Zwiebelkopf

Wie sieht es denn im Kopf aus? Was ist dieses 'Ich'? Und wie wollen wir es wohl nennen...?

Machen wir einmal die Augen zu, denn die Welt endet bald, oder schon wieder? Mitzuzählen lohnt sich nicht mehr, man ist einfach nur noch müde, so unsäglich müde. Und mit den Augen geschlossen, diesen beiden matten Murmeln, öffnet sich ein anderes, ein drittes, ein inneres Auge. 
In anderen, ganz alltäglichen Momenten könnte man da einige lustige Dinge sehen, Fantasiegebilde, Tagträumereien und schlicht und ergreifend Gedanken! Gedanken! Die bilden doch das Fundament des Seins, wenn man dem alten Descartes glauben mag:
Cogito ergo sum / Ich denke, also bin ich. 
Aber es ist alles so anstrengend, denn die Welt endet schon wieder, und man will nicht mehr, vielleicht nie wieder denken. Denken tut weh. Und so findet man sich in der seltenen Lage, einen gänzlich leeren Verstand betrachten zu können. Wie also ist er aufgebaut, jetzt, wo man sich ihn ohne Hintergrundlärm, ohne Kastenflimmern auf den Seziertisch legen kann? 

Kurzum: Da sind Schichten über Schichten über Schichten. Und in der Mitte liegt ein kugelrunder Kern, der Kern der Sache. Und diese Sache ist unser ‘Ich’ - das sind wir.
Woher aber weiß man, was dieser Kern ist, und dass da ein Kern ist, wo er doch unter all den Schichten regelrecht begraben ist, sodass man ihn gar nicht sehen kann? Nun, wir wollen gerne annehmen, dass solch ein Wesenskern existiert. Das erscheint eine ganz normale Reaktion zu sein, denn wir sprechen ja immerzu von einem fest umgrenzten ‘Ich’, was auch immer wir tun. In der Umgangssprache muss doch eine Weisheit stecken, möchte ich behaupten. Des Weiteren: Wo hört die eine Schicht auf, wo beginnt die nächste? Ich fürchte, sie sind, kurz gesagt, zusammengeschmolzen, diese Schichten; bei dem Versuch, sie einzelnd abzuschälen, würde das gesamte Konstrukt zusammenbröseln. Denn diese Schichten sind im einzelnen hauchdünn und können überhaupt nur da sein, weil sie sich auf eine andere, festere, substanziellere Basis stützen. Ohne diese Basis sind sie nicht mehr die Schicht von etwas, und sind also nichts. Wie kann also einer, wie kann ich, Chirurg spielen, wenn ich gar nicht hineinschauen kann in das Objekt auf meinem OP-Tisch?

Ich ahne des Weiteren, das fängt schon bei der Geburt an, das ‘Ich’, das sich zusammensetzt und nie wieder damit aufhört. Man sieht und hört Dinge, man macht Erfahrungen und versteht Schritt für Schritt die Welt. Der Input aus der Gegenstandswelt sprudelt in uns hinein und beeinflusst uns. Man formt sein ‘Ich’ regelrecht dadurch, und seht: Mitten in der Umwelt gibt es hier und da ausgestanzte Umrisse, schwarze Leerstellen ohne Textur - und das sind wir, wir Menschen. Wir existieren nur im Kontext unserer Welt, es lässt sich sagen, wir sind unsere eigene Umwelt. Ohne Umwelt sind wir nicht wir, und umgekehrt: Ohne uns ist die Umwelt nur eine Welt. Existiert denn etwas überhaupt, wenn es niemanden gibt, der dieses Etwas beobachtet? Die altbekannte Frage: Wenn in den tiefsten Tiefen eines Waldes ächzend stöhnend ein Baum umstürzt und am Boden zerkracht, aber niemand da ist, der es hört, macht der Baum dann ein Geräusch?

Zurück zu dem nicht greifbaren, sich ewig entziehenden ‘Ich’: Einmal begonnen, um sich zu schichten (und das passiert ab Geburt, und eigentlich sogar schon davor, denn der Mutterleib ist dünnwandig und hellhörig!) ist es zu spät - weg ist der Kern, weg das wahre ‘Ich’. Im Versuch, Tiefe zu gewinnen, Gehalt und Schutz,  und überhaupt erst eine Form, eine Kontur, eine Definition zu erlangen, erreicht man zwangsläufig das Gegenteil. Soll heißen: Ein außergewöhnlich weitreichendes Sich-aus-den-Augen-verlieren. Man müsste einmal die Schichten und Schalen abblättern, um zu schauen, worüber sie sich geschichtet und geschält haben. Schrödingers Ego - ist es da oder nicht? 
Die Überprüfung, das Abheben des Deckels, würde erst recht dazu führen, dass es das nicht ist - die Schichten und alles andere zerbröseln einem ja wie gesagt unter den Augen weg - also nicht schauen! Stattdessen weiter schichten! Und das passiert ja schon ganz von alleine, wenn man nur existiert. Und ich existiere doch, oder etwa nicht? Beweisstück 1: Ich denke, zum Beispiel gerade jetzt. Danke für die Klarheit, Herr Descartes! Ich denke also, und ich starre diesen Kern an, den ich nicht sehen kann. Ich starre zumindest in die generelle Richtung, starre gegen ihn, nicht aber in ihn. Aber wenn ich ihn nicht anschaute, wie ich hier im luftleeren Raum mein inneres Auge mit nicht funktionierendem Laserblick offen halte, wenn also NIEMAND diese Ego-Perle wahrnehmen würde, wäre das denn nicht wie jener alteingesessene Baumsturz im Walde?... Schwupps, höre ich auf zu existieren!?
Rettung: Wir stellen uns vor, da steht einmal wirklich einer im Wald und spitzt die Ohren, weil er davon ausgeht, dass hier aufgrund der Natur der Sache heraus beizeiten definitiv Bäume fallen, weil dieser Jemand also ein theoretisches Konstrukt gebaut hat; und nun lauscht er und lauscht und wartet darauf - - -
Würde er nicht irgendwann wirklich einen fallenden Baum hören, ganz unabhängig davon, ob wirklich gerade ein Baum gefallen ist? Und auf ähnlichem Wege: Bilden wir uns unser ‘Ich’ bloß ein? Und reicht das nicht, um es dann doch in sicherer Existenz zu wägen?
Ich kürze ab: Bestreiten wir nicht länger unsere Existenz, denn unabhängig davon, ob unsere Existenz nun wirklich existiert, wäre es pragmatisch betrachtet schlicht und ergreifend sehr unpraktisch, vom Gegenteil auszugehen. Dann käme ja nichts mehr, dann bliebe nichts zu sagen und dieser Satz könnte einfach aufhör—

Wir existieren also. Das nageln wir uns stoisch fest. Aber wie konkret sieht diese Existenz nun aus, darum ging es doch eigentlich. Dieser nicht greifbare Wesenskern mit den endlosen Schichten. Ein granulares Selbst, immer weiter heraus- oder hereinzoombar - endlos weiter, weiter, weiter.

WIE ABER WOLLEN WIR DAS NENNEN, LIEBE KINDER?


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Und auch er treibt Tränen in die Augen. Die andere Frage: Wer schneidet ihn, wer kocht, wem treibt er Tränen in die Augen!?

Ist das denn überhaupt diese Weisheit, von der immer alle reden? Sich in sich selbst vergraben, verbitterter, tiefer, immer tiefer? Der Kopf umfurcht, ein Schützengraben, Stellungskampf. Auf der anderen Seite steht wer? Die anderen ‘Ichs’, die alternativen und zuletzt für falsch befundenen, die gescheiterten Versionen des Selbst.
Die Augen driften ins Abseits, in die Ferne, das sieht für Außenstehende nach großer Tiefsinnigkeit aus - ist es ja auch! Aber auf eine andere Weise. Auf eine nutzlose Weise, auf die Weise des Maulwurfs, nur hinab! Viel Einsicht ohne Aussicht. Und je mehr gegraben und geschichtet wird, desto mehr verändert man sich, ist zu jedem beliebigen Zeitpunkt eine andere Version als noch einen einzigen Atemzug zuvor. Minimal anders, aber anders nichtsdestotrotz, und das wirkt kumulativ. Da wird einem doch schlecht!
Ich rufe trotzig aus: Ich will mich überhaupt nicht verändern! Das ist ein kleiner Selbst-Tod, und davon kontinuierlich so viele, das mir schwindelig wird! 
Und hey, sag mal, ist das nicht ein Friedhof da vor mir, wenn ich jetzt genauer hinsehe? Und auf jedem Grabstein, auf den alten verwitterten gleichermaßen wie auf den gerade frisch hingestellten, wo die Erde noch roh vom Buddeln ist, steht er: Mein eigener Name. Und wenn ich das so ansehe, stirbt etwas in mir.
Und was wiederum das genau ist, können wir uns ausdenken, denn es gibt (noch) nicht die Technik, das Gehirn derartig auseinandefriemeln zu können. Ich sage also beispielhaft und nicht ausschließlich ironisch: In diesem Moment stirbt der Teil von mir, der sich einbildet und einredet, ein ausgezeichneter oder überhaupt ein Philosoph beliebiger Qualität zu sein. Spar dir den Inhalt, rufen die da aus den Gräbern und werfen mit gammeligen Tomaten, spar dir den Inhalt und begrenze dich auf die Worte! 
Und vielleicht haben sie sogar recht. Ich sollte das vor allen anderen am Besten wissen - denn diese anderen sind ja ich. Oder waren es einmal. Oder ich war einmal sie. Argh. 

Für den Moment also will ich diese Gräber umgehen, und ich ignoriere sogar kurzerhand, dass sie überhaupt existieren. Nur ICH existiere, einmalig, und zwar als gottgegebener Einheitsblock, der von jetzt auf gleich im Leben stand wie ein unumstößlicher Monolith. Ein in sich geschlossenes System, unteilbar. Das wäre doch schön, oder? Wenn man sich aus all diesen irrigen Gedanken herausretten könnte, indem man sich anlügt und überzeugt, das Universum - und das Ich! - seien derart einfach, derart geradlinig. Ein radikal reduktionistisches Weltbild und Selbstbild (ist das denn nicht das gleiche?), einfach um den Nerven ein wenig Ruhe zu gönnen. Wie eingangs gesagt: Die Welt endet schon wieder, da muss 'Ich' es nicht auch noch tun.
Das versuche man also gerne wenige Augenblicke, aber, liebe Leser, wir sind vom selben Schlag. Wir haben wenigstens diese eine Gemeinsamkeit, die hier getippten Worte aufgenommen zu haben und jetzt diese lästigen Ideen in uns herumschwirren zu haben. Ho, passt auf, die haben Zähne und Stachel! Womit im Übrigen bereits gezeigt wird, dass wir in der Tat kein in sich abgeschlossenes System sind. Das Selbstanlügen funktioniert nicht, verdammt! Wir sind einfach zu aufgeklärt. 
Aber halt, um sich anzulügen, braucht man denn da eine Logik und empirische Belege? Kann nicht in der persönlich konstruierten Welt einfach das wahr sein, was man einfach sehr gerne wissen wollen will? Also ignorieren wir das alles einfach, dieses wilde vorangegangene Gerede, und springen vergnügt-glucksend über den Friedhof, der definitiv überhaupt ganz und gar keiner ist . . .
Nur um dann am Ende doch irgendwo einen knorrigen Finger aus der Erde hervorstechen zu sehen, mahnend, kippend, dahinter zwei garstige Augen, die müde sind, so müde, aber doch ihre Aufgabe erfüllen müssen, und aus dieser bloßen Notwendigkeit heraus keineswegs matte Murmeln, sondern laserschießende innere Augen sind; dieser Finger zeigt auf einen selbst, der vertrocknete Mund dahinter bleibt geschlossen, aber da steckt ein Wort hinter, man kann es auch so ablesen - es lautet:
Zwiebelkopf.
Damit ist alles gesagt. Oder auch nicht.

Ein Lösungsansatz: Und wenn wir also meinethalber diese Schichten nicht über unseren Wesenskern schichten, sondern sie in den Kern assimilieren, sie also zu einem Teil des Kerns machen? Wenn wir also gar nicht zwischen Schichten und Kern differenzierten? Das hieße - durch die ewige Schichterei sind wir Ewig-Werdende, und das hieße: Wir sind nicht (sondern werden).
Denn nur im Augenblick des Todes hört man auf zu Werden und IST dann endlich, auch wenn das in diesem Fall heißt, nicht mehr zu sein. Wenigstens kann man dann eine definitive Aussage über seine Existenz treffen - oder auch nicht, denn man ist ja tot. Jedenfalls können wir daraus den Schluss ziehen, dass unsere vergangenen, unsere toten ‘Ichs’ vollkommener sind als das Ewig-Werdende. Zwar haben diese ihr volles Potenzial nie erfüllt und auf halber Strecke schlapp gemacht, aber immerhin haben sie ein Potenzial erfüllt. Wir tun das nicht, wir kämpfen noch. Und wie gut das läuft, das können wir ja sehen.

Wie peinlich!, rufe ich jetzt aus und erlebe einen verzweifelten Tobsuchtsanfall. Verfluchte Mittelmäßigkeit! ICH werde gewiss weiter kommen als ihr! Ich spucke auf eure Gräber! 
Und dann nehme ich mir eben frustriert die Zwiebel vom Hals 
- und beiße hinein.

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ABER MIT WELCHEM MUND!?

Ende.