheln und kein Rauschen. Da war kein junges Mädchen mehr, das immer wilder tanzte. Da war nur ein kurzes, unheilkündendes Knacken. Und dann, wie bei einem Dammbruch, kamen sie über ihn hineingestürzt.
Seine Gedanken.
Jetzt sah er sie deutlich vor Augen - Marie in einer zerknitterten Bluse am Esstisch. Sie hatte ein kleines Grübchen über dem Kinn, das hatte Thule schon immer sehr gemocht. Sie stöberte durch ein Wissenschaftsmagazin und schaute immer wieder ungeduldig auf die Uhr. Er musste feststellen, jetzt, da sie nach langer Zeit ungehindert in sein Bewusstsein rückten, dass er sehr gute und gründliche Erinnerungen an seine Zeit mit Marie bewahrte. Natürlich war ihre Trennung noch gar nicht so lange her, aber es war ihm trotzdem vorgekommen wie eine Ewigkeit. Die Gegenwart war von dieser Zeit getrennt durch einen dichten, absichtlich dort platzierten Nebel, den Thule sich seitdem nicht mehr zu lüften gewagt hatte. Bis jetzt.
“Thule, wo bleibst du?”, rief sie ihm zu. Sie waren zu spät dran. Marie war schon eine Weile fertig, Thule aber stand noch am Spiegel und stellte zum dritten Mal sicher, dass seine Zähne auch wirklich perfekt strahlten, damit sein Lächeln möglichst eindrucksvoll wirken möge. Das waren Freunde von Marie, die er noch nicht kannte, mit denen sie sich verabredet hatten. Der erste Eindruck zählte, und wenn sein Maklerlächeln nicht charmant war, was war es dann?
Er hatte sie beim Einkaufen gesehen. Sie war so viel älter, so erwachsen geworden, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Dieses Grübchen über dem Kinn ließ ihn sie aber auch nach all den Jahren sofort erkennen. Er sprach sie an, und erst als er den Mund aufmachte, merkte er, dass er wieder ein Kind war. Dieses unbeholfene Schuljungen-artige an ihm schmeichelte Marie. Sie verabredeten sich am nächsten Tag auf einen Kaffee, um der alten Zeiten willen. So lief das dann, wie solche Dinge eben liefen.
Natürlich war nicht alles heile Welt gewesen zwischen Marie und Thule. Er schaute gerne Serien, sie lieber Filme. Er war ein Frühstücksmensch, sie mochte lieber ein dickes Abendessen. Sie präferierte es, hallte ihre Stimme nach. Sie wollte immer eine Katze haben, er wollte nicht die Haare auf dem Sofa. Der Kompromiss war, zumindest nach seinem Verständnis, ein gemeinsames Kind. Was aber nie kam. Weil sie, anstatt seinen Antrag anzunehmen, die Beziehung effektiv auf der Stelle beendete.
Er hatte Grund, auf sie wütend zu sein! Das genehmigte er sich jetzt! Wut auf sie! Sie, die ihn vorgeführt und seine Zeit gestohlen hatte. Wie lange waren sie denn zusammen gewesen? Nicht etwa sechs Jahre? Thule zählte an den Fingern nach, es stimmte, sechs ganze Jahre. Und gekannt hatten sie sich noch viel länger, sie war ja schon in der Grundschule bei ihm gewesen, nur hatten sie da nicht miteinander gesprochen. Stattdessen hatte er sich von diesem einen Jungen herumschubsen lassen. Thule wollte doch bloß seine Spielzeughäuser bauen, und Sanchez, seinem Freund, wurde ins Gesicht gehauen, sodass ihm Blut aus der Nase tropfte. Die Gedanken gingen durcheinander, sie überschlugen sich.
Und mit dem Familiengründen war er sowieso schon spät dran, aber noch im Rahmen; jetzt aber musste er wieder bei null anfangen, und es erschien ihm mit seinen Ende 30 nicht allzu realistisch, eine Frau kennenzulernen, diese lange genug zu kennen, um sie zu heiraten und dann wenigstens ein Kind mit ihr zu zeugen. Also war Marie schuld daran, dass Thule aller Wahrscheinlichkeit nach nie leibliche Kinder haben würde. Stattdessen hingen ihm komplizierte Wörter im Kopf, die er in Gesprächen mit Marie aufgeschnappt hatte und die er selbst nicht recht verstand.
Er hatte den Antrag gar nicht gemacht, fiel ihm ein. Er wollte sie gerne heiraten, hatte den Antrag nur geplant. Stattdessen hatte sie sich von ihm getrennt, und er war fortgezogen. Aus der gemeinsamen Wohnung im vierten Stock, fort aus der dicken vollen Stadt. Hin in diesen braven, ruhigen, schönen Vorort. Ein Neuanfang mit weißen Lattenzäunen. Aber überall diese Augen! Und diese Ohren! Und all das Gerede von der Volksgemeinschaft, das auch schon, als sie noch zusammenlebten, überall laut geworden war.
Im Fernsehen dieses Gerede, es war schon ganz normal und wurde in Talkshows aktiv erwartet. Marie schüttelte entgeistert den Kopf, Thule hörte gar nicht richtig hin. Marie guckte ihn böse an: “Interessiert dich das gar nicht, was gerade passiert? Das betrifft uns doch alle!”
Thule zuckte mit den Schultern. “Wenn du jetzt aber den Fernseher ausmachst, dann ist das alles weg. Dann geht es mich eben doch überhaupt gar nichts an. Hier im Zimmer gibt es keine Volksgemeinschaft. Hier sind nur wir zwei, unter uns… apropos-”
Was hatte sie zuletzt immer an ihm bemängelt? Seine ‘Passivität’ hatte sie das genannt. Das immerhin war ein Wort, das er kannte. Nur ergab es in diesem Kontext keinen Sinn für ihn. Daran hatte er sich aufgehangen, an diesem Wort. Wie plötzlich das kam, dass sie sich darüber beschwerte, dabei hatte er gar nichts an sich verändert. Er war einfach so gewesen, wie er immer gewesen war. So, wie er auch war, als sie zusammengekommen waren. Warum also plötzlich ‘Passivität’? Was hatte sich geändert? Thule hatte sich nicht verändert, das war ihm klar. Wie konnte es also an ihm liegen, dass Marie den Stecker der Beziehung gezogen hatte, eine Woche, bevor er sie gefragt hätte, ob sie ihn heiraten wolle. Sie musste das geahnt haben, es gerochen haben, kalte Füße gekriegt haben. Etwas anderes ergab keinen Sinn. Sie hatte ihn nie geliebt! Das wäre hart, aber nachvollziehbar. Das wäre ein konkreter Fakt, und es wäre definitiv nicht Thules Schuld, dass die Beziehung geendet hatte, denn es hatte ja nichts über seine allgemeine Liebenswürdigkeit zu sagen, wenn nur eben Marie keine Gefühle für ihn gehabt hätte. Emotionen konnte man nicht zwingen.
Aber das war es nicht, er wusste ja, wie es einmal zwischen ihnen gewesen war, da waren echte Emotionen, diese Blicke ließen sich nicht täuschen. Sie steckten vor allem in den Augen, und die konnte er ja jeden Tag betrachten. Nicht so wie bei den Putzern, die ihre Augen und die Emotionen, ja eigentlich ihre Menschlichkeit hinter den getönten Gläsern versteckten.
Thule stand jetzt schon unter der Dusche, die Arbeit des Tages erledigt, aber das Rauschen des Wassers auf seinem nackten Körper und den weißen Fliesen war nicht laut genug, um ihn in zurück die Gegenwart zu bringen. Die Gedanken waren Raubtiere. Einmal den kleinen Finger gereicht, einmal Blut geleckt…
Er hatte sich nicht verändert, er war so, wie er immer gewesen war. Wie er in der Schule gewesen war, war er noch heute. Es ging ihn nicht alles etwas an, man musste auch einfach die Füße stillhalten können, das war gewiss ein Talent, eine Tugend -
Um den Arbeitsmarkt und die Wirtschaft stand es schlecht, schon eine ganze Weile. Die Aktien stürzten im Sinkflug. Die Preise von Eiern und Brot kaum zu stemmen. Und diese horrenden Spritpreise! Manch einen beschlich sogar das Gefühl, das Grün der Bäume habe früher einmal saftiger ausgesehen, ungeachtet der Tatsache, dass es aufgrund normaler Jahreszeitenwechsel tatsächlich nicht so grün wie vor noch einem Monat war. Und war nicht sogar das morgendliche Lied der Lerchen träger geworden? Der Kaffee verwässert? Kurzum - es lag etwas in der Luft, etwas Ungutes, etwas Störendes und Belästigendes: Ein Wandel. Man war unzufrieden.
Und dann kamen die Putzer.
Stopp! Gerade hier lag doch ein großer, ein fundamentaler Fehler in seiner Anschauung. Die Putzer waren eben nicht einfach plötzlich gekommen. Sie waren gar nicht von der Zeit heraufbeschworen wie das Wachsen der Bäume und das Wandern der tektonischen Platten. Es war ja nicht die Zeit, die stattgefunden hatte, sondern das, was in ihr steckte, das, was sie mit Gleichgültigkeit hinter sich herzog. Und auch dieses Etwas, also die Putzer, waren “inhärenter Bestandteil” (das steuerte wieder Marie bei) der Zeit. Sie koexistierten. Natürlich waren die Putzer NICHT unausweichlich gewesen. Die Gesellschaft und deshalb auch Thule im Einzelnen hatte eine Wahl gehabt, die aber falsch, oder im Falle Thules, gar nicht getroffen wurde. Es gab Straßenschlachten, erinnerte er sich jetzt. Draußen auf der Straße Demonstration und Gegendemonstration, Eskalation, fliegende Steine, Straßenschlacht.
“Es geht um die Zukunft des Kontinents!”, schrie Marie ihn an. Sie war die ganzen letzten Tage schon unruhig gewesen, hatte nicht schlafen können - so wie Thule jetzt - und kaute sich die Fingernägel vor Nervosität ab.
Und er erinnerte sich an seine Antwort und er spürte das Blut vor Scham in seinen Kopf schießen: “Ich bin aber kein Kontinent.”
Das war ihm alles zu mühselig gewesen, diese politischen Dinge, er wollte nicht raus gehen oder wenigstens aus dem Fenster schauen, nicht die Motive auf den geschwenkten Flaggen und Bannern identifizieren, wollte keine Stellung beziehen, keine Wahl treffen.
Ein großes bedeutendes Regierungsgebäude mit Ratssaal und Kuppel, mit linkem und rechtem Flügel und bedeutender Geschichtsträchtigkeit, generell mit großer Symbolkraft, wurde gestürmt von einem wütendem Mob, oder wurde es nicht doch angezündet von gefährlichen Extremisten? Es war eigentlich einerlei, es führte immer alles zum gleichen Ergebnis. Das war die Zeit, die Zeit. Die Putzer waren nicht schon immer da. Es hatte Wahlen gegeben, stimmt, daran erinnerte Thule sich. Darum ging es in den Straßenschlachten, um die Wahl. Thule hatte nicht gewählt, er hätte gar nicht gewusst, wen. Und die neue Regierung, die war es dann, die als erste Amtshandlung die Putzer ins Leben rief.
Und so hatte Thule doch eine Wahl getroffen, passiv und automatisch. War vor den Konsequenzen seines Nicht-Handelns geflohen! Das hatte nicht funktioniert, natürlich nicht: Nun waren die Putzer auch hier angekommen Und dann hatte man für ihn eine Wahl getroffen, namentlich der Putzer Berthold, der ihn gesehen, in seinem Verhalten einen Gleichgesinnten zu erkennen geglaubt und ihn in seine Operationen eingebunden hatte.
Und selbst dann noch hatte Thule nicht gesehen oder sehen wollen, was das für eine Wahl war, die er ausgeschlagen und somit doch getroffen hatte, wollte nicht die Konsequenzen seines Handelns oder besser gesagt seines Nicht-Handelns einsehen, und allem voran weigerte er sich selbst dann noch einzusehen, dass ihn das alles ganz fundamental etwas anging. Und dass er Teil des Problems war.
Er wusste nicht, was mit all den Leuten passierte, nachdem sie aus ihren Häusern geholt wurden, und es war ihm auch eigentlich egal - das war eine Lüge. Es war ihm ganz und gar nicht egal! Aber es hatte ihm egal zu sein. Und deswegen war es ihm am Ende des Tages doch egal, weil er gar keine Wahl hatte. Er befolgte nur die Befehle. Solange er nur insgeheim die Methoden der Putzer verurteilte, war doch alles gut; solange er nur wusste, die moralische Überlegenheit zu haben - aber Moral, das war wieder eines dieser Worte, das er nie benutzt hatte, was er nur von Marie genommen und unbewusst in seinen Wortschatz aufgenommen hatte. “Du scheust den Konflikt”, hörte er sie sagen.
Ihn beschlich ein Gefühl von Angst, ein unheilvolles Kratzen an seinem Selbstverständnis, dann stand er auf und ging wieder hinaus und zur Arbeit. Nachdem er die ewig gleichen Anweisungen von Berthold bekommen hatte, steckte er sich die Kopfhörer wieder ins Ohr und bedröhnte sich von neuem mit diesem Stravinsky, der so wunderbar jeden letzten Gedanken sauber aus dem Kopf fegen konnte.
Aber diese Gedanken blieben. Jetzt musste er den angefangen Faden bis zum Ende ziehen, auch wenn Thule sich darunter auflösen würde. Verdammt! Thule machte die Musik wieder aus und hörte zu, wie das Porzellan schepperte - genau so, wie er es in seinem allerersten Haus gehört hatte. Damit hatte alles angefangen, mit dem Porzellan der Brecznys. Aber es hatte gar nicht damit angefangen, wurde ihm bewusst. Es gab da eine tiefere Kette von Zusammenhängen, die damit endete, dass Thule die Häuser räumte und damit das Gegenteil von dem tat, was ihm eigentlich an seinem Beruf so viel Freude bereitet hatte. Entband ihn die Existenz dieser Kette von der Verantwortung?
Er hatte sich nicht geändert, das stimmte, aber die Welt hatte sich verändert. Das war es doch. Die Welt hatte sich um ihn herum geändert. Und er hatte weggeschaut, hatte sich mitziehen und herumschubsen lassen. Immer war er den Weg des geringsten Widerstands gegangen. In der Grundschule wurde er gemobbt und hatte sich nicht gewehrt. Marie hatte ihn aus dem Nichts heraus mit fadenscheinigen Begründungen verlassen - Passivität! - und er hatte sie nicht zur Rede gestellt, hatte es sich nicht erklären lassen.
Eines der letzten Gespräche vor dem Ende fiel ihm jetzt ein, fiel ihm überhaupt zum ersten Mal ein, denn er hatte es sehr sorgfältig in den tiefsten Falten seines Gehirns versteckt und nur das Wort 'Passivität' behalten.
"Weißt du eigentlich, was mit all diesen Leuten passiert?", hatte Marie ihn gefragt. Ihre Stimme war schon ganz resigniert, das war Thule damals entgangen, stellte er jetzt fest. Sie hatte bereits nicht mehr an eine gemeinsame Zukunft geglaubt, und vielleicht an überhaupt keine Zukunft, denn es war das eingetreten, was sie und viele zu verhindern mit aller Kraft versucht hatte.
"Die werden eben weggeputzt, schätze ich!", antwortete Thule genervt. Sie redete nur noch von diesen neuen sogenannten Putzern in diesen Tagen.
"Und was heißt das Thule, gottverdammt, was heißt das denn? Wir sprechen von Menschen, von MENSCHEN! Menschen putzt man nicht weg. Das ist ein Euphemismus, eine Beschönigung! Menschen werden deportiert und in Lager gesteckt. Menschen werden ermordet!"
Menschen wurden ermordet.
Thule nahm sich ein Herz, diesen Gedanken laut zu denken. Er schaffte es nicht. Er wusste diese Dinge sowieso schon, er hatte sie nur effektiv und konsistent verdrängt und ausgeblendet. Er musste! Einmal! Der Wahrheit ins Auge blicken. Marie hatte ja recht gehabt, und vielleicht hatte er das auch damals schon gewusst, aber es war ihm praktischer erschienen, es zu ignorieren. Er, der Verdrängungs-Großmeister. Er ging in das Schlafzimmer des Hauses, das er gerade räumte, wo ihn sicher niemand draußen hören konnte, denn er musste es laut sagen, das spürte er.
Er holte tief Luft: “Und jetzt wird die Bevölkerung von Faschisten deportiert und ermordet.” Das war es. So war das gewesen. Das rekontextualisierte alles mit einem Schlag. Und viel schlimmer, er schaffte es nicht einmal, seine Stimme zu erheben. Nein, noch schlimmer, er hatte sich ohne jeglichen Konflikt dazu bringen lassen, dabei zu helfen. War immer den Weg des geringsten Widerstands gegangen. Er war nicht besser als Berthold, und sogar schlimmer als er - denn Berthold hatte wenigstens Prinzipien und starke Überzeugungen, er hat einen Grund, warum er das tat, was er tat. Er glaubte an seine Mission. Thule hingegen hatte nicht einmal eine wirkliche Agenda, die ihm Gründe gab, das zu tun, was er tat. Er war ein Nichts.
Diese Klarheit tat nicht gut. Sie tat weh, drohte, Thules kleines, abgekapseltes Herz zu zerreißen. Das hatte er jetzt davon, dass er nachgedacht hatte. Aber das musste raus, das war gut, das musste wehtun, das war ganz normal. Thule spürte, wie er totenbleich wurde, wie ihm die Hände zitterten, wie er im Ekel über sich selbst würgen musste.
Hatte er es jetzt verstanden? Er spürte, etwas hatte sich in ihm verändert. Er verspürte wieder den Drang, den er all die Monate gewaltsam bekämpft hatte: sich ins Auto zu setzen, jetzt gleich, und in die große Stadt zurückzufahren, die vier Etagen Treppenhaus aufzusteigen, atemlos an die Türe zu hämmern, bis Marie aufmachen würde. Mit großen Augen sähe sie ihn an, er würde ihr erklären, dass sie recht mit allem hatte - und er würde es in diesem Tagtraum auch wirklich so meinen! - und dass er erkannt habe, was los sei und was sein Fehler war, sein Hauptfehler, und dass sie als intelligente Frau niemals so jemanden hätte heiraten können, der den Kopf präventiv in den Sand steckte, das sähe er jetzt ein; nun aber war er ja erleuchtet, erlöst, er war ein ganz und gar anderer Mensch, und er würde -
Vor dem Auto hielt er inne, den Türgriff schon in der Hand. Er musste sich wie in Trance durch diese letzten zwei Tage bewegt haben, er hatte ja schon wieder Feierabend, ohne sich erinnern zu können, nach Hause gegangen zu sein. Er würde jetzt zu Marie fahren und die Sache klären -
Thule zögerte. Darum ging es nicht.
Marie hatte recht, aber es ging gar nicht um Marie. Sie würde nichts mit Thule zu tun haben wollen, nicht nach all dem. Er schloss die Autotür wieder, noch immer auf dem Bürgersteig.
Es ging nicht um sie. Es ging um alle anderen. Um den Menschen ad summa. Die Formulierungen von Marie akzeptierte er jetzt. Es ging eigentlich auch nicht um Thule, sondern um das große Ganze, in dessen Mitte er anonym stand und Teil daran hatte, um die Welt, die sich drehte und…
Er musste sich gegen die Putzer wehren. Er musste sie bekämpfen, musste seine Nachbarn, seine so grausam passiven Nachbarn bewegen, und dann würde es nochmal Straßenschlachten geben, aber dieses Mal würden sie auf die richtige Weise ausgehen. Dieses Mal würde Thule dabei sein, an erster Stelle! Als erstes musste er jetzt mit dem Nachbarn reden, sich für Vieles entschuldigen und ihn dann um Rat fragen. Der Nachbar würde auf seiner Seite sein, das wusste er. Was danach? Wie würde Thule vorgehen?
Kapitel 9
Er klingelte, und schon stand dieser Mann vor ihm, der Nachbar mit dem Loch im Hals, der Alte, den er so dringend sprechen wollte. Er trug heute weder seinen schäbigen weißen Bademantel noch seine Gartenkleidung. Einen ganz gewöhnlichen roten Pullover hatte er an und eine ausgewaschene Jeans. Er musterte Thule von oben nach unten und sagte dann, als hätte er Thules ganzes Wesen, seinen gesamten Zustand allein durch ein ausgiebiges Gucken erraten:
“Du hast dich also entschlossen. Politisch zu sein.”
Thule schaute nur, erstaunt ob der Auffassungsgabe des Mannes, dann verfiel er in ein flehentliches Nicken.
“Und mich entschuldigen!”, stieß er aus, “Ich-”
Der Nachbar hielt sich einen krummen Zeigefinger an den Mund. Indem er die Straße auf- und abschaute, sagte er: “Solche Dinge sind nichts für draußen. Komm.”
Damit stieß er die Haustür weiter auf und bedeutete Thule, hereinzukommen. Irgendwo draußen bellte es, und dieses Geräusch ließ Thule derart auffahren, dass er die einsame Treppenstufe zum Hauseingang halb hinaufsprang und über die Schwelle trat. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss. Und Thule stellte fest, dass er in all den Monaten, die er hier nun bereits lebte, zum allerersten Mal bei jemand anderem zuhause war - nicht als Makler, nicht als Begleitung der Putzer, sondern als Privatperson, als Thule.
Sie setzten sich in der Küche an einen kleinen Tisch, einander gegenüber, der Nachbar mit dem Rücken zum Flur, Thule die Spüle im Rücken. Der Nachbar bot keinen Kaffee an, folgte keinen sonst üblichen Verhaltensnormen. Auch hatte er Thule nicht eingeladen, Platz zu nehmen, sondern sich einfach hingesetzt und schweigend darauf gewartet, dass sein Gast es ihm gleichtun würde. Er sagte auch dann, als sie so saßen, lediglich: “Also”, lehnte sich zurück und verschränkte die Hände vor dem eingefallenen Bauch. “Du bist politisch geworden.”
“Ich hatte einen - eine Erkenntnis. Mein Gott-”, fing Thule an und vergrub das Gesicht in den Händen. “Wie konnte ich nur so blind sein?” Natürlich wusste er die Antwort, denn er hatte blind sein wollen.
"Interessant.” Mehr kam da nicht?
“Wissen Sie, was da los ist? Die Putzer? Mein Gott, die Putzer!” Er musste mit jemandem darüber reden, musste sich Luft machen.
“Natürlich die Putzer.” Der Betonung des Nachbars war zu entnehmen, dass der Begriff der Putzer sie beide, die hier saßen, nicht miteinschloss, dass es eine Fremdgruppe war. Er war scheinbar der Einzige im Ort, der nicht mitbekommen hatte, dass Thule im Laufe der letzten Woche mit großem Selbstverständnis, mit großem Automatismus, selber beinahe ein Putzer geworden war. Ansonsten hätte er Thule gewiss gar nicht zu sich gelassen.
“Wie konnte es nur so weit kommen?” Aber auch das wusste Thule mittlerweile. Er hätte sich nicht blind machen dürfen. “Aber ich wollte mich ja entschuldigen bei Ihnen. Das war das Allererste!" Jetzt schaute er auf und ließ dabei die Hände leblos in den Schoß fallen.
“Wofür?”, knarzte der Alte und setzte sich gerade.
“Ich habe Sie so bedrängt bei unserem letzten Gespräch! Wollte wissen, wieso Sie jetzt plötzlich so anders, so zugänglich geworden sind. Dass sie Klavier spielen und sich sogar im Garten zeigen, sogar ansprechen lassen. Also im Vergleich zu vorher. Wissen Sie, ich konnte Sie gar nicht ausstehen vorher, um ehrlich zu sein. Weil Sie sich nicht integrieren wollten, verstehen Sie. Aber das ging mich natürlich nichts an, das war nicht mein Platz, dass ich Sie so bedrängt habe, jeder hat so seine Launen und seine Gründe, ich weiß, das hätte ich akzeptieren müssen, aber dieser plötzliche Verhaltenswandel, der kam mir so unerwartet und hat mich neugierig gemacht, verstehen Sie, aus bloßer nachbarschaftlicher Freundlichkeit und Freundschaftlichkeit und-”
Mit einer Handbewegung brachte der Nachbar den Redeschwall zum Verstummen. Er setzte sich noch etwas gerader, sofern das denn möglich war.
“Es ist gut. Ich verstehe das. Die Augen und die Ohren, nicht wahr?" Thule nickte heftig. “Alle wollen alles wissen. Das ist dieser Ort. Früher war das nicht so. Nun. Wenigstens mit anderen Intentionen. Mit guten Intentionen. Wie du sagst. Freundschaftlich.”
“Auch ich habe immer nur -”
Wieder verstummte Thule, als der Nachbar den Finger hob. “Ich dachte, du bist auch so. Vielleicht warst du es. Aber jetzt hast du dich verändert. Du bist aufgewacht. Gut. Ich erkläre mich. Kennst du den Irak?”
“Das Land?”
“Den Krieg. 2003. Es gab da einen Mann. Noch jung. Stark. Schlau. Das war mein Sohn.” Er fügte knapp hinzu: “Jetzt ist er tot.”
“Oh, mein Beileid!”
“Ich war nicht fertig. Warum tot? Weil man ihn erschossen hat. Für das Öl haben sie ihn hingeschickt und dann wurde er erschossen, so ist das eben, die Natur des Menschen-” Nach dem langen Satz musste er tief und stoßartig Luft holen. “Das war im Sommer. Im Sommer bin ich in Gedanken bei ihm. Jeden Sommer. Mehr kann ich nicht tun. Jetzt aber ist Herbst. Jetzt kommen die Igel. Die brauchen Schutz.“ Da hatte Thule also die Erklärung, weshalb der Nachbar zuletzt so anders war - er war eigentlich im Sommer anders gewesen, und jetzt wieder so, wie er eigentlich war. Ein begnadeter Pianist. Ein harscher Redner, aber einer, der eben da war. Gern wollte er ihm noch einmal sein Beileid bekunden, aber es schien ihm fehl am Platz, denn der Nachbar wirkte zutiefst unemotional, er hatte die Angelegenheit als sachlichen Bericht vorgelegt. Er hatte seine Trauer überwunden und nur, wohl gepflegt, die Wut und den Groll gegen die Umstände behalten.
“Falsche Vorwände. Immer falsche Vorwände”, fing er jetzt wieder an. “Sie fangen hier an. Bei uns. In den Häusern. Weg, alle weg. Die sie nicht mögen. Und dann geht es weiter. Es muss ja etwas geben. Wegen dem man unzufrieden ist. Sonst gäbe es keine Putzer mehr. Also ins Ausland. Da weitermachen. Weg, alle weg. Die wirklichen Ursachen bekämpfen sie nie. Sie bekämpfen nur die Menschen. Die Armen. Die Guten. Und am Ende geht es um Öl. Das Blut der Erde. Ist dir aufgefallen? Die Sabotage? Am Umspannwerk? Es gab keinen Stromausfall.”
“Ja! Genau! Das ist mir auch schon aufgefallen! Ich dachte, ich werde verrückt! Aber es gab keinen Stromausfall! Was heißt das denn?”
“Falsche Vorwände. Es ist das gleiche. Immer. Irak. Heute. Morgen. Das Gleiche. Der Rechtsstaat ist tot. Es fängt immer gleich an.”
In der Pause, die darauffolgte, musste Thule an die Straßenschlachten denken, und an das große majestätische Regierungsgebäude, das jemand angezündet hatte, und wie das die Wahl beeinflusst hatte.
Da wurde er sich der Uhr bewusst, die über der Tür zum Flur hing. Sie machte regelrecht auf sich aufmerksam, denn sie tickte, tickte, tickte, tickte, tickte. Er schielte, während er die Schilderung des Nachbarn in sich aufnahm, an ihm vorbei in den Hausflur und jenseits davon in das verdunkelte Wohnzimmer. Tick, tick, tick. Dieses Haus war identisch aufgebaut wie das der Brecznys, die von den Putzern vor gerade einmal vier oder fünf Tagen geholt worden waren. Die Zeit! Sie zerrann ihm zwischen den Fingern, und er konnte nur hilflos zusehen und bereuen, bereuen, bereuen. Tick, Tick. Der Nachbar sagte es ja selbst, es lief immer alles gleich. Die Sabotage war also gestellt, sagte er? Das ergab Sinn. Berthold hatte ja gesagt, dass sie nun völlig freie Hand hätten. Weil sie sich ihre Staatsfeinde ausgedacht hatten.
Da packte ihn ein Grauen
“Ich habe ihr Ballett gehört. Mit dem Frühlingsgott”, wechselte er abrupt das Thema.
“Und?”
Ja, und was war nun damit? Das war die Frage. Dabei wanderte Thules Blick wieder zur Uhr. Die Zeit lief ab, und gleichzeitig bewegte sie sich kreisförmig. Der Frühlingsgott würde wiederkommen, so wie die Putzer wiedergekommen waren - natürlich hatten sie früher andere Namen, stolze und patriotische Namen getragen, aber es waren auch da im Kern die Putzer gewesen. Und es hatte Bertholds in ihnen gegeben. Und, so wurde er gewahr, auch Thules.
“Es gefällt mir sehr”, sagte Thule nur und kam dann zu seinem eigentlichen Anliegen zurück. “Ich möchte mich wehren.”
Der Nachbar zog eine graue Augenbraue hoch.
“Ja, wehren! Sie haben recht gehört, wehren! Gegen die Putzer! Wenn nur einige andere so sind wie ich, also tief schlafend, und passiv, dann muss man die doch wecken können? Wir gehen auf die Straße und vertreiben sie, diese Putzer! Das machen wir!”
“Unfug”, presste der Nachbar heraus und lehnte sich wieder zurück.
“Bitte?” Das traf Thule völlig unerwartet.
“Unfug. Das nützt nichts. Das ist Selbstmord.”
“Aber man muss doch etwas tun? Das ist doch nicht gut, wie es ist!”
“Es ist nicht gut. Aber man kann nichts machen.”
Damit stand der Nachbar ruckartig auf und ging zur Tür. Das Gespräch war beendet, hieß das. Thule hielt sich dicht hinter ihm.
“Meinen Sie nicht doch, man müsste etwas machen? Täuschen Sie sich nicht? Ich glaube, Sie täuschen sich.”
“Früher hätte man was machen können. Nicht jetzt. Nicht hier. Der Moment ist vorbei. Du bist zu spät. Du weißt nicht, wie die Leute sind.”
“Aber wir zusammen, könnten wir nicht-”
“Du weißt nicht, wie die Leute sind. Geh weg. Zieh weg. Solange du kannst. Setz dich in dein Auto. Und fahr. Nicht zurückgehen. Weg. Weit weg.”
“Aber gleich wegziehen? Das ist doch mein Haus, mein Zuhause, und die Karriere, die ich mir hier aufgebaut-”, wandte Thule ein.
Während sie schon in der offenen Haustür standen und sprachen, während Thule das furchtbare Gehörte sacken ließ, war auf der anderen Straßenseite eine Putzerin erschienen. Sie trug, so wie all die anderen, eine beige Cappy, hinten ragte ein schwarz gefärbter Pferdeschwanz heraus, auf der Nase die gewohnte Sonnenbrille. Aber obwohl sie sogar die Pistole am Gürtel trug, war sie nicht im Dienst, sondern als Passantin unterwegs, denn sie führte einen kleinen Hund an der Leine Gassi, der kaum älter als ein Jahr sein konnte. Der wollte nicht laufen, die ganze Zeit schon nicht, zerrte immer wieder an der Leine, blieb dann stehen und schnupperte an einem Baum, tat nicht das, was diese Frau von ihm wollte. Sie schimpfte auf ihn ein, verzog ihre aufgespritzten Lippen und trat ihm einmal mit ihrem schweren Stiefel in die Flanke. Der Hund jaulte auf, klemmte den Schwanz ein.
Der Nachbar legte eine erstaunlich sanfte Hand auf Thules Schulter.
”Du solltest gehen. Weg. Egal wohin. Weit weg. Das nimmt alles. Kein gutes Ende. Das fängt gerade erst an. “
“Verdammte Scheiße!”, schrie die Putzerin auf der anderen Straßenseite. Thule und der Nachbar wandten sich ihr vollends zu, Thule erschrocken hektisch, der Nachbar langsam kalkulierend. Diese Frau riss mit unfassbarer Aggressivität an der Leine und schleifte ihren kauernden Hund etwas über den Asphalt. Wimmern.
“Wenn du jetzt nicht kommst, bei Gott…”, redete sie auf das verstörte Tier ein.
“Ich sage es. Zieh weg. Weit weg”, wiederholte der Nachbar mit gesenkter Stimme.
Der Hund rührte sich nicht. Zittern. “Das war es jetzt. Chance vertan. Du lässt dich nicht erziehen”, stellte die Putzerin mit plötzlich ganz ruhiger Stimme fest. Sie bekreuzigte sich, zog ihre Pistole und schoss dem Hund sauber durch den Kopf.
Durch den Schalldämpfer gab es nur ein leises Klicken. Thule zuckte trotzdem zusammen. Das fuhr im durch Mark und Bein. Ein Hund - tot - einfach so. Abgedrückt. Jetzt sah die Putzerin plötzlich auf, bemerkte die beiden.
“Was guckt ihr so, Zivilisten? Weitergehen, sage ich!”, bellte sie.
“Weg”, sagte noch einmal der Nachbar, dann brachten sich beide in die Sicherheit ihrer Häuser.
Eine weitere schlaflose Nacht. Sie hatte einfach den Hund erschossen, ihren eigenen Hund. Wie der leblos hingefallen war… Das verfolgte Thule.
Er musste etwas tun! So sehr er den Nachbarn auch zu respektieren und schätzen gelernt hatte, wollte er in diesem einen Punkt nicht auf ihn hören: Er konnte jetzt nicht einfach hinschmeißen und abhauen. Sie hatte ihren eigenen Hund einfach erschossen, nur weil er nicht auf sie gehört hatte. Das war fast nicht mehr menschlich, das war monströs. Monströs! Den Hund erschossen! Ein Blick aus dem Fenster sagte ihm wenigstens, dass das tote Tier nicht mehr auf dem Bürgersteig lag. Immerhin? Das war ein nichts!
Er fühlte sich verantwortlich für vieles, was vonstattenging, denn das war er in mancherlei Hinsicht auch. DAS war das wahre Gesicht der Putzer. Was hatte man ewig wiederholt, sodass Thule es einfach geglaubt, nie hinterfragt hatte? Man wurde nur weggeputzt, wenn man es verdient hatte. Bei Gott, hatte der Hund etwa das verdient? Und all die anderen - die anderen, die Menschen und Menschen und Menschen? Monströs! Monströs! Er musste die Bevölkerung aufrütteln, dass sie aus der bösen selbstauferlegten Trance aufwachten, von der Thule selbst endlich freigekommen war. Die würden sich schockiert auf seine Seite stellen, würden aufbegehren, würden die Putzer loswerden, auflösen, vor ein Gericht stellen. Aber wie das anstellen? Wo fing man an? Mit wem sprach man und was sagte man? Man musste ja vorsichtig sein, denn die Augen und die Ohren, an die Thules Worte nicht gerichtet sein würden, könnten ja doch etwas mitbekommen, und dann war es aus mit ihm. Er war beileibe kein geborener Revolutionär - ah, der Hund! Mein Gott, der arme Hund! -, aber die Umstände zwangen ihn dazu, es zu werden. Er passte sich an! Er änderte sich! Keine Passivität!. Nur wie, nur wo anfangen?
Am nächsten Morgen hatte Thule noch immer keine Ahnung, was er nun eigentlich tun sollte. Er hatte wieder kein Auge zugetan. Er war vollkommen übermüdet und hatte Schwierigkeiten, einen klaren Gedanken zu fassen. Dabei hatte er sich seinem Gewissen und seiner Erinnerung endlich gestellt, nur was musste daraus folgern? Er kaute auf einer trockenen Scheibe Toast herum, über den Küchentisch seiner ‘Sommerresidenz’ gebeugt. Ein Witz war das! ‘Sommerresidenz’! Was hatte ihn dazu getrieben? Das war eine seiner vielen Selbstlügen. Das war alles hinfällig, nichtig, er musste die Bevölkerung aufwecken! Sein Nervenkostüm war nicht mehr allzu dick. Wenn er wenigstens etwas Schlaf bekommen könnte. Wie konnte er es anfangen? Ohne, dass es Berthold nicht gleich mitbekam und ihn stoppte?
Da wurde die Zeitung gebracht, und das war nicht der lustige muntere Postbote, der sie sonst immer gebracht hatte. Die Buchstaben verschwammen Thule, ehe er sie begreifen konnte, und obwohl sein Nervenkostüm damit einer weiteren Erschütterung ausgesetzt war, wusste er nun immerhin, wo er mit seiner großen Mobilmachung anfangen würde. In großem Druck stand geschrieben: Man hatte die Saboteure gefasst.
Kapitel 10
Die Kirchenglocken schlugen zwölf, als der Prozess begann. Auf dem Marktplatz hatte sich die gesamte Nachbarschaft versammelt, außerdem waren aus der großen Stadt eine Menge fremder Gesichter erschienen, Schaulustige und Patrioten. Nicht wenige schwenkten Flaggen, als würde in wenigen Minuten ein großer Kriegssieg gefeiert werden. In Wirklichkeit wurden gleich zwei Menschen getötet.
Auch Thule war da, stand mitten in der Menge, anonym, ein Teil des großen Ganzen. Nicht herzukommen, das war keine Option, das stand außer Frage, denn es kamen ja alle - außer der Nachbar, verstand sich von selbst - und es war eine große Pflicht, diesen sehr patriotischen Akt der Stadtputzerei mit anzusehen. Wäre er daheim geblieben, hätte ihn das höchst verdächtig gemacht, aber an Thule war ja nichts Verdächtiges, er hatte nichts verbrochen. Zumindest noch nicht. Niemand der Anwesenden wusste, was Thule dachte, und dass er im Herzen bereit war, eine Bewegung zu starten. Also war er gekommen, so wie alle anderen. Das war der perfekte Ort, hatte er verstanden, um es den Putzern einmal gleichzutun und zu “scouten”, nur dass er Dissidenten suchte, nicht um sie loszuwerden, sondern um sich mit ihnen zusammenzuschließen, in der Anonymität der Menge von allen gesehen, und deshalb von keinem, bei diesem furchtbaren Drängen und Schieben. Er positionierte sich weit hinten, fast abseits, und beschaute aufmerksam, mit rasendem Herzen und großer Übermüdung, die Gesichter der Anwesenden. Es musste doch kleine Ausdrücke geben in den Mundwinkeln, Muskelstarre, entsetzte Blicke und solches, das Unwillen und Widerspruch verraten konnte. Einmal so etwas entdeckt, würde Thule sich zu dieser Person vorkämpfen und ihr ein bedeutsames Zeichen geben, es reichte ein bestimmter Handdruck oder Zwinkern, dann wäre die Sache gleich ohne den letzten Zweifel klar zwischen den beiden. Soweit der Plan. Außerdem konnte er von da hinten nicht allzu viel sehen, was sich da vorne abspielte, und das war ihm ausgesprochen recht.
Denn die Regierung, die ohne Thules Mitwirken gewählt worden war und die Putzer gegründet hatte, hatte den Entschluss gefasst, die Todesstrafe wieder einzuführen. Und deswegen sollten die zwei Männer, die man noch am Vortag geschnappt und als Verantwortliche für den Brand am Umspannwerk identifiziert hatte, heute vor laufenden Kameras und grölender Meute gehängt werden. In der kurzen Zeit war eine Holzplattform gezimmert worden. An der linken Seite führten vier Stufen auf das Plateau, auf dem zwei dicke Pfosten einen hochgestemmten Balken trugen. Um diesen Balken aber waren zwei dicke Stricke gewickelt und hingen, offene Schlaufe nach unten, unheilvoll herab. Darunter die Falltüren, die bei einem kleinen Ruck an dem unscheinbaren Hebel auf der rechten Seite des Podests bereitwillig nachgeben würden. Neben dem Hebel stand ein Lesepult, das dem Anschein nach aus der lokalen Grundschule geliehen war. Es schien Thule fast unmöglich, so eine handwerkliche Leistung in nur einem Tag zu bewerkstelligen. Und das war es ja auch nicht, weil alles von langer Hand geplant war. Die Sabotage war gespielt, dessen war er sich so sicher, die Beweise lagen auf seiner Seite. Es war höchste Zeit, dass man die Putzer stürzte!
Über das generelle Geraune und Gemurmel der Meute hörte man weit vorne dieses Gestell im Wind knarzen, selbst bis zu Thule reichte es, während er sich etwas durch die Menge bewegte und alle eindringlich musterte. Bislang keines der von ihm erhofften Zeichen.
Um das Henkerspodest herum und an den metallenen Absperrungen, die das Volk vom Vollzugsort trennte, waren reihum hochgerüstete Polizisten und Putzer positioniert, wachsam schauend, die Hand am Gürtel. Wie auf ein geheimes Zeichen hörten der Wind und das Knarzen des frisch bearbeiteten Holzes auf, die Menschen verstummten und lauschten den schweren Schritten, die da kamen. Da kam der Bürgermeistervorsichtig die Treppe hinauf und bezog seinen Posten hinter dem Lesepult. Das war ein hagerer Kerl, den Thule noch nie gesehen hatte, mit streng nach hinten gegelten schwarzen Haaren und dicken Tränensäcken. Irgendeine Uniform reichte ihm ein Megafon, das machte ein lautes Quietschgeräusch, ehe die Stimme des Bürgermeisters ertönte. Er begann eine rhetorisch unsaubere, etwas wirre Rede über den Verfall der Werte und die innere Gefahr, die von Aufwieglern und Revolutionären und Ähnlichem herrühre. Thule bewegte sich weiter langsam durch die Menge, hörte dieser Propaganda und all den Lügen kaum zu. War hier nicht einer, der ihm gleichgesinnt war? Sein Blick fiel auf ein bekanntes Gesicht, die Frau von gegenüber, die Meyer mit ihren Petunien, war das. Und sie hielt stolz eine Flagge hoch, war selbst zum Flaggenmast geworden. Die nicht, die nicht. Ha! Da aber! Eine junge Frau, aus dem Augenwinkel, hatte ihre Augen zusammengekniffen, als hätte sie innerlich gestöhnt und sich zu Haltung ermahnen müssen. War es denn sicher, dass sie so dachte wie Thule? Es stand alles auf dem Spiel, aber er musste es versuchen, einfach versuchen. Er bewegte sich durch die Leute auf sie zu, aber dann sah er sie klatschen und war verunsichert. Auch er tat es ihr gleich, denn scheinbar war etwas Wichtiges gesagt worden. War nun ihr Klatschen ernst, oder wie bei ihm nur ein Schauspiel, ein rein äußerliches Mitmachen? Da wurde Thules Zögern und Hadern unterbrochen, denn nun ging eine große Bewegung durch die Menge, die wie ein wellenstarkes Meer wogte und sich verschob, und Thule, mittendrin, wurde mitgezogen, bekam versehentlich einen Ellenbogen in den Magen, und plötzlich fand er sich ganz vorne wieder, regelrecht gegen die metallene Absperrung gepresst von der Masse hinter ihm.
Unmittelbar vor ihm standen sie, die zwei Galgen. Er konnte nicht zurück, zu viele Leute standen direkt hinter ihm. Sie alle wollten nach vorne, möglichst weit. Wie Tiere pressten und pressten sie. Halb konnte Thule sich umdrehen und sie ansehen. Das gefiel ihm nicht, dieses Grinsen und Geifern.
Wieder nach vorne, wo der Bürgermeister gerade eine Gestalt auf die Bühne winkte. Und schon löste sich eine dichte Form aus der Menschenmasse heraus, überhaupt eine Form, die gar nicht in den Zuschauerreihen gestanden hatte, sondern die bis zu diesem Moment unter den anderen Polizisten und Uniformierten und Putzern vorne den Bereich gesichert hatte, und diese Form kam mit viel festerem und sichererem Schritt die Holztreppe hinauf, als der Bürgermeister das jemals hätte tun können, fast als wäre es bis zur Perfektion geübt. Es lag eine resolute Haltung in diesem Körper, angeboren und fest an ihm behaftet, obwohl der Gesamtbau so gestaucht war, und Thule sah mit Schrecken, auch wenn mit wenig Verwunderung, dass dieser Mann niemand anderes war als Berthold.
“Der Held dieses Ortes!”, wurde er vom Bürgermeister vorgestellt, denn es stellte sich heraus, dass Berthold höchstselbst dafür verantwortlich war, dass die beiden Hochverbrecher geschnappt worden waren, die bald vorgeführt werden würden. Zutiefst bescheiden hielt sich Berthold, beinahe beschämt über die große Aufmerksamkeit, die ihm zuteilwurde.
“Ich habe nur meine Pflicht getan, jeder andere hätte es genauso gemacht!”, winkte er ab. Es folgte ein kurzer Bericht über die Terrorzelle, die man im Keller eines unscheinbaren Wohnhauses entdeckt hatte, dazu bergeweise Beweise, die unmissverständlich und augenblicklich den Tatverdacht aufgeklärt hätten, als Berthold ganz allein in den Feindesraum eingedrungen sei. Das waren
Unmengen an härtesten Drogen.
Zwei gefälschte Ausweise.
Ein Scharfschützengewehr.
Drei Klappmesser.
Ein halbes Kilo Plastiksprengstoff.
Ein Stapel druckfrischer Flugblätter, die den Staat und seine Prinzipien verleumdeten.
Das Kommunistische Manifest von Karl Marx, annotiert.
Zuletzt der Koran, dessen Nennung ein allgemeines Raunen auslöste. Direkt neben Thule stand ein Mann, der energisch nickte und sich zu allen Seiten umdrehte, um Zustimmung zu finden. “Habe ich es doch gesagt. Hab’ ich gesagt”, wiederholte er, um den Umstehenden klarzumachen, er selbst habe schon gleich gewusst, wer hinter der Sabotage steckte. Thule war erstaunt und entgeistert, hörten die denn nicht, wie absurd und übertrieben dieses Bild war, das Berthold malte?
“Jedoch”, so fuhr Berthold mit einem Räuspern fort, “ist die Gefahr nicht gebannt. Uns Putzern sind im Rahmen unserer Untersuchung glaubwürdige Hinweise zugekommen, dass es sich nicht um Einzeltäter handelt. Vielmehr scheint es ein hinterlistiges, internationales Netzwerk zu geben von Irren, die nichts als Unruhe und Anarchie verbreiten wollen. Ja, meine Freunde, ich fürchte, es ist wahr: Man hat es auf unsere Souveränität abgesehen, man will uns von innen heraus vergiften und zersetzen, unsere Werte und Moral dem Teufel zum Fraß vorwerfen! Ein Erdbeben geht durch die Welt, und die Gefahr ist nicht gebannt, dass überall, wo gute Menschen wie wir leben, Vulkane aus dem Boden schießen und feuerspeiende Höllenlöcher aufreißen.
In einer guten Gesellschaft aber bilden die Einzelnen ein großes Ganzes! Eine gute Gesellschaft aber ist wie eine gut geölte Maschine, tausende kleine Zahnräder, die nur in Zusammenarbeit etwas bewirken. Ich sage euch: Wehe dem, der ein Staubkorn darin ist! Wir wissen also, was wir tun müssen! Wir müssen - Putzen!”
Das letzte Wort wurde von den aufgebrachten Menschen grölend wiederholt, während man Berthold feierlich eine glänzende Medaille überreichte, der sie gerührt annahm. Lichtblitze, Fotos für die Presse, großer Applaus im Publikum.
Das war die allerpeinlichste Lügerei, eine derart überzogene Schweinerei hatte Thule noch nie gehört, so etwas Ausgedachtes, so Absurdes! Noch einmal versuchte er sich zum Rest der Leute umzudrehen, doch die schienen völlig auf Bertholds Seite zu sein - auf der Seite der Putzer. Eine große Unruhe befiel jetzt die Anwesenden, und der Druck nach vorne wurde noch stärker. Thule schaute wieder auf die gezimmerte Bühne. Er wurde blass.
Gerade wurden zwei menschliche Formen die Treppe hochgeschubst. Denen waren die Hände vor dem Bauch gefesselt und über die Köpfe Leinensäcke gezogen. Da wurde Thule klar, dass das trotz allem die Realität war, dass das alles so ernst gemeint war, wie es sein konnte. Ihm wuchs ein Krampf im Magen. Bis eben hatte er es nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, dass tatsächlich sogenannte “Täter” präsentiert werden würden. Und dass man sie gleich -
Der erste Mann - denn beide waren Männer - humpelte so arg, dass er kaum aufrecht stehen konnte. Um die Gegend, wo etwa sein Mund sein musste, färbte sich der Sack auf seinem Kopf rot. Sein einst weißes T-Shirt war dreckverschmiert und an einem Arm eingerissen. Der Zweite ließ sich kaum führen, wehrte sich und trat mit seinen Beinen aus, bis einer der Putzer einen Schlagstock zückte und dieser Gestalt kurzerhand die Kniescheibe zertrümmerte. Es gab ein furchtbares Geräusch, das Thule, unfreiwillig in der ersten Reihe, zusammenzucken ließ. Dieser Zweite, der jetzt kniete und nicht mehr um sich trat, trug ein grelles Hemd, das Thule irgendwie bekannt vorkam. Was war das denn für ein Hemd? Das stach so hervor, das hob sich so ab im Kontrast zur Kleidung der Menge um Thule herum. Ein Hawaii-Hemd! Mit Palmen und allem Drum und Dran! So etwas sah man wirklich selten hier in der Umgebung.
Grölen in der Menge. Der Mann neben Thule stieß ihm in die Seite. “Wusste ich’s doch!”, sagte er wieder und wieder. Thule nickte halbherzig. Kein Maklerlächeln, das hatte er verloren irgendwo da hinten in der Menge. In der Menge? Eine Menge war es, eine Masse! Er schaute diesem Mann neben ihm einmal richtig ins Gesicht, auch wenn er wusste, dass dieser unmöglich Anzeichen von Unbehagen mit der Situation zeigen würde. Er schaute ihn trotzdem an, denn was war das für einer, dass er nicht sah, was für ein Spiel gespielt wurde?
Ein Schlag traf Thule. Mit einem Mal offenbarte sich ihm die wahrhaftige ungeschönte Hässlichkeit seiner Mitmenschen um ihn her. Der Mann zu seiner Linken, der ihn von der Seite her anstieß, um ihm nickend seine Zustimmung zu den Vorkommnissen zu bezeugen, hatte hervorstechende gelbliche Augen, seine Nase ein Haken, seine Lippen hervorquellend wie geplatzte Würste. Und Thule erkannte mit Schrecken, dass das nicht nur dieser eine Mann war. Auch links die Frau mit ihrem aufgetakelten Lockenkopf, die hatte schrumpelige Haut, die war kaum Mensch, war mehr wandelnde Rosine, eine skurrile und abstoßende Erscheinung, und überhaupt ging es den ganzen Leuten um ihn her so, die ihn von hinten gegen die Absperrung pressten. Unmöglich hohe Wangenknochen und zugequollene Augen; Lippen, die eine dümmliche Schnute zogen, gepaart mit einem hochroten Kopf; einer hatte Tinte im Mundwinkel kleben, weil er wohl auf Stiften herumkauen, dazu einen unsauber geschorenen Glatzkopf; Fettschürze, wucherndes Muttermal, Zahnausfall, Ausschlag, Schichten um Schichten die Makel schlecht vertuschender Schminke, ausfallendes Haar, dämonisches Lachen und Quieken, der Geruch nach Schweiß und gammeligen Äpfeln und viele herausstechende furchtbare Merkmale mehr -
Sie waren es, denen all die Augen und Ohren gehörten; die hingen nicht an den Hauswänden und Straßenecken, nicht an den allgegenwärtigen weißen Lattenzäunen, sondern an Köpfen, echten Menschenköpfen! Und darunter Hälse, denen die Venen und Arterien deutlich sichtbar heraustraten, und eingefallene oder fettleibige Schultern, und darunter ein Brustkorb mit seinen Rippen, der war aufgestemmt auf zwei Beinen mit rot angeschwollenen Knien und zuletzt Füßen und Zehen - Menschen, Menschen, Menschen! -, die aber alle zusammenkamen und eine große eklige Einheitsmasse geworden waren, bei der unmöglich zu sagen war, welche Merkmale nun zu welcher Einzelperson gehörten, kurzum: Es gab keine Einzelpersonen mehr, nur noch die Volksgemeinschaft, das Kollektiv. Das war der Tod des Individuums. Sie alle wirkten auf Thule in diesem Augenblick kaum noch wie Menschen, und darum ließ sich auch keine Menschlichkeit in ihnen erkennen. Monstrosität! Er sah wieder vor sich die Putzerin den Hund erschießen. Die Masse stierte erwartungsvoll nach vorne und beugte sich vor zum Platze der Hinrichtung; mutete ihm an wie eine Schwarmintelligenz von Kleinstinsekten, die sich gefräßig über ein totes Reh herzumachen vorbereitet; eine Hinrichtung aber war es nicht, das war eine Ermordung, eine doppelte Ermordung am helllichten Tag, das war klar, die Sabotage war eine Farce, eine Lüge, ein Betrug und ein Verrat. Die wahren Volksverräter waren die Putzer. Und da vorne waren zwei Unschuldige, zwei Bürger, wie Thule selbst es hätte sein können. Und die Masse grölte.
Hatte er so blind sein können, war dies die hochgelobte hochheilige Volksgemeinschaft, in deren Dienst er sich erst als Makler und dann als Quasi-Putzer gestellt hatte? Die große Zivilisation, der er selbst angehörte? Ihm wurde schwindelig, und er musste sich festhalten an dem kalten Metall der Absperrung vor ihm, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Die Putzer waren ja gewählt worden! Mehr als die Hälfte der Bürger hatte die gewählt! Und bei den Straßenschlachten damals, die er nicht angeguckt hatte, da musste es zwei Seiten gegeben haben. Und die Seite hatte gewonnen, die die Putzer herstellte, und das hieß, die waren gewählt worden, waren gewählt worden von der Mehrheit von über 50% aller Landsleute! Und er, Thule, war hier, mitten unter ihnen, und versuchte ernsthaft, Unterstützung für einen Widerstand zu finden! Vergeblich war das! Ein Selbstmordkommando!
An das Metall geklammert, blieb ihm gar nichts, als nach vorne zu sehen auf diesen frisch gezimmerten makellosen Holzvorstand, wo die Verurteilten gerade auf die Falltüren gestellt wurden, an den letzten Ort, an dem sie je stehen würden. Der mit dem Hawaii-Hemd und dem kaputten Knie musste sich dazu auf der Schulter eines Putzers abstützen. Berthold höchstselbst wurde die Ehre zuteil, ihnen die Schlingen um den Hals zu legen und zu prüfen, dass sie auch fest saßen. Thule schaute wieder auf das Hawaii-Hemd und fragte sich, an welche Erinnerung dieser Anblick rührte. So viele gab es nicht, die hier in der Nachbarschaft Hawaiihemden trugen. Das war schwer, er sah das Gesicht nicht, hörte keine Stimme - aber die Körperhaltung? Die war jetzt auch unnatürlich verrenkt. Thule fixierte sich auf dieses Hemd, wollte gar nichts anderes wahrnehmen, das Grauen, das sich wenige Meter vor ihm entfaltete, sah nur noch die schwarzen Palmen und gelben Sonnen auf dem knallroten Hintergrund; nur aus den Augenwinkeln sah er, wie die Putzer auf der Plattform einen Schritt zurück machten. Einige Sekunden geschah nichts - dann schlugen die Kirchenglocken dröhnend aus, und mit einem Tschak legte Berthold den Hebel um. In diesem Augenblick fiel es Thule ein, der noch immer das Hemd anstarrte.
Das war der Postbote.
Der war seit ein paar Tagen nicht gekommen. Thule kannte den Mann, der gerade vor seinen Augen starb.
Die Falltür klappte weg.
Der Körper fiel.
Das Seil spannte sich.
Die Beine zuckten.
Der Postbote war das, der immer dieses kuriose Hemd anhatte und der immer nett und aufrichtig lächelte… gelächelt hatte. Der wurde als Verräter, als Saboteur gehängt? Mord! Mord war das!
Der Andere war schon still, aber der Postbote rang noch mit dem Tod. Er drehte sich am Strick hin und her, wie ein Fähnchen im Wind. Das war fast ein Tanz. Ein Totentanz. Wo war denn nun der Frühlingsgott? Konnte es nicht Frühling werden? Der starb doch! Wozu? Umsonst? Freiwillig nicht! Schuldig nicht! Mord! Und wofür? Dieser Mann war kein Terrorist. Die ganze Geschichte war völlig ausgedacht, wie es der Nachbar gesagt hatte. Und jetzt wurden Sündenböcke umgebracht.
Thule blinzelte.
Der Postbote hörte auf, sich zu bewegen.
Erlösung.
Kaum hatten die warmen Körper zu schaukeln aufgehört, stob die Menge auseinander und lief nahtlos in den Alltag über - als wäre nichts gewesen, als wären nicht gerade zwei Leute hingerichtet worden. Zwei Unschuldige! Der Postbote! Der Postbote! Weg hier! Weg! Weg, ehe sich, wie Berthold in der Rede gedroht hatte, sich der Erdboden auftäte und alles Gute in Flammen verschlingen würde! Er war erschüttert, er musste sich festhalten, anlehnen, Halt suchen, aber diese Art von Halt, die er jetzt brauchte, konnte ihm kein Ding der Gegenstandswelt bieten. Nur Metaphysisches - das war wieder Marie, die in ihm sprach - konnte ihn jetzt noch stützen, aber er fand, dass er auch an nichts mehr glaubte, dass er auch in dieser Hinsicht nichts zum Stützen, keine Rechtfertigung für irgendetwas hatte. Da war schon lange nichts mehr für ihn, stellte er taumelnd fest. Da war jetzt nichts, schon nichts mehr. Aber einmal war dort etwas gewesen - etwas. Zunichte gemacht, in alle Winde verweht, zerstreut, verjagt, vergessen! Mord!
Wenn ihn jetzt jemand ansehen würde, wäre es aus mit ihm, sie würden ihm eine lange, krumme Nase andichten und blöde Schafsaugen, und sie würden ihn in der großen Anzahl, in der sie um ihn waren, umschließen und bei lebendigem Leibe auffressen. Der Nachbar hatte auch in diesem Punkt recht gehabt: Es gab keine Revolution, denn es gab keine Revolutionäre. Das waren nicht einmal bloße taube Mitläufer, das waren Täter! Die grölten, die jubelten, die feierten die Putzer und ihre Putzerei! Und all diese, die sich gewehrt hätten, die unzufrieden waren, die keine Putzerei - und das hieß Mörderei! - wollten, die konnten sich nicht wehren! Denn sie waren bereits geholt, weggebracht, umgebracht worden! Da war niemand mehr! Thule war hier alleine, einsam, der letzte. Sich nichts anmerken lassen!
Thule machte die Schultern schmal und ließ sich von einem der fortfließenden Ströme mitreißen. Irgendwo gingen viele Menschen hin, und wenn er dazu gehörte, konnte er nicht verdächtig sein. Einfach laufen, mitgehen, nichts sagen und nicht gucken, es gab ihn gar nicht.
Ausgespült wurde er am Supermarkt, wo bereits einige andere ihren Wocheneinkauf begonnen hatten. War das etwas, das Menschen taten? Vormittags eine Hinrichtung, und danach einkaufen? Nein, oder? Hier waren aber doch, Thules Empfindung zum Trotz, reichlich Leute und taten genau das. Also anpassen. Hier war er inkognito, fürs erste wenigstens. Vor ihm glitt die automatische Tür zur Seite und eröffnete ihm eine gänzlich andere Welt. Er rieb sich die Augen, wie surreal das war - da draußen hingen zwei Tote, und hier kaufte man sein Brot und seinen Käse und führte belanglosen Smalltalk über das Wetter.
Er ging langsam an den Regalen vorbei, die ihn halbleer anstarrten, ließ die Hände über die aufgereihten Konservendosen gleiten. Da war die Brotauslage, vor der sich ein junges Paar über den Preis echauffierte. Die Preise hatten sich nicht verändert, waren nicht über Nacht oder gar seit der Hinrichtung abgefallen. Das Brot war viel zu teuer, man hatte weiterhin Grund, unzufrieden zu sein. Und die Eier gleich gegenüber! Man könnte meinen, die Putzer hätten auch Hühner verfolgt, so rar, wie dieses Produkt geworden war! Was war nur los in der Welt? Da wurden Unschuldige verurteilt! Und als nächstes würden sie ins Ausland gehen, weil wenn es im Land keine Feinde mehr gab, dann gab es umso mehr in anderen Ländern. Und dann musste man sich auch von diesen, von deren bloßer Existenz bedroht fühlen, und bald würde man von Präventivschlägen sprechen und Krieg führen, und am Ende, wie der Nachbar, der alte, der zu recht verbitterte Nachbar, gesagt hatte, ging es um Ablenkung und um Öl. Wie hatte Thule denn so blind sein können? Aber es stimmte, er war absichtlich so blind gewesen. Das war das Schlimme, das Ungeheuerliche, das Unverzeihliche.
Ihm kam ein bekanntes Gesicht entgegen, die Frau Heimatverein, die ja im Frühling einen Schlaganfall gehabt hatte, die sich vorige Tage von ihm beleidigt gefühlt hatte. Hinter ihrem vollgepackten Einkaufswagen zog sie an ihm vorüber. Allein aus Reflex hob Thule die Hand zum Gruß, seine Gesichtszüge aber entglitten ihm. Das war eine Frau, die ihm noch vor einer Woche als ernstzunehmende Respektsperson erschienen war, eine fromme, gutwillige Frau; jetzt aber stieg, ohne dass sich an ihrem Äußeren überhaupt etwas verändert hätte, ein erstaunter Ekel in ihm auf, genau wie draußen in der Masse, und er schaute schnell weg von diesem plötzlich so fremden Individuum, diesem Ungetüm, dem die rechte Gesichtshälfte regelrecht dahinschmolz. Und er merkte, dass die Leute auch im Einzelnen Teil der unförmigen Masse waren, und dass alles verloren war. Überhaupt fühlte sich Thule jetzt nicht mehr wohl hier, nicht nur in diesem Geschäft, in dem er sowieso gar nichts zu kaufen hatte, sondern auch in der Nachbarschaft insgesamt. Was waren das für Menschen! Ungeheuerlich! Aber das wusste er ja schon, die Methoden, die die Putzer von Anfang an angewendet hatten, hatte er noch nie gutgeheißen, nur hatte er sie toleriert, weil der Gedanke dahinter schon in Ordnung war, hatte er sich immer gesagt. Hatte er sich eingeredet! Selbstbetrug! Der erschossene Hund! Der ermordete Postbote! Und alle anderen? Was war mit denen? Die hatten doch alle ihre Augen und Ohren überall! Die bekamen das doch mit, alles mit! Und doch sprachen sie nur davon, dass jemand in ein Fettnäpfchen beim Gespräch trat, nicht aber davon, dass ihre Nachbarn weggeputzt worden waren. Sie wehrten sich nicht, ließen es geschehen und hielten die Vorgänge sogar für gut! Hatten ihre Stimme dafür und nicht dagegen abgegeben in der großen Wahl. Wo war er gelandet? Woran hatte Thule Anteil genommen!? Woran sich brav angepasst?
“Entschuldigen Sie?”, riss ihn eine Stimme aus den Gedanken. “Es gibt da etwas, das Sie sehen sollten…” Das war ein Kassierer mit blonden Haaren.
“Bitte?”
“Sie sind doch der Makler auf dem großen Plakat, nicht?”
“Das bin ich.”
“Also”, stellte der Kassierer peinlich berührt fest und führte Thule aus dem Geschäft.
“Was ist denn?”, wollte der nur wissen, der nicht wusste, wie ihm geschah. Pass auf, dachte er sich im Stillen, ich werde jetzt in die Gasse geführt und auf der Stelle erschossen! Die kommen mich holen! Die haben mich enttarnt! Das ist das Ende! Schon überlegte er fieberhaft seinen Fluchtweg, wie er den Kassierer beiseitestoßen oder als Geisel nehmen könne - Tatsächlich blieb der Kassierer aber schon an der Ecke des Gebäudes stehen und knetete nervös die Finger.
“Was ist denn nun?”, fragte Thule.
“Schauen Sie nur…”
Thule schaute. Das war die große Seitenwand des Supermarkts, auf der er sein großes Werbeplakat finanziert hatte. Eine strategisch wichtige Stelle, wo es prinzipiell von jedem gesehen wurde. Das alte Motto “Schöner wohnen muss sich lohnen” prangte unübersehbar am unteren Rand des Plakats, dazu Thules E-Mail und seine Webseite. Darüber das altbekannte Foto von Thule selbst, gekleidet in demselben Outfit, dass er auch jetzt trug, mit dem perfektionierten Maklerlächeln im Gesicht, das er jetzt nicht mehr trug, nicht mehr tragen konnte. Die Hände selbstbewusst vor der Brust verschränkt; in der Realität hingen sie kraftlos herab.
Man hatte das Plakat verunstaltet.
Einer hatte Teufelshörner und einen Spitzbart mit roter Sprühfarbe ergänzt.
In seinen Armen ein spitzer Dolch.
Im Hintergrund ein Atompilz.
Und im Vordergrund, größer geschrieben als das Motto, stand eindeutig zu lesen:
Volksverräter.
Nur dieses eine Wort. Volksverräter.
Thule brannten die Nerven durch.
“Scheiße!”, rief er aus und rannte hin zu der Mauer, versuchte, an das Plakat heranzukommen, um es irgendwie zu retten. Was sollte man denken, wenn man das sah? Thule als Volksverräter! Allein die Assoziation von ihm mit diesem schmutzigen Wort war eine Katastrophe! Nicht für seinen Beruf, sondern für ihn als Person! Sie würden ihn holen! Sie würden die Türe aufstemmen und ihn holen! Ob er wollte oder nicht, würde Berthold früh morgens bei ihm auftauchen und ihn aus dem Bett ziehen und auf der Stelle umbringen, oder viel schlimmer, in seinen dunklen Van werfen lassen, von den großen Armen des Muskelmanns festgehalten, und würde ihn sonstwohin bringen und -
Thule rannte zu einem älteren Herren, der gerade in das Geschäft gehen wollte, und riss ihm den Einkaufswagen aus den Händen. Er schubste die Karre zur Wand, warf sie auf die Seite und stellte dich darauf. Jetzt kam er an das Plakat, man konnte es retten, alles retten! Wie gut, dass er immer seinen kleinen Lappen und das Desinfektionsmittel bei sich hatte! Er fing an, fieberhaft die Schmiererei zu bearbeiten. Ob nicht wenigstens der Schriftzug abging? Das war das Wichtigste, der Schriftzug, der Schriftzug, denn Thule war kein Volksverräter, war es nie gewesen, ganz im Gegenteil, er war ganz unauffällig und integriert und er musste nur diesen Schriftzug loswerden… Das ‘V’ aber wehrte sich bereits, das wollte nicht weggehen, alles vergebens! Er tränkte das Tuch noch einmal in Desinfektionsmittel, dabei fiel es ihm aus den übereifrigen Händen und durch das Gitter des Einkaufswagens, auf dem er stand. Er sprang herab, um es aufzuheben, dann schnell weiterputzen, putzen! Putzen! Und da fiel es ihm auf, fiel ihm wieder auf:
DER FLECK
WAR ZURÜCK
WAR NIE WEG
Jetzt blieb Thule auf dem Boden, kniete sich hin und bearbeitete mit dem Tuch stattdessen seinen rechten Stiefel, denn das war noch viel wichtiger als das Plakat, hatte Priorität! Eine Abbildung von ihm konnte man ersetzen, das war nicht wirklich er, der Schuh aber hing an ihm und war die Realität, war er selbst und sein Auftreten, und wenn das nicht makellos war, wenn er befleckt war… Er riss den Deckel des Desinfektionsmittels ab und kippte die gesamte Flasche auf seinen Fuß. Große Probleme brauchten eine entscheidende Handlung - hier war sie!
“Stirb endlich!”, schrie er in Rage laut aus und rubbelte auf dem Schuh herum, dass ihm das Handgelenk schmerzte. Und rubbelte und rubbelte und rubbelte und fluchte und rubbelte und putzte.
Da war ein Räuspern.
Mit hochrotem Kopf schaute Thule auf, und da sah er sie.
Seine Mitmenschen, seine Nachbarn. So viele waren das, die standen überall um ihn herum und starrten ihn an, weit aufgerissene Augen, nicht ängstlich, sondern skeptisch und kritisch abwägend. Wie zu Stein verwandelt, ganz inhuman standen sie da in einem Kreis um ihn. Die beobachteten ihn. Die hatten das alles gesehen. Augen und Ohren. Aber keine Münder und kein Gewissen. Er hatte seine Contenance verloren, völlig und wahrhaftig, war ausgerastet. Totaler Nervenzusammenbruch. Seine Hände zitterten. Es war für alle Anwesenden, für die gesamte Welt klar zu lesen: Makler Thule war ein Volksverräter. Ein Psychopath? Ein Abweichler. Sein Image war zerstört. Und auf dem Plakat hinter ihm trug er noch immer das falsche weiße Maklerlächeln. War eine Witzfigur. Ein Volksverräter.
Und er hatte einen Fleck auf dem Schuh.
Er rannte einfach los, wartete nicht, bis man ihn nicht sah, es war ihm jetzt egal, man sah ihn doch sowieso immer überall, es gab keine Privatsphäre und keinen Raum, wo er nicht verurteilt wurde für irgendetwas, selbst in seinem Bett wurde er verurteilt und bemängelt, da folgten ihm die Stimmen und sein Gewissen. Er rannte direkt, ohne Umschweife, zu seinem Haus. Automatisch öffnete sich eine Lücke im Menschenkreis, durch die er entkam, dabei rempelte er irgendjemanden unsanft an. Er musste weg. Im Nacken spürte er die Blicke, die verurteilenden, die ausstoßenden Blicke, die ihn gesehen hatten und weiterhin sahen und genau sahen, wer und was er in Wirklichkeit war.
Er musste weg. Nein, nicht nach Hause, in dieses Haus, in dem er auch keine Ruhe mehr fand, in dem er nie richtig welche gefunden hatte, in dem er doch nur wenige Monate geschlafen hatte, und was waren die paar Monate schon im Kontext eines ganzen Menschenlebens? Nein, er musste weg, weit weg, wo man ihn nicht sah und verurteilte, wo er einfach sein konnte und alles andere aufhören würde, die Augen und die Nachrichten und die Sozialitäten und die Schals und Tassen und Brillen und die Putzer, die Putzer, die Putzer aufhören würden!
Kapitel 11
Er hatte nicht geschlafen. Er konnte nicht schlafen. Und er wollte nicht schlafen. Es war ihm klar geworden: Weg, weg, weg! In einem wahnhaften Schub bewegte er sich nun durch das Haus, in dem er nie heimisch geworden war, seine ‘Sommerresidenz’ - ein Witz! Selbstbetrug! In welchem Haus konnte er sich wohl fühlen, wenn er sich, ganz fundamental, nicht einmal in seinem eigenen Körper wohlfühlte, sich nicht in seinen Taten, seinen Worten und seinem falschen Lächeln wiederfinden konnte?
Er zog wie ein Eremit durch dieses Haus, mit langen, ruhigen Bewegungen, und packte seine Sachen zusammen. Nach einem schweren Jahr, in dem es Wahlen gegeben hatte und die Putzer gegründet worden waren, in dem seine Beziehung dahingestorben war, in dem er hergezogen und in dem die Moralität des Landes abgeschafft worden war, musste er einsehen, dass er wegmusste, einfach weg.
Er hatte in der letzten Woche eine große Übung darin gewonnen, möglichst schnell die Schränke und Kisten, die Schubladen und Regalbretter, die ganze materielle Existenz eines Menschen auszuräumen und der Vernichtung preiszugeben - und nun war er selbst es, der sich dieser Auslöschung gegenübersah, ja, freiwillig sich in die Arme dieser schönen Zerstörerin begab. Er verteilte nur das absolut Wichtigste auf zwei Koffer, die wie hungrige Mäuler auf dem Bett lagen und nach seiner Kleidung schnappten, den Rest riss er gleichwohl trotzdem heraus aus den Ecken und den Nischen, als müsse er jeden Teil seines Besitzes wenigstens einmal begutachten und mental katalogisieren, weil er ansonsten nie existiert hätte. Thule war nicht sein Besitz, war nicht sein Plakatgesicht. Thule war nicht der Frühlingsgott, er war nicht der erschossene Hund auf der Straße oder der ermordete Postbote. Er war nicht die geifernden Gesichter seiner Nachbarschaft und Landsleute, die verschmolzen waren in eine einzige groteske Masse absolut Gleichgesinnter, Gleichgeschalteter. Diese Dinge ließ er alle zurück, aber sie mussten doch existieren, das war wichtig, und deshalb schaute er sie eingehend an und brannte sie sich gut ein.
Um sieben Uhr machte er sich daran, das Weite zu suchen. Eine Nervosität hatte er nicht mehr an sich, sie war einer Totenstille gewichen, einer für ihn so ungewohnten Gewissheit, dass die Sachlage so war, wie sie war, und dass alles, was er jetzt tat, als unausweichliche Konsequenz daraus folgte. Hinfort ließ er sich von der Zeit spülen, die gleichgültig über Lebende wie Tote ging, die nur ewig schritt, schritt, fortschritt, und dabei die Putzer hervorgebracht hatte, wie sie sie eines Tages ebenso wegspülen würde, wie es nun Thule geschah. Und vielleicht würde dann auch die Vernunft und die Individualität wiedergekehrt sein. Er griff sich die beiden Koffer, einer links, einer rechts, zog zum letzten Mal die Haustüre auf und schritt im Dunkel der Nacht, das unregelmäßig von Straßenlaternen durchbrochen wurde, hin zu seinem Auto.
Die Koffer im Kofferraum verstaut, atmete Thule tief ein. Tief aus. Das war es. Nie wieder würde er diesen Ort sehen, er würde auch nicht in die große Stadt zurückkehren. Er würde in die entgegengesetzte Richtung fahren, Gott alleine wusste, wohin. Hauptsache weg, und dann ein neues Leben anfangen. Schon wieder. Irgendwo, wo er seine wahre Ruhe bekommen würde, wo ihn nicht der Sturm der Gegenwart zerreißen würde, den er jetzt klar vor sich sah, den er kommen spürte, dieses unheilvolle Zittern im Boden, dieses Rütteln an der kollektiven Psyche.
Nein, er wusste nicht wohin, aber er wusste, dass es so sein musste. Er seufzte, er lachte. Das war also das Ende. Er ging um das Auto herum, nahm die Türe in die Hand.
“Na endlich, verdammt noch mal!”, durchschnitt eine tiefe Stimme die Stille des Morgens.
Thule erstarrte.
“Verdammt, komm endlich!”
Thule ließ die Hand vom Türgriff gleiten und ging langsam, ganz langsam, wenige Meter den spärlich beleuchteten Fußgängerweg entlang, bis er vor dem Haus des Nachbarn stand. Eine Laterne hinter Thule schickte ihr Licht frontal gegen die Haustüre und erleuchtete wie ein großer Scheinwerfer die gedrungene Gestalt, die dort stand.
“Thule, verdammte Scheiße, komm’ und mach deinen Job!”, zischte Berthold ihm entgegen.
Was machte der hier? Thule, wie eine Motte zum Licht, ging näher.
“Bert - was - hier?”, stammelte er.
“Stell dich nicht dumm, verdammt. Wir haben eben gearbeitet. Es ist was schief gegangen, scheiße nochmal.”
“Ihr habt gearbeitet - hier?”
“Natürlich, Mann, verdammt nochmal, scheiße, hörst du nicht zu?”, Berthold hob die Hand und ehe Thule reagieren konnte, bekam er eine Backpfeife. Ihm klingelte etwas im Ohr. “Bist du jetzt wach?”
“Ich bin schon eine Weile wach, Berthold”, sagte Thule trocken. “Was habt ihr hier gemacht?”
“Wir haben eben geputzt.”
“Wen habt ihr geputzt?” Drängen, drängen. Das Unheil rückte ihm auf den Leib.
“Ist das wichtig? Schön: Diesen Nachbarn von dir. Was guckst du so starr? Du hast mir doch selber gesagt, dass das ein Komischer war. Als ich ihn dann befragt habe, hat sich das auch bestätigt. Also. Das kann dich doch nicht wundern? Das wundert dich doch nicht, oder, Thule? Scheiße Mann.” Der Nachbar? Das war es? Thule fühlte sich taub, im Kopf, die Erkenntnis sickerte qualvoll langsam in ihn. Der Nachbar? Weil Thule über ihn gesprochen hatte? “Ich sage dir, was mich gewundert hat: Der Alte hat sich gewehrt! Der hat nicht geschrien, aber der hat plötzlich ein Messer gezogen und Garret in den Bauch gerammt, scheiße.”
“Wer ist Garret?”
“Hä? Unser Kollege? Der mit den Muskeln?”
“Und der Nachbar hat ihm ein Messer in den Bauch gerammt?”, wiederholte Thule, um irgendwie die Gelegenheit zu bekommen, das alles auch wirklich zu verstehen. Nicht nur zu hören, sondern auch zu verstehen. Zu verarbeiten.
“Ja, ich sag es doch! Scheiße Mann…”
“Also lebt er noch?”, tastete Thule sich weiter vor.
“Garret? Ja, der wurde ins Krankenhaus gefahren, der atmet noch. Jetzt sitze ich bloß alleine hier rum. Wie gut, dass du endlich auch da bist, Thule. Komm, wir gehen jetzt endlich ans Werk!” Thule wurde einer großen Blutlache auf der Türschwelle hinter Berthold gewahr, inmitten der ein Messer, das Messer, achtlos beiseite geworfen lag. Thule blinzelte. Der Nachbar? Berthold nahm mit den dicken Fingern seine Sonnenbrille ab und zeigte zum ersten Mal seine echten Augen.
Kugelaugen mit hauchfeinen roten Äderchen, die das Weiß durchschnitten wie Gebietsgrenzen einer mittelalterlichen Europakarte.
Diese Augenringe.
Da war keine Erhabenheit, da war keine Größe. Da war kein Masterplan. Nichts Übernatürliches haftete an ihnen, wie Thule es sich einmal vorgestellt hatte. Man konnte ihnen beim besten Willen keine teuflische, keine dämonische Tiefe abgewinnen. Aber sie waren auch nicht tot und leer, die Augen dieses Mannes, der so rigoros in erster Frontreihe im Krieg gegen die Bürger selbst stand. Es war etwas anderes, was Thule in diesem Moment erkannte:
Das waren die exakt gleichen Augen, die Thule sah, wenn er in den Spiegel schaute. Jetzt endlich konnte er definieren, was es an ihnen war, das ihn so beunruhigt und verstört hatte, was ihm so fremd und wild erschienen war - es waren die Augen eines Täters. Thule war ein Täter. Er hatte zuletzt einfach stumpf Befehle befolgt, ja und? Das hieß, er hatte seine Hände ausgestreckt und gehandelt, er hatte Taten begangen.
Bertholds Nase blähte sich auf. “Wird’s bald?”, spuckte er Thule förmlich an.
Und Thule, wie in Trance, trat tatsächlich über die Türschwelle. Der Nachbar? Der war…? Er betätigte den Lichtschalter, und er erfüllte das totenstille Haus mit dem elektrischen Summen der veralteten Wandleuchter. Vergessen waren sein eigenes verlassenes Haus nebenan, vergessen seine Koffer und das Auto, in dem er nur den Schlüssel hätte umdrehen müssen. Nur noch das Jetzt war da. Der Nachbar. Den hatten sie geholt.
Thule traute sich einige Schritte vor, stolperte beinahe über einen ausgefransten Teppich. In der Küche. Hier hatte er noch Vorgestern gesessen und etwas verändern wollen. Genau da hatte der Nachbar ihm gegenübergesessen, hatte nicht geahnt, dass sein Urteil schon gesprochen war, und dabei die tickende Uhr über ihm hängend wie ein Damoklesschwert, nichts ahnend, dass er ausgerechnet denjenigen vor sich sitzen hatte, der ihn verraten hatte, der achtlos über ihn hergezogen hatte, um sich selbst zu retten in einem Anflug von Angst, vielleicht bloßer Nervosität. Weiter, weiter. Monstrosität! Nun in den Flur. Hier hingen zwei goldgerahmte Fotos, eines zeigte ein lächelndes Paar mit neugeborenem Knaben auf dem Arm, das andere einen jungen Mann in Uniform, den Blick streng in die Ferne gerichtet. Das war der Sohn, der im Irak zerrieben worden war. Wohnzimmer. Da hatte Thule vorgestern einen Blick hineingeworfen, jetzt ging er einfach hinein, es gab niemanden, der ihn daran gehindert hätte. Eine Staubschicht auf dem Fernseher. Ein Stapel Magazine. Eine unterbrochene Schachpartie. Hatte der Nachbar mit sich selbst gespielt? Was ging Thule das an? Das war Hausfriedensbruch! Hier wohnte doch einer! Hier wohnte er, der Nachbar mit dem Loch im Hals! Der Pianist! Stand er nicht oben und schaute aus dem Fenster, jetzt gerade? Die knarzende Treppe hoch. Was machte Thule hier? Da war das große, geräumige Arbeitszimmer. Hier musste der Nachbar die meiste Zeit verbracht haben. Hier war das Piano. Ein Schreibtisch. Darauf Chaos. Drei weitere Bilder vom Sohn. Ein großes Bücherregal. Ein angefangener Brief: “Mein lieber Bruder”, so fing der an. Auf dem Bett der weiße Bademantel unordentlich hingeworfen. Thule schaute aus dem Fenster, aus dem er so oft vom Nachbarn kritisch beobachtet worden war. Hier stand er nicht, der Nachbar, er war überhaupt nicht da. Er würde gar nicht wiederkommen. Jetzt war Thule selbst es, der von hier aus auf die Straße und die gerade aufgehende Sonne schaute. Das war der Nachbar gewesen. Nun hatte man auch ihn weggeputzt. Weggebracht. Deportiert! Ermordet! War fort, kam nie wieder. Wie so viele andere. Er war sein Nachbar gewesen. Und deshalb - Mensch. Und Thule hatte unmittelbar dazu beigetragen, dass das beendet worden war.
Ihn packte da, dem zerstörten Nervenkostüm zum Trotz, eine aufflammende Wut, endlich! Eine Wut gegen seine Landsleute und Nachbarn, eine Wut gerichtet gegen die gesamte Menschheit und gegen die Natur der Menschheit, die sich regte und streckte und die an jedem Küchentisch, in jeder Hinterstube, jedem Café ihr Gesicht zeigte; die sich in Stammtischdiskussionen zwischen Betrunkenen äußerte. Die sich widerspiegelte in der Wahl, an der Thule selber nicht teilgenommen hatte, und aus der die Putzer unmittelbar als Konsequenz auf den Straßen erschienen waren - gleich da unten stand einer, ein schwitzender dicklicher Mann mit tiefer Stimme und einem bedrohlichen Charisma, einfältig fluchend - Wut gegen die Natur der Menschheit, die ihr Gesicht zeigte auf den Schlachtfeldern im Nahen Osten, wo seit hunderten von Jahren Menschen andere Menschen niederstachen und erschossen und wo auch der Sohn des Nachbarn ermordet worden war; eine Wut gegen die Lehrer in den Schulklassen, die die Kinder der Welt mit Lügen und Vorurteilen fütterten, eine Wut gegen seinen Klassenkameraden von damals, dessen Gesicht und Namen er vergessen hatte, von dem einzig und allein seine Taten in Thules Erinnerung fortexistierten, und der sich schon in so jungen Jahren dazu entschieden hatte, seine Taten und seine Hände für Zerstörung und Kummer einzusetzen, der den netten Sanchez geschlagen hatte. Wut auf Marie, die ihn hatte sitzen lassen mit Argumenten von Grundprinzipien, die er nicht verstand, und die am Ende mit ihren Meinungen recht gehabt hatte, recht, in allem recht, recht mit der “Passivität”; und zuletzt, gerade deswegen und allem voran - eine Wut, ein Zorn, ein Hass gegen sich selbst. Dass er sich nie gewehrt hatte. Nie den Mund aufgemacht hatte. Dass er, so wie Marie gesagt hatte, immer nur passiv gewesen war, nie agiert, sondern reagiert hatte, und selbst das viel zu selten. Dass er ein Mitläufer und Weggucker war, ein Feigling. Ein Apologet und ein erbärmlicher Bastard. Ein Niemand.
Da war für ihn alles so klar wie noch nie. Er sah die Welt nicht mehr, sah nicht mehr das Chaos auf dem Schreibtisch des Nachbarn und die frisch gestrichenen Wände, sah nur noch einen kleinen, geradlinigen Ausschnitt der echten Welt, war in einen Tunnelblick verfallen. Die Treppe hinab, durch den Flur. An die Tür. Berthold stand da immer noch, diskutierte wütend in sein Funkgerät, in der anderen Hand hielt er die Sonnenbrille und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß aus der Stirn. Als er Thule im Flur stehen sah, hielt er inne. “Verdammt, Thule, was denn jetzt? Der ganze beschissene Tag geht vor die Hunde, jetzt fang du nicht auch noch mit irgendeiner Scheiße an, verdammt nochmal! Mach doch einfach einmal ohne Probleme deinen Job!” Thule machte kehrt, ging wieder ins Wohnzimmer. Räumen? Was tat er hier? Wie eine Marionette! Wieder machte er kehrt, trat wieder in den Flur. Berthold hatte jetzt seinen Rücken zur Tür gewandt. Vor Thule lag das Messer.
Es stimmte wohl. Thule war ein kleines Zahnrädchen in einer riesigen Maschine, wenn er Bertholds Metaphorik folgte, die er in seiner Rede zum Besten gegeben hatte... Es stimmte, dass Thule ein Nichts war, ein verantwortliches Täter-Nichts, das sich hatte drängen und schieben und benutzen lassen, durch das die Zeit gewirkt und vorangetreten war - und das hieß trotz allem, dass Thule ganz alleine die gesamte Maschine behindern konnte. Nur ein defektes Zahnrad, mein Gott! Dass er sich querstellen konnte. Nicht, weil irgendjemand entschieden hatte, Thule passe nicht in das Gesamtbild, sondern weil Thule sich eigenständig dazu entscheiden konnte, querstehen zu wollen. Und sich dann querstellte. Thule stellte sich jetzt quer. Thule wusste, es war zu spät, wie der Nachbar gesagt hatte. Die Gesellschaft, die Politik, dieses scheußliche Wort, war so, wie sie jetzt war. Und auch der Nachbar war jetzt weg, so viele waren weg, die Putzer waren gegründet, die Putzer hatten uneingeschränkte Befugnisse - Thule stand, hier, im Hausflur - am Ende einer langen Kette von Ereignissen, im Epilog, die Handlung war gelaufen. Widerstand war zwecklos.
Widerstand war gerechtfertigt. Und es gab für Thule nichts mehr hier, und es gab auch sonst nichts mehr für ihn. Was seine eigene Schuld war, wie er einsehen musste.
In einem letzten Aufbäumen menschlichen Ehrgefühls, überhaupt wahrhaftiger Menschlichkeit, griff er das Messer.
Das war keine bewusste Entscheidung, er griff es einfach, umschloss es fest mit seiner Hand, gewöhnte sich an das Gewicht, wog es ab. Thule dachte, er müsste gehört werden, aber er machte einen Schritt vorwärts, noch einen, ohne dass der Putzer sich umdrehte. Der schrie ja noch immer seinen Kollegen per Funk an. Jetzt stand Thule schon direkt hinter ihm, spürte das Gewicht des blutigen Messers beruhigend in seiner Rechten. Konnte das billige Parfüm an Berthold riechen, konnte eine kleine Narbe an seinem feisten Nacken erkennen.
Er greift Berthold mit der linken Hand ins Haar, reißt seinen Kopf nach hinten.
Die Klinge des Messers blitzt auf.
Es fällt.
Er zieht es quer über den Hals.
Berthold lässt das Funkgerät fallen, schreit.
Der Schrei verebbt in ein blutiges Gurgeln. Seine Hände versuchen, nach hinten zu packen und Thules Griff aus seinem Haar zu lösen, erfolglos. Thule hat jetzt Eisenhände. Bertholds Hände wandern hektisch tastend nach vorn an die breite Schnittwunde quer über seiner Luftröhre. Thule hält ihn weiter fest mit einer Kraft, die er nicht an sich kennt. Die Spannung weicht aus dem feisten Körper, der langsam zu Boden sinkt. Thule lässt los. Die Augen des toten Putzers sind groß und glasig, dann - endlich - wie sie von Anfang an hätten sein sollen: leer
Das war es. Der Tod, der Tod. Er war überall. Der ultimative, atomzersprengende Tod aller Hoffnung. Thule hatte alles getan, was er noch hätte tun können. Sein Leben hatte jetzt keinen Nutzen mehr.
Er schaute auf. Da stand Frau Meyer, noch im Schlafanzug, aber bereits voll geschminkt, im Garten inmitten ihrer preisgekrönten Petunien. Ihr Mund war weit geöffnet, ihre Augen noch weiter. Ihre Gartenschere schwebte über den Blumen, dann fiel sie ihr aus der Hand und landete mit einem dumpfen Schlag auf der Erde, der, obwohl es so leise war, über die leere Straße bis hin zu Thules Ohren herüberklang.
Sie sahen sich an, die beiden Nachbarn, die bald keine mehr sein würden, die getrennt waren von fünfzehn Metern und einem fundamental unterschiedlichen Verständnis davon, was es hieß, Mensch zu sein; sahen sich an, starrten sich an. Niemand rührte sich. Dann, ganz langsam, als wollte er die verstörte Frau nicht verschrecken, bückte sich Thule und legte das Messer auf dem Boden ab. Er machte zwei Schritte zurück und setzte sich auf die einzelne Treppenstufe, die ins Haus führte. Da erst bemerkte er, wie schwer sein Atem ging, wie sehr ihm die Oberarme brannten, wie er in seiner rechten Hand noch den Druck des Messers spürte. Wie ihm das Herz pochte. Er stützte sich auf den Knien ab, senkte den Blick, konzentrierte sich ganz auf das Einatmen und das Ausatmen, auf das eigene Blut, das ihm so heftig durch das Herz pumpte, und das fremde Blut, das ihm am Ärmel klebte.
Und in diesem Augenblick sah er es - sah seinen Stiefel, seinen rechten Stiefel. Dort, wo der ewige verfluchte Fleck sein sollte, dort, wo Thule über Tage hinweg penetrant und mit religiösem Eifer gerubbelt und Desinfektionsmittel verteilt hatte, da war kein Fleck mehr. Der Fleck würde nie wiederkommen, war ein für alle Mal besiegt.
Denn dort, wo der Fleck hätte sein sollen, wo er gewesen war, klaffte jetzt ein Loch. Thule hatte sich im Eifer des Gefechts ein Loch in den Stiefel geputzt, und jetzt war sein Schuh kaputt.
Er hatte ihn kaputtgeputzt.
Hätte er das noch gestern oder zu einem beliebigen anderen Zeitpunkt festgestellt, wäre er wütend geworden, cholerisch, hätte händeringend versucht, zu retten, was noch zu retten wäre, hätte sich schwarzgeärgert und tobwutssüchtig an seinen Kleidern gerissen.
Jetzt aber schaute er einfach stumpf hinab auf das Loch in seinem Stiefel. Da war ein Loch, das war eine nüchterne Tatsache. Das nahm er ganz neutral zur Kenntnis, und dabei beruhigte sich auch sein Herzschlag etwas, das Adrenalin hatte nachgelassen. Er schaute wieder auf, Frau Meyer war zwischenzeitlich verschwunden und rief wahrscheinlich gerade in diesem Augenblick die Polizei. Oder die Putzer. Wahrscheinlich die Putzer. Thule fuhr sich mit den Händen über sein Gesicht und streckte es zur Sonne, die gerade wie ein Feuerball über den Häusern aufstieg, und betrachtete den sich klärenden, bereits strahlend blauen Himmel.
Das würde ein schöner Tag werden, spürte er. Vielleicht der letzte, ehe der Herbst endgültig durch das Land ziehen würde. Er hatte in den Nachrichten gehört, es würde ein besonders harscher, ein besonders langer Winter werden. So war das eben mit den Jahreszeiten. Der Frühlingsgott, hm? Der hatte seine Zeit gehabt, und jetzt hatten andere ihre Chance. Es ging ja wie ein Rad, rum und wieder herum, schon lange, bevor Thule geboren war, lange, bevor es Menschen gab, drehte sich die Zeit, diese Herrin der Natur. Und nach dem Winter kam er dann trotz allem wieder, der Frühling. Ewig hin und her. Aber da steckte diesmal mehr dahinter. Thule spürte in diesem Moment nichts weniger als die gesamte Zukunft auf seinen Schultern lasten, spürte, wie sie unausweichlich seit Anbeginn der Zeit näher rückte, ohne je anzukommen, weil sie dann die Gegenwart und schon nicht mehr die Zukunft war. Es würde bald zu einem großen Knall kommen, da war Thule sich sicher. Ein Knall, der nicht durch Bomben verursacht würde, sondern einer, der metaphysischer Natur war. Marie, die er nie wieder sehen würde, hatte das gewusst, hatte das gespürt. Vielleicht war sie eine der wenigen, denen es so ging. Vielleicht war sie sogar die einzige. Vielleicht hatten wirklich alle anderen, so wie Thule, den Kopf schon lange in den Sand gesteckt und ihre Gedanken verbannt. Was nutzten denn all die Augen und Ohren, wenn man sie nicht auch benutzte? Wenn all die Wahrnehmungen nicht verarbeitet wurden? Ja, es würde ein übler Knall kommen, sehr bald, und er würde die gesamte Menschheit erschüttern. Vielleicht, nur vielleicht, hatte es diesen Knall, diese große Explosion auch schon bereits gegeben, und Thule war nur zu taub gewesen, um es zu bemerken.
Jetzt aber gab es nichts mehr zu hören und zu sehen. Eine sanfte Brise wehte Thule durchs Haar. Laubblätter umstrichen seine Füße. Die Stimme seines Gewissens, die sich als Marie gebärdet hatte, war befriedet, war verstummt. Es gab nichts mehr zu tun. Und so verharrte Thule, ruhig, besonnen, endlich Frieden gefunden, auf der Treppenstufe vor dem Haus und wartete darauf, dass man ihn holen kam. Gleich hinter ihm mischte sich das Blut des Putzers mit dem Blut des Nachbarn, vor ihm lag die noch warme Leiche Bertholds verrenkt auf dem Gartenweg.
Dahinter ragte der makellose weiße Lattenzaun hervor, der stoisch die Grenzen der Zivilisation markierte.
Und ein Blutspritzer tropfte an ihm herab.
ENDE