Uranwelt Remastered
Die Welt ist plötzlich sinnlos geworden. Wie geht man damit um? Es ist die metaphysische Postapokalypse - tiefgründig und absurd.

Genre: Postapokalypse, Philosophie, Dystopie, Science-Fiction, Drama
Länge: Lange Kurzgeschichte, ca. 22.000 Wörter
© 2026 Eliah Kleines. Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsangabe
Die Apokalypse kommt anders als erwartet: Nicht durch Seuche, Naturkatastrophe oder Krieg, sondern in Form einer Erkenntnis. Wie Bomben schlägt sie in den Köpfen der Menschen ein:
Nichts hat einen Sinn. Alles ist sinnlos.
Auch Johnny muss sich in dieser neuen, sinnlosen Welt zurechtfinden. Er lebt isoliert und geht einem trostlosen Fabrikjob nach, während die Natur langsam dahinsiecht. Seine Erinnerungen an das Davor verblassen, stattdessen herrscht statisches Rauschen in seinem Kopf. Doch Johnny ist immerhin nicht völlig allein, denn im Fernsehen gibt es noch den dämonischen Großmajor, der ihn zum Marschieren auffordert. Marsch, Johnny, marsch! Und Johnny marschiert.
Die Welt ist seltsam geworden - und grün.
Aber trotz all der Sinnlosigkeit begehrt Johnny insgeheim auf. Warum ist alles so, wie es ist? Ist hinter all dem wirklich nichts anderes? Und warum ist alles grün!? Vor allem hat Johnny etwas, das nicht mehr existieren sollte: Hoffnung. Denn es gibt da jemanden. Er will sie um jeden Preis wiedersehen - und so vielleicht doch noch einen Sinn finden...
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Interaktives Inhaltsverzeichnis
PROLOG
Keine Bomben
Kurz nach neun Uhr morgens waren die Bomben in die Atmosphäre eingetreten. Heimlich vollzogen sie einen gespenstischen Tanz, sie taumelten und wirbelten, drehten sich um imaginäre Achsen und streuten immer weiter auseinander. Die Wolkendecke durchbrechend waren sie bereits außer Kontrolle geraten und nun für jeden Menschen gut sichtbar. Zumindest theoretisch.
In der Praxis gab es nur eine allerkleinste Minderheit, die die Augen in diesem Moment nach oben gerichtet hatte. Schließlich rechnete niemand mit diesen Bomben, niemand wusste, dass sie fallen würden. Nur diese paar Wenigen waren hier und dort vorhanden, die zwar nicht wussten, dass es geschehen und freilich heute geschehen würde, die aber doch schon seit einigen Tagen oder sogar Wochen ein schwer zu definierendes Bauchgefühl vernommen hatten: Da staut sich etwas zusammen. Da kommt etwas. Bald.
Selbst als die Bomben einschlugen, gab es noch immer kein Geräusch, keine Explosion, keine Pilzwolke, keine Staublawine. Die Ruinen der alten Welt waren keine schwelenden Mauern, keine Krater oder kümmerliche Überreste einer alten Zivilisation, die sich selbst den Garaus gemacht hatte. Das waren Straßen und Häuserblocks und Vororte und Städte. Alles vollkommen intakt. Niemand war gestorben. Es schien, als wäre nichts geschehen. Die Bomben waren keine Bomben.
Dann kamen die Schreie.
Erst einzelne Stimmen, dann immer mehr, erhoben sich aus den Ruinen der alten Welt, ein elendiger Schreichor des Unglaubens über das Geschehene, des Entsetzens und des blanken, puren Horrors. Die Bomben waren keine Bomben. Eine Mutter mit ihrem Kind noch auf dem Arm, zwei Schüler im Park, ein Pärchen daheim, der Taxifahrer im Stau und der Bauarbeiter mit dem Presslufthammer in der Hand, sie alle schrien, schrien, schrien sich die Seele aus dem Leib.
Die Bomben waren keine Bomben. Und doch erfüllte das kollektive Schreien die Luft. Die Bomben waren keine Bomben, wenigstens keine herkömmlichen: Sie waren in den Köpfen eingeschlagen. Dort hatten sie einen heillosen Schaden angerichtet, in die Windungen der Gehirne schillernde Krater mit wundersamen Formen und Zacken hineingeschlagen.
Um es auszusprechen: Die gesamte Spezies hatte von jetzt auf gleich ihre Zähne in die verbotene Frucht versenkt - Die Bombenkrater präsentierten sich als Erkenntnis. Eine Erkenntnis war das, die alle anderen Meinungen und Ansichten über sich selbst und die Welt und die Natur des Seins über den Haufen warf. Eine Erkenntnis, deren Inhalt so ungeheuerlich schien, dass die einzig angemessene Reaktion darauf ein aufgerissener Mund und ein markerschütterndes Schreien sein konnte. Nichts würde so sein, wie es war. Denn alles, was man tat und sah, all das erkannte man mit einem Mal - als sinnlos.
Alles war sinnlos geworden.
Die Erde drehte sich weiter, und schließlich, notgedrungen, ging auch der Alltag weiter. Aber er lief nicht flüssig, sondern stotternd und aufstoßend, ruppig und kratzig. Das Bekannte erschien fremd und ungewohnt. Dabei hatte sich alles nicht verändert, nur die Interpretation, die Wahrnehmung von allem war jetzt anders, war jetzt null und nichtig und ohne jeglichen Inhalt geworden. Lag nicht also die Wahrheit im Auge des Betrachters?
Eine Woche verging, dann zwei, dann hörte man zu zählen auf, dann vergaß man, dass es Zeit gab. Das bloße Konzept ‚Zeit‘ wurde fremd, man schleppte sich nur noch von Moment zu Moment in dieser elenden Welt, die so pervers gleich aussah wie die gute alte Welt, in der man gelebt und geliebt hatte, aber nun, in dieser falschen, falschen Welt, da konnte man nur existieren - und so existierten sie, die Menschen, aber leben konnte man es nicht nennen.
Der Prophet sagt: „Es fällt ein Beil, es zieht der Strick - das ist des Henkers Missgeschick".
Der Henker aber sagt: „Badabing, badabum, ich mach' es schnell, dann fällst du um."
Das war die letzte Debatte, die im Live-Fernsehen ausgestrahlt wurde, in die Fernseher jedes Wohnzimmers auf der gesamten Welt. Interkontinental. Global. Niemand wusste, wer diese Sendung überhaupt organisiert hatte, auch nicht, woher diese zwei Gestalten gekommen waren, die ihre schwer verständlichen Meinungen vortrugen. Zuschauer waren angehalten, anzurufen und ihre Meinung zu diesem ernsten Thema kundzutun. Das ging ja alle etwas an, es war ein, nein, es war das menschliche Thema. Wer hatte nun recht, der Prophet oder der Henker? Das fragte sich die gesamte menschliche Spezies, in den Fernseher blickend, mit Trägheit und Gleichgültigkeit in den Augen, die bereits auf die Panik gefolgt war.
Doch nicht eine einzige Person rief an.
Und damit war die Sache gelaufen.
Aber eigentlich war es auch egal, wer recht hatte, denn es gab ja keinen Sinn dabei, und das musste auch den beiden Gestalten auf dem Talkshow-Sofa schon im Voraus klar gewesen sein. Ob nun Philosoph oder Henker: Es war egal, wer recht hatte.
Was noch egal war? Der Mensch. Was war der Mensch? Eine Sache. Viele Dinge waren Sachen. Zum Beispiel auch Schreie. Die Schreie wiederum waren lange schon verstummt. Nur ab und zu konnte man noch durch dünne Wände und grüne Scheiben jemanden schreien hören. Dieser Schrei war meist nur kurz, aber immerhin treffsicher auf irgendeiner unbenannten Note angesiedelt; dann, ganz abrupt, so wie er auch begonnen hatte, verstummte er wieder und es war, als wäre nie etwas gewesen. Das neue Normal. Diese Bomben, die keine Bomben waren, schließlich lebten, nein, existierten noch alle - diese Bomben waren gefallen, und daran ließ sich ganz und gar nichts mehr ändern. Die Erkenntnis ließ sich nicht ungeschehen machen.
Danach wurde das Fernsehen in seiner alten Form abgeschafft, es hatte keinen Nutzen mehr. Doch die Fernsehgeräte in den Wohnzimmern blieben stehen, verschwanden nicht über Nacht. Es musste eine andere Sendung her. Eine mit individuellem Charakter. Eine Sendung für das Individuum, denn die Massen hatten sich zerstreut, es gab sie nicht mehr. Andere Änderungen kamen bald, kamen wie von selbst. Die Änderungen hinterfragte niemand.
Die Farben etwa…
Die Menschheit also in der Sinnkrise! Oft schon war das geschehen im Laufe der langen Menschheitsgeschichte. Aber dieses Mal war etwas anders. Früher hatte man den alten Sinn verloren und dann nach einem neuen Sinn gesucht. Wenn man nur stark genug etwas finden wollte, dann fand man es auch. Dieses Mal nun, das das letzte Mal sein sollte, handelte es sich aber um die faktisch orientierte Akzeptanz, dass es nie einen Sinn gegeben hatte und nie einen geben würde. Die Suche war abgeblasen, man fand also nichts, und deswegen war da auch nichts. Kein Sinn. Nie mehr ein Sinn.
Bloß: Wenn all die Menschen einfach so ihre Dinge und Sachen taten und machten und waren, ja, waren, aber was waren sie? Was war ein Mensch? Wo blieb das Gefühl für das, was eigentlich ein Menschen so tat?
Und an erster Stelle: Warum?
So endete alles, aber vielleicht begann auch etwas. Nur was konkret? Und wo blieb der Mensch in dieser ungeheuerlichen Situation? Es lässt sich beobachten. Im Wohnzimmer blieb er… vor seiner persönlichen Fernsehsendung blieb er…
Tick.
Tack.
Badabing.
Badabum.
EINS
Der Großmajor
Der Großmajor war grün.
Die aufwendige Kopfbedeckung mit der einzelnen Pfauenfeder, auch das Brokathemd mit dem hochgestellten Kragen, weiterhin die Hose aus Seide sowie die schweren Stiefel, sein ordentlich getrimmter Backenbart und zuletzt seine Haut - alles fein im Einklang. Alles unicolor.
Alles grün.
Nicht nur er. Die blankgeputzten Bodenfliesen. Der niedrige Wohnzimmertisch. Die überwiegend leeren Kaffeetassen darauf, auch die Kaffeereste darin. Der Deckenventilator, der beständig seine Runden drehte. Der Fensterrahmen, das Fensterglas, der Vorhang davor, auch die Tür und das leere Bücherregal, kurzum: alles grün. GRÜN. Der adrette Herr Großmajor war aber, das musste man ihm lassen, noch ein bisschen mehr grün als die anderen Dinge, er war die Definition von Grün. Wenn es einen Grünheits-Wettbewerb gegeben hätte, wäre er als sicherer Sieger daraus hervorgegangen. Es bot sich zu sagen an: Herzlichen Glückwunsch, Herr Großmajor!
Wobei er selbst gar nicht anwesend war.
Sein Gesicht und manchmal sein gesamter Körper waren zu sehen im Zentrum eines dicken flimmernden Fernsehers, der in der Einrichtung des Wohnzimmers den Mittelpunkt darstellte. Der Herr Großmajor war im Fernsehen.
Jetzt machte er seinen Mund auf, präsentierte rasiermesserscharfe Zähne und setzte zum Sprechen an. Eine Sekunde schien er zu zögern, fuhr mit der grünen Zunge über die grünen Lippen. Dabei glich er einem Hai, der frisches Blut witterte. Dann legte er los.
„Johnny!”, blaffte er den jungen Mann an, der dem Bildschirm gegenüber auf dem Sofa lag und schlief. Durch den schwer zu lokalisierenden, in jedem Fall aber fremdländischen Dialekt klang das jedoch eher, als sage er ‚Jonnäh‘.
Der Andere fühlte sich trotzdem angesprochen, er kannte die Stimme, er kannte den Dialekt und er kannte das Prozedere. Er schreckte bei dem ersten Geräusch des Fernsehers aus seinem traumlosen Schlaf, fuhr sich durch die braunen Haare und ertappte sich dabei, wie er auf die strahlend grüne Uhr an der Wand schaute.
Das war ein Reflex, den er sich nicht abgewöhnen konnte, obwohl dieses Ding doch vollkommen nutzlos geworden war. Was war denn Zeit noch? Was hieß das denn überhaupt noch - ‚Zeit haben‘? Es gab nur noch Momente, und er hangelte sich so wie alle anderen mühselig von einem zum nächsten. Er hätte sie längst loswerden sollen, diese Uhr, hätte sie von der Wand nehmen und vergraben oder gleich zerstören sollen. Aber irgendetwas hielt ihn davon ab. Vielleicht auch nur die Gewohnheit. Was sagte ihm der reflexhafte Blick auf das Ziffernblatt gerade? Nichts. Die Zeiger sagten ihm nichts. Darauf zu blicken war seit jenem Moment vollkommen sinnlos geworden.
„Johnny!”, rief der Großmajor erneut und klopfte gegen seine Seite des Bildschirms. Die behaarte Faust war auch aus nächster Nähe noch hochauflösend abgebildet. „Auf das Bein und strammgestanden!” (Uff des Bain und strammgstandn!)
Johnny lief sofort der Schweiß über die Stirn, die Wangen entlang und in seinen grünen Hemdausschnitt - der Schweiß war zwar nicht grün, bekam aber durch die Deckenlampe immerhin einen entsprechenden Schimmer -, richtete sich von seiner Schlafstätte auf und presste die Hände straff an die Seiten.
„Und nun das Lied!”, röhrte der Großmajor in seiner absurden Militäruniform. Viele bedeutungslose Abzeichen baumelten von seiner Brust herab. Und diese Kopfbedeckung, die darauf wippende Pfauenfeder! Überhaupt schien diese Gestalt aus der Zeit gefallen – Zeit? Was war schon Zeit? -, aber Johnny konnte sich beim besten Willen keinen Reim darauf machen, in welche Ära oder Epoche sein regelmäßiger Besucher einzuordnen war. Die Aufmachung kratzte ihm im Kopf einen längst taub gewordenen Nerv, den er nicht zu greifen bekam. Gedanken waren so schwer zu fassen! Und in diesem Moment galt all das sowieso nicht, es galt nur eins: Das Lied. Es setzte aus dem Off ein und klang wie eine Marschkapelle, aber nie war im Bild zu sehen, wer die Instrumente spielte. Und der grüne Großmajor mit den rasiermesserscharfen Zähnen und der absurden Militäruniform begann, stolz auf der Stelle zu marschieren. Johnny machte sich stramm und tat es ihm gleich. Die unsichtbare Marschkapelle blechte, der Großmajor rief immer wieder sarkastische Ermunterungen, Johnny marschierte, und alles war grün.
Es war alles wie immer.
Einen anderen Moment schloss Johnny die Wohnungstür hinter sich. Einmal war sie weiß gewesen, aber der Vermieter hatte sie grün anstreichen lassen. Die Mode eben. Und obwohl es die Mode war, konnte er sich einfach nicht daran gewöhnen und die schrille Farbe brannte ihm noch immer in den Augen.
Auf dem Hausflur lag ein Mann, über den Johnny leichtfüßig hinwegstieg.
Der Mann lag schon einige Momente dort, und an diesen Sachverhalt war Johnny sehr wohl gewöhnt. Er konnte zwar nicht verstehen, warum der Mann da lag, aber sowieso konnte man nicht viel verstehen, sondern musste sich in der Regel damit abfinden, dass eine beliebige Sache so war, wie sie eben war. Als ob es einen Sinn gab!
Jedenfalls war es der Herr Nachbar, der sich eines Momentes hingelegt hatte, unmittelbar vor seine eigene Wohnungstür und somit auch gleich neben die Wohnungstür von Johnny. Jedes Mal, wenn Johnny seitdem nach draußen ging, stolperte er auf dem Weg zum Treppenabgang über ihn, der sich seit dem letzten Zusammentreffen kein Stückchen bewegt hatte.
Beim ersten Mal hatte Johnny sich noch erschreckt und den Herrn mit gewissem Widerwillen angesprochen, ihn gegrüßt und gefragt, ob denn alles gut bei ihm sei. Da kam keine Antwort. Dann hatte Johnny mit noch größerem Widerwillen den Puls gefühlt, der Puls war vorhanden, ein langsames, gleichmäßiges Atmen begleitete ihn. Der Brustkorb hob sich auf und ab, und das Herz lief da auf Sparflamme, aber es lief, und das war die Hauptsache.
Aber die Augen! Diese Augen schienen wie tot. Dieser stumpfe, starre Blick vom Herrn Nachbar, der so leer und leblos war, dass es Johnny nichts ausmachte, direkt hinein- und hindurchzuschauen. Da war nichts, was zurückschaute, keine Flamme, kein Funken, nichts, was eine Spiegelfunktion hätte haben können, und deswegen waren es ausgerechnet diese scheintoten Augäpfel auf dem Hausflur, die Johnny weniger Angst machten als all die anderen herumlaufenden Augenpaare in der Stadt. Überhaupt waren es darum die einzigen Augen, in die er über viele Momente hinweg hineingeschaut hatte. In die Augen eines anderen, sich noch bewegenden und reagierenden Menschen hineinzuschauen, war seit jenem Moment völlig undenkbar geworden. Das ging nicht nur Johnny so. Kein Augenkontakt! Das war eine unausgesprochene Regel, und dieser Herr hier zu Johnnys Füßen stellte die letzte große Ausnahme dar, soweit er das beurteilen konnte.
Er wusste nicht einmal seinen Namen, merkte Johnny, und jetzt danach zu fragen, war überflüssig. Der Nachbar würde keine Antwort geben und wahrscheinlich auch sonst nie wieder irgendetwas sagen. Aber warum? Was war mit dem Kerl los? Johnny fühlte sich wenig qualifiziert, Spekulationen anzustellen, und außerdem wusste er ja, dass sowieso mit jedem Menschen irgendetwas schrecklich falsch war, wie könnte es auch anders sein. Man musste die Umstände bedenken! Jeder ging mit der ganzen Situation auf eigene Weise um. Das war auch das mindeste, was man von einem modernen, existierenden Menschen erwarten konnte. Es war nicht Johnnys Aufgabe, eine Universallösung für alle zu finden, nicht seine Aufgabe, die große Frage zu beantworten und den Nachbarn zu erlösen aus seiner finalen Apathie. Im Gegenteil hatte er sich mit dem Herumliegen und Scheintot-Sein des Nachbars abgefunden, wie mit so vielen anderen Dingen in und auf der Welt, und deshalb hob er einfach das Bein und stieg behutsam über den reglosen Körper da im Flur hinweg und die Etagen hinab, bis hinaus auf die Straße, wo nur wenige Menschen waren. Diese immerhin bewegten sich noch. Und Johnny war einer von ihnen und legte sich nicht hin und gab nicht einfach auf. Wollte er das? Sich hinlegen und aufgeben? Darüber hatte er noch nie nachgedacht. Klare Gedanken waren sowieso schwer zu fassen seit den Bomben, die keine waren, und deshalb machte er einfach weiter wie gehabt. Denn das war das mindeste, was man von ihm erwarten konnte.
Da war auch noch etwas anderes.
Insgeheim köchelte in ihm eine leise Hoffnung. Er durfte sich nicht zu sehr auf sie konzentrieren, dann würde sie sich sofort in Luft auflösen. Also nur am Rande seines Bewusstseins spürte er sie, in einer halbdunklen Ecke des Verstandes kauernd, wartend. Hoffnung. Es erschien ihm, als sei er der wirklich und absolut letzte Mensch, der noch so etwas empfand. So etwas empfinden konnte. Er fühlte sich dadurch noch einsamer als sowieso schon. Auf der ganzen Welt der Einzige…
Und Hoffnung worauf? Nicht Hoffnung auf einen Sinn per se, das war absurd, es gab keinen Sinn und hatte nie einen gegeben. Seine Hoffnung war vielmehr auf einen einzelnen, rein hypothetischen Moment gerichtet. Auf einen Moment des Menschenkontakts. Denn kein Mensch war eine Insel, konnte und durfte eine Insel sein. Er hoffte auf einen Moment, in dem er möglicherweise sie wiedersehen würde.
„Neuigkeiten! Forscher in Übersee sind verblüfft: Runde Dreiecke! Was sind sie und warum?”
Das war wieder ein anderer Moment. Johnny war nicht sehr weit gekommen, ehe er abgelenkt worden war von der Stimme des Magazins. Unweit von dem Hochhaus, in dem Johnny lebte, stand das Magazin mitten auf einem Platz und machte sich auf seinem Holzklotz groß. Gleich dahinter thronte ein Reitermonument, dessen historische Signifikanz Johnny schon eine Weile im Kopf juckte. Fast war er sich sicher, einmal ganz genau gewusst zu haben, wer dieser stolze Soldat oder Herrscher war, den man in Metall verewigt hatte. Aber nur fast war er sich sicher. Der Reiter war ihm aus dem Gedächtnis gestürzt, im halsbrecherischen Galopp, und das musste schon eine Menge Momente her sein. Überhaupt ging es Johnny in vielen Punkten so, dass er sich desorientiert und erinnerungsschwach fühlte. Da waren schließlich die Krater in seinem Kopf.
Neben Johnny hatten sich noch ein paar andere Leute versammelt, die halbwegs aufmerksam dem Magazin zuhörten, dem Magazin mit seinem grünen Hemd, seiner ausgefransten Schiebermütze und den Füßen in grünlich schimmernden, furchtbar ausgetretenen Schuhen. Auch wenn diese anderen Leute, ebenfalls überwiegend grün bekleidet, auf einem Haufen standen, konnte man sie doch unmöglich als Menschenmenge bezeichnen. Das waren Individuen, einzelne Personen, die in diesem Moment zufälligerweise nebeneinander existierten, sicherlich aber nicht miteinander. Jeder hatte auf seine eigene Weise zurechtzukommen.
Vor Johnny eine Frau mit weit ausladendem Sonnenhut. War sie das etwa? Sein Herz machte einen Satz. Dann aber wandte sie sich zur Seite, um die Nase in ein Taschentuch zu vertiefen. Da sah er, was für tiefe Falten in ihre Stirn gefräst waren. Und zu denken, beinahe hätte Johnny ihr in die Augen geschaut! So knapp! Gerade im letzten Moment wurde sein Blick abgelenkt von einem großen Abszess im Mundwinkel der Frau. Das war nicht sie. Das war nur jemand. Johnnys Herz ging langsamer.
„Nun eine Aktualisierung zur Situation der Elefanten”, sagte das Magazin. Johnny horchte auf. Das war eine Sache, die ihn tatsächlich interessierte. „Uns erreichen Berichte aus Übersee, dass der letzte Elefant vor wenigen Momenten gestorben ist. Sämtliche Elefantenpopulationen sind nun verendet. Ende. Die gibt es jetzt nicht mehr. Die sind tot. Damit reiht sich diese Spezies zu den Walen ein, die ihrerseits bereits vor einigen Momenten ausgestorben sind und jetzt auch alle tot, tot, tot sind. Wie auch bei den Walen lässt sich nicht bestimmen, woran genau die edle Spezies der Elefanten global betrachtet zugrunde gegangen ist. Aber sie ist es. Und jetzt ist sie tot”, verkündete das Magazin, ohne eine Miene zu verziehen. Von seinem seltsamen Mischmasch aus formeller Redensart, wie man sie einmal aus Zeitungen gekannt hatte, und aus banaler Umgangssprache, bekam Johnny Kopfschmerzen.
Aber der Inhalt! Das war das Interessante: Die Elefanten hatte es nun auch erwischt. Diese großen, majestätischen, grauen Tiere. Tot. Wie sollte man diese Information verarbeiten? Und Elefanten waren doch, so wie Wale auch, ausgesprochen intelligent! Wie konnte es also sein, dass diese gigantisch großen Tiere einfach gestorben waren? Das konnte doch kein Unfall sein, oder? Nein, das konnte kein Unfall sein, das musste Absicht sein. Johnny schaute sich um, ob er bei den anderen Zuhörern ähnliche Gedanken festmachen konnte, was aber schwer zu ermitteln war, weil er ja um keinen Preis in ihre Augen sehen wollte.
Vielleicht war das ein vollkommen eigener, neuer Gedanke von Johnny, den er da gerade geformt hatte, nämlich der Gedanke, dass die Elefanten aufgegeben hatten. Die Elefanten waren gestorben, weil sie einfach aufgegeben hatten, und die Wale waren gestorben, weil sie einfach aufgegeben hatten. Das würde auch einen anderen Sachverhalt erklären: Denn auch die Bäume siechten langsam dahin, auch sie waren gerade dabei, aufzugeben. Das konnte man sehen, wenn man in die Natur oder wenigstens in den Park ging und feststellte, dass abseits vom ewig sprießenden Gras viel weniger Grün da war, als es sein sollte. Zumindest weniger natürliches Grün. Die Bäume waren dabei, aufzugeben. Die Giganten der Welt starben.
Während also die Giganten der Welt der Reihe nach aufgaben, machte der Mensch einfach weiter, und das sprach nicht unbedingt für seine Größe. Wie konnte er denn so stur sein und weiterleben oder existieren, als wäre nichts? Denn es war schließlich unbestreitbar etwas. Die grausigen Bomben, die keine waren! Man musste sich doch nur umschauen! Musste man nicht einsehen, dass es vorbei war? Das alles vorbei war? Und doch liefen die Menschen weiter auf der Straße. Trotzdem gingen sie arbeiten. Trotzdem atmeten sie. Und Johnny war einer von ihnen und auch er tat all das weiterhin. Vollkommen ausgeschlossen: Johnny war kein Gigant der Welt.
Unterdessen hatte er den Ausführungen des Magazins gar nicht mehr zugehört, sondern war seinen eigenen endlos wirrenden Gedanken gefolgt, die kaum Gedanken genannt werden konnten. Immer und ewig wurden sie überdeckt und verdrängt von dem statischen Rauschen in seinem Kopf, diesem ewig nervtötenden Hintergrundlärm, der einen klaren Gedanken fast unmöglich machte und der für ihn nichts anderes war als ein Fritzel-Fratzel, ein ewig-penetrantes Gefritzel und Gefratzel, ein Kastenflimmern, und sein Kopf war der Kasten, in dem seit jenem Moment die schillernden Krater mit wundersamen Formen und Zacken prangten.
Die anderen standen da und hörten zu, als wäre nichts.
Zu gerne würde er einen von den anderen um ihn herum an den Schultern anpacken und schütteln und dann ansprechen. Über irgendetwas müsste er reden, seine Meinung und Gedanken kundtun, es mussten ja nicht einmal die Elefanten sein, die sich aufgegeben hatten, es konnte einfach irgendetwas sein. ‚Die Vorhänge sind BLAU‘, würde er vielleicht sagen, und sein Gegenüber würde sagen ‚Junge, mach die Augen auf, die sind GRÜN. Die sind so grün wie die Sonne, die sind grün!‘ Und Johnny würde sich bereit machen zu widersprechen, dann aber innehalten und innerlich zusammenzucken bei der Erkenntnis, dass die Sonne ja in der Tat grün war und dass der Andere also recht hatte. ‚Wie zum Teufel ist das überhaupt passiert?‘, würde er dann mit ganz anderem Tonfall und Blick nach oben sagen, und der andere würde bloß mit den Schultern zucken und sagen ‚Du fragst komische Fragen. Ist halt so‘, und dann würde er ohne ein weiteres Wort einfach das Gespräch beenden und sich umdrehen und gehen. Und Johnny würde mit seinen Meinungen und den unter dem statischen Rauschen wirr gewordenen Gedanken alleine zurückbleiben.
Also sagte Johnny nichts. So war es einfacher. Sowieso völlig undenkbar, mit jemandem einfach so zu sprechen, als wäre nichts!
Er drehte sich um und ging, während die Nachrichten hinter ihm weiterspulten. Nichts aus dem Schandmaul des Magazins war gut, alles war schlecht, was da berichtet wurde. Das Magazin war eine grüne Krähe, die Unheil kündete. Gab es denn nichts Gutes? Nichts Frisches? Nichts Neues? Nichts Lebens- oder wenigstens Existenzbejahendes? Alle Worte des Magazins stanken ekelerregend nach Verwesung! Konnte das denn sonst niemand riechen? Aber nein, die anderen waren innerlich tot, fürchtete Johnny, sie waren innerlich bereits endgültig und unwiderruflich tot, so wie die Elefanten und Wale es waren und wie bald auch alle Bäume tot sein würden. Dass wirklich nichts und niemand Hoffnung hatte… Johnny ging. Er schaute nicht zurück.
Aber man durfte sich nicht zu sehr von den Nachrichten des Magazins beeinflussen lassen, verunsichern lassen. Ob all das stimmte, was da mündlich an die Individuen herangetragen wurde, ließ sich ja kaum überprüfen. Man hörte zwar zu, weil auf diesem Wege wenigstens mögliche Erklärungen für dies und jenes geboten wurden. Aber alles mit viel Salz genießen. ‚Plausibilität‘ als Maxime für Nachrichten hatte lange schon gegen ‚Wahrheit‘ gewonnen. Nach dem ‚Warum‘ sehnte sich schließlich alle Welt, und das Magazin, dieser glorifizierte, grün angezogene Zeitungsjunge, bot es.
Dafür hasste Johnny es. Denn Antworten zu haben war verdächtig. Woher hatte es denn diese Antworten? Was waren die Quellen, was die Verbindungen?
Während Johnny sich darüber aufregte, marschierte er zur Arbeit.
Am Fließband schaute Johnny sich auf die Hände. Waren das denn Arbeiterhände, Fabrikhände? Waren sie nicht ganz etwas Anderes gewohnt als Fließbandarbeit? Sie waren doch feingliedrig und weich, nicht grob und stark.
Seine Blicke folgten einer Bewegung vor ihm, da wanderten auf dem Fließband Konservendosen entlang. Hinter ihm ragten mechanische Arme hervor, die gewissenhaft ihr Programm ausführten und die Dosen bearbeiteten. Diese Roboterarme hatten das im Blut, was sie hier taten. Aber Johnnys Arme und Hände hatten absolut nichts mit ihnen gemein. Trotz allem war er noch immer ein Mensch.
Der Rhythmus und die Routine überkamen ihn aber dennoch. Das machte etwas mit einem, so viele Momente dort zu stehen und zu arbeiten, und egal wie grün man am Anfang hinter den Ohren auch war, nach ein paar Schichten war davon nichts mehr zu spüren.
Das Maschinenöl war schwarz.
Und wie gut es tat, dass irgendetwas in ewig gleicher Abfolge lief, beinahe automatisch. Das war selten geworden, wo doch sonst alles nicht mehr flüssig, sondern stotternd und aufstoßend ging, ruppig und kratzig. Das Bekannte erschien fremd und ungewohnt, und diese stumpfsinnige Fabrikarbeit, so sinnlos sie auch sein mochte, bot doch einen großen Halt, eine Konstante. Eine Realitätsflucht! Hier waren Gedanken sogar noch unmöglicher als anderswo, denn zu dem ewigen statischen Rauschen, dem Fritzel-Fratzel in seinem Kopf, gesellte sich der Lärm der Maschinen. Hier würde es freilich niemand hören, wenn Johnny einmal seinen Mund weit aufriss und -
Einmal so richtig schreien.
Das hatte er nur ein einziges Mal getan. In jenem Moment. Alle hatten es getan, natürlich hatte auch Johnny es getan. Das war nichts Besonderes, keine individuelle Leistung und auch keine Entscheidung gewesen, sondern ein Impuls und ein Reflex. Ein Zwang. Aber jetzt das nochmal so zu tun, ganz eigenständig, dazu gehörte ernsthafte Größe, und er war sich nicht sicher, ob er diese Größe in sich trug.
Er hatte an einer Straßenkreuzung gestanden und auf die Ampel gewartet. Wohin war er in diesem Moment auf den Weg gewesen? Zur Fabrikarbeit? Wirklich? Hatte er nicht eine feine Aktentasche in der Hand gehabt? Überhaupt war alles davor ein kaum zu durchdringender Nebel, darin keine klaren Formen. Bevor die Welt in Momente eingeteilt wurde, war da nichts. Sein früheres Ich schien, als hätte es nie existiert.
An dieser Straßenkreuzung war es losgegangen. Als erstes war da ein Jucken in seinem Nacken. Erst dachte er, etwas habe ihn gestochen. Er blieb stehen und schaute sich verwirrt um. Genau das war das erste Gefühl: Verwirrung. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Alle anderen Passanten waren bereits stehengeblieben, kurz danach auch der Straßenverkehr. Dieses Gefühl wuchs rasant, es breitete sich in Wellen über seinen Körper aus und, viel wichtiger, über alle Aspekte seines Gedächtnisses, seines Bewusstseins, seines Verstands. Ein Druck! Ein Geräusch? Was war - das? Was bedeutete das?
WARUM?
Und dann schrien sie. Johnny schrie und alle um ihn her schrien. Sie schrien. Keiner rührte sich, alle standen einfach so da mit ihren weit aufgerissenen Mündern und weit aufgerissenen Augen und schrien. Da waren Ruinen und Krater, jeder sah sie vor seinem inneren Auge, spürte hinter dem Schädel die spitzen kantigen Ränder der Zerstörungszone. Es war ohrenbetäubend laut, dieses Schreien, das sich in seine Ohren hineinbohrte, aber Johnny konnte sich einfach nicht dazu bringen, die Hände auf die Ohren zu pressen, geschweige denn, selber den Mund zu halten. Er gehörte dazu. Er war einer von ihnen. Ein Mensch. Er war gezwungen, zuzuhören und mitzumachen in diesem Geschrei, das das Ende und den Anfang und das Dazwischen und den großen Umbruch, das große Anders ankündigte. Absolut nichts würde so sein, wie es war, spürte er. Und damit hatte er recht behalten.
Momente und Momente verstrichen, und langsam hörten hier und da die ersten Menschen einfach auf, so wie sie begonnen hatten. Mit einem Schlag schienen sie aus einer Trance aufzuwachen, schüttelten sich, schauten sich befremdet um und gingen stolpernd wie neu geborene Lämmer in irgendeine wahllose Richtung davon.
Noch immer stand Johnny da und schrie, schrie, schrie sich die Seele aus dem Leib.
Da geschah es.
Er traf die Blicke einer Person auf der anderen Straßenseite.
Da stand zwischen vielen anderen eine junge Frau - vielleicht etwas jünger als er, insgesamt etwas blasse Haut, kurze braune Haare -, und auch sie tat nichts anderes als Johnny. Auch sie war ein Mensch, auch sie war getroffen worden: Sie schrie.
Ihre Blicke trafen sich. Blieben aneinander kleben. Klebrige Blicke waren das. Ihre Augen klebten sich in diesem scheußlichen Moment in Johnnys Kopf fest, und da waren sie noch immer.
Was für ein Blick! Was für Augen! Nicht in einem romantischen Sinne, sondern verstörend und traumatisierend. Diese Augen! Diese ahnungslosen, verängstigt herumhuschenden Pupillen! Das waren keine Menschenaugen, dort in diesem ewigen Moment. Das waren die Augen eines Tieres, eines gehetzten, gejagten Beutetiers, in dem der urtümlichste Instinkt zur Flucht! Flucht! Flucht! mit der Kraft einer Kanonenkugel eingeschlagen war und alles andere, was dieses Tier, diese Frau mit der bleichen Haut ausmachte, überschrieb. Da war nichts außer Orientierungslosigkeit. Orientierungslosigkeit und Angst.
Und so waren es nicht diese seltsamen Bomben, die keine waren, die kaum einer hatte kommen sehen und die rein kognitiv eingeschlagen waren, es war auch nicht das Kakophonieorchester der schreienden Meute, das ihn in jenem Moment so geprägt hatte. Sondern es war der Blick dieser Frau, der Johnny nachhaltig gezeichnet und zu dem gemacht hatte, der er heute war oder zu sein glaubte. Und dieser Blick war es auch, der selbst jetzt noch, als einzige Konstante, seinem Treiben und Wirken den kleinsten Funken von Sinn stiftete.
Zuletzt hatte auch diese junge bleiche Frau sich losgerissen aus diesem Zustand, hatte sich desorientiert umgeschaut und war ihres Weges gegangen. Zurück blieb Johnny, der einfach nicht zu schreien aufhören konnte. Er brauchte irgendwie länger, diese furchtbare Erkenntnis zu verarbeiten. Immer mehr Menschen rissen sich los und gingen weiter oder zurück, Hauptsache weg, aber er stand da noch immer und schrie. Er konnte einfach nicht aufhören. Es schüttelte ihn und es rüttelte ihn. Er musste schreien. Dann ging es ganz schnell. Mit einem Schlag hörte er einfach auf. Er wusste auch nicht, warum. Er blinzelte. Eine unheimliche Stille legte sich da über ihn wie eine alles erdrosselnde Decke, machte seine Knie wackelig und seine Kehle trocken.
Und dann begann es, das statische Rauschen in seinem Kopf, dieses Fritzel-Fratzel, das jeden klaren Gedankengang zunichtemachte. Und hatte seitdem nie wieder aufgehört.
Er war an dieser Kreuzung der Letzte gewesen. Die Straße war bereits wie leergefegt. Sie alle waren gegangen und hatten sich verkrochen, ohne recht zu wissen warum. Warum? Das durfte man nicht fragen! Auch Johnny war also umgekehrt und nach Hause gegangen. Was blieb, war nichts, weil alles anders war als vorher. Was blieb, war der schreckliche Blick der jungen Frau, den er genau kannte, obwohl er ihn nie wiedersah. Nicht einmal im Schlaf. Johnny träumte nicht. Er träumte nie. Ob das den anderen da draußen auch so ging? Ging es ihnen allen gleich? Johnny war sich jedenfalls fast sicher: Exakt so, wie die Frau auf der anderen Straßenseite geschaut hatte, hatte auch er in diesem Moment geschaut. Wie ein gehetztes Tier.
Er musste sie einfach wiedersehen.
Das nächste Produkt erreichte jetzt Johnnys Station und brachte ihn wieder in die Fabrik zurück. Die sahen alle identisch aus, diese Dosen. Er musste sich immer wieder erinnerten, wie wichtig sie trotzdem waren. Man brauchte sie, denn man musste etwas essen. Etwas war in den Dosen. Vermutlich wusste niemand, was genau es war. Das störte niemanden - etwas musste man ja essen, und wenn die Natur so großflächig einfach aufgegeben hatte - man bedenke die Bäume! -, musste man eben etwas in die Dosen und von dort aus in den Mund stecken. So gesehen war Johnnys Arbeit ein Dienst an der Menschheit. Bloß wusste Johnny nicht recht, ob er der Menschheit überhaupt dienen wollte.
Ein Glück, dass er nicht viel zu machen brauchte. Seine Hände und Arme machten von ganz allein, was sie zu tun hatten. Johnny wusste nicht wirklich, woraus seine Arbeit bestand. Er schaltete einfach in eine Art Stand-by, wenn er die Konserven bearbeitete. Das war eine große Erleichterung, weil er dann das ewige Fritzel-Fratzel nicht wahrnahm, auch wenn es natürlich trotzdem da war, immer da war. Nach getaner Arbeit wusste er zumindest, dass er eine Menge Konservendosen bearbeitet und verarbeitet hatte. Und dass irgendwelche grün angezogenen Leute, die er nicht kannte und nicht kennenlernen wollte, in ihren einsamen Zimmern davon etwas zu essen hatten. Vielleicht würde auch sie davon essen?
Aber wirklich: Was war denn sein Anteil in der Produktionskette? War er nicht fehl am Platz, er insbesondere? Wofür brauchte man überhaupt jemanden wie ihn, einen Menschen, zwischen all den Generatoren und Fließbändern und Roboterarmen in dieser praktisch eigenständig atmenden Maschinerie? Hier waren er und die Handvoll andere Arbeiter mit ihren Fleischkörpern nichts als Fremdkörper, eine Fehlerquelle, eine verlorene Schraube zwischen den Zahnrädern, die er fortwährend rattern und klackern hören konnte. Vielleicht ging dieses Knarzkonzert nicht von den Maschinen selbst aus, sondern von Johnny, der darin furchtbar fehl am Platz war?
Wenn er gehen würde, würde also dieses Klackern aufhören? Es würde wohl in seinem Kopf nachhallen wie immer nach Schichtende, aber irgendwann würde er es nicht mehr hören. Niemand wäre dann am Fließband, um es zu hören oder zu verursachen. Vielleicht existierte so etwas wie das Klackern der Zahnräder auch nur dann, wenn es wahrgenommen wurde, und vielleicht verhielt es sich mit Johnny ganz ähnlich; wenn er irgendwann nicht mehr wahrgenommen würde, wenn er aufhören würde, sich selbst wahrzunehmen, weil zum Beispiel das statische Rauschen in seinem Kopf zu laut geworden war, oder weil er sich in der Fließbandarbeit verlor - vielleicht würde auch er dann einfach zu existieren aufhören…
Da wusch das statische Rauschen über ihn hinweg und begrub jeden Funken Verständlichkeit. Das Rauschen selbst wurde durchschnitten von einer Stimme: Marsch, Jonnäh, marsch!, hörte er im Kopf den Großmajor. Er erschrak, riss sich zusammen, stand stramm am Fließband. Ertappt war er, verwarf den Gedankengang und hatte ihn bereits vergessen, hörte überhaupt schnell zu denken auf und arbeitete stumpfsinnig weiter.
Ein anderer Moment.
Johnny stand im Park, umgeben von verdorrten und verkrüppelten Gewächsen. Das waren einmal prächtig sprießende Blumen und Büsche und Bäume gewesen. Aber trotzdem war der Park weiterhin grün, denn da war ja das Gras, das sich als einzige Entität weiterhin gut um sich selbst kümmern konnte. Es allein unter den Pflanzen wuchs und gedieh, schien der einzige Profiteur der Situation zu sein. Die einstige Biodiversität war verschluckt und vernichtet worden und ersetzt durch diesen einfarbigen, grün strahlenden Teppich.
Doch Johnny war nicht hier, um den Park zu betrachten, sondern etwas Größeres. Etwas jenseits. Sein Blick traf die Wolkendecke irgendwo da, wo keine Häuserdächer mehr waren. Johnny wartete auf die Sonne.
Eine ältere Dame mit zerknittertem Filzhut auf dem Kopf stieß Johnny von der Seite an und erschreckte ihn zu Tode.
„Haben Sie den Turm gesehen?”
Er starrte die Frau entgeistert an. Woher kam sie? Der Park war normalerweise leer. Wenn Menschen Grün sehen wollten, konnten sie dafür zuhause bleiben. Oder die Augen schließen. Aber hier war nun doch jemand, und sie hatte ihn allen Ernstes gerade angesprochen? So etwas gab es noch? Einfach so?
„Was für einen Turm?”, fragte Johnny, sichtlich um Fassung kämpfend.
„Nummer 32.” Die Frau hatte eine unmöglich zur rechten Seite verbogene Nase, ihre Ohrläppchen hingen herab, als hätte man sie langgezogen.
„Der wird gerade noch gebaut. Soweit ich weiß.“ Eigentlich wollte er nicht preisgeben, was er wusste, aber schon war es zu spät. Sie hatte ihn einfach zu sehr aus dem Konzept gebracht. Einfach so angesprochen. Eine Erschütterung war das!
Die Frau ließ nicht locker. „Mein Enkel Altop sagt aber, sie haben den Turm fertiggebaut vergangenen Monat.”
„Bis Etage 100?”
„Bis Etage 100.” Sie nickte resolut, ihre Ohrläppchen wackelten dabei. Warum nur waren alle Menschen so hässlich?
„Davon weiß ich nichts”, erwiderte Johnny in der Hoffnung, das Gespräch sei damit zu Ende. In der Tat wusste er nicht einmal genau, was es mit den Türmen überhaupt auf sich hatte. Irgendjemand hatte wohl entschieden, sie zu bauen. Eine architektonische Meisterleistung sollten sie sein, hatte er einmal vom Magazin gehört, und sie sollten den unbezwingbaren menschlichen Willen verkörpern. Die Türme wurden aber offenkundig nicht in die Luft gebaut: Sie führten, ihrem Namen zum Trotz, 100 Etagen senkrecht in den Boden. Johnny erschien das eher wie ein architektonisch umgesetztes Kopf-in-den-Sand-stecken. Er konnte es denjenigen, die tatsächlich dort einzogen, aber nicht verübeln. Die hatten ja nicht so wie er einen letzten Anker, eine letzte, vielleicht sinnstiftende Hoffnung…
Die Frau hakte sich ihm plötzlich unter und versuchte ihn dazu zu bewegen, ihr den Weg zu weisen. Sie fasste ihn an! Das war das Explosivste! Was tat sie? Er konnte ihr doch gar nicht helfen, sie kannten sich nicht einmal, und doch fasste sie ihn einfach so an!
„Davon weiß ich nichts!“, wiederholte er nun etwas lauter, in der Ahnung, die Frau habe ihn beim ersten Mal nicht richtig gehört. Starrte sie ihm etwa in die Augen? Ging die Alte wirklich so weit? Kannte sie denn keine Manieren, keine Normen? Hatte sie denn die Bomben einfach verpasst? Hatten die Bomben sie etwa verschont!? Als sie sich nicht regte, stieß er sie grob von sich. Sie beschwerte sich nicht einmal, sondern ging murmelnd davon. Er beobachtete, wie sie in langsamem Zick-Zack die Anlage überquerte, bis sie schließlich vor einer unmöglich zu übersehenden Metallplatte stand, die aus dem Boden ragte und den grünen Schriftzug ‚32‘ trug. Wie hatte Johnny das Ding übersehen können? Wie unaufmerksam war er? Plötzlich fühlte er sich unendlich müde.
Die Alte drückte auf der Platte ein paar Knöpfe. Unmittelbar vor ihr schoss aus dem Boden eine Kapsel, die gerade genug Raum für eine Person bot. Sie taperte hinein, und kaum, dass sie darinstand, schoss diese Röhre, dieser Aufzug, wieder hinab und ließ nichts mehr von sich blicken.
Die Türme gab es also wirklich. Das Magazin hatte die Wahrheit gesagt.
Am Arm, wo die Frau ihn ungeniert berührt hatte, brannte das Gefühl von Druck nach, es brannte lichterloh. An seiner Handfläche widerrum hatte er sie angefasst. Entgeistert starrte er darauf, als müsste sie wegen der Berührung jeden Moment zerschmelzen und auf den Boden tropfen. Johnny wusste nicht, wann er das letzte Mal Körperkontakt mit jemandem gehabt hatte.
Aber die Hand und der Arm blieben heil, als wäre nichts geschehen.
Er drehte er sich wieder um. Man musste vergessen. Das Vergessen geschah von ganz allein. Er nahm wieder die Position ein, aus der er von der Frau gestört worden war. Er richtete die Augen auf den Horizont über den smaragdgrünen Häuserdächern. Der Blick ging Richtung Osten. Er wartete noch immer auf etwas. Deshalb war er ja überhaupt in den Park gegangen, nicht für alte Frauen und unterirdische Türme.
Sondern für die Sonne.
Denn vor einigen Momenten hatte er sich von dem Magazin eine beunruhigende und zugleich aufregende Geschichte erzählen lassen: Die Sonne würde manchmal, so unglaublich es auch klingen mochte, rot aussehen. Nicht grün, sondern rot.
Das Magazin, er sah es vor sich, hatte sich da auf Zehenspitzen gestellt, obwohl es ja schon auf dem üblichen Holzklotz stand. Die Brust hatte es herausgestreckt, und da war Johnny aufgefallen, dass es nicht besonders alt sein konnte.
„Hört gut zu!“, rief es. „Ich habe zu berichten: Die Sonne, dieses heiße Ding da oben, um das unsere kleine grüne Welt sich im All dreht: Diese Sonne ist grün, das wissen wir alle, das weiß jedes Kind. Oder aber? Wenn das Wetter günstig steht, sage ich euch, dann kann man die Augen aufmachen und sehen: Die Sonne ist nicht grün, sondern rot! Natürlich erscheint sie nur rot, denn ihre natürliche Farbe ist grün. Eine tolle optische Täuschung ist das!“
Darauf erregtes Gemurmel aus dem spärlichen Publikum.
Und in diesem Moment nun sollte das Wetter günstig sein, wurde erzählt. Johnny würde hinschauen, wenn die Sonne die Häuserdächer der Stadt umkränzen würde, und er würde Rot sehen, Rot in kosmischen Ausmaßen! Bei dem Gedanken wurde ihm schwindelig, sodass er sich an einen Ast neben ihm zu stützen suchte. Der Ast zerbröselte sofort unter der leichtesten Berührung und war nicht mehr.
Sicher, das Magazin hatte ihm so manches kundgetan. Die Geschichten von den Giganten der Welt waren plausibel, aber anderes widerrum nicht wirklich. So etwa, dass manch ein Philosoph sich für einen Propheten hielte und über das wahrhaftige Ende der Welt spräche. Dieses Mal aber wirklich!, so war dem Magazin zufolge der exakte Wortlaut, und das fand Johnny, ohne recht sagen zu können, woran es läge, überhaupt nicht lustig.
Dabei kam ihm durch den dichten Nebel und das ewige Rauschen eine vage Erinnerung an eine Fernsehdiskussion.
Eine Diskussion? Im Fernsehen? Wo war denn da der Großmajor? Hatte er etwa nicht daran teilgehabt? Was war ein Fernseher ohne Großmajor? Aber doch, er war sich gerade sicher. Da gab es einen Propheten, der hatte gesagt:
„Es fällt ein Beil, es zieht der Strick - das ist des Henkers Missgeschick.“
Und da war ein Henker, der hatte gesagt:
„Badabing, badabum, ich mach' es schnell, dann fällst du um.“
Eine Diskussion im Fernsehen, ob der Prophet oder aber der Henker recht hatte. Die beiden saßen nebeneinander, eng gedrängt auf einem großen Sofa. Wer hatte denn Recht? Badabing, badabum? Was waren ihre Argumente? Und warum hatte kein einziger Anrufer angerufen, um seine Meinung mitzuteilen, auch Johnny nicht? Hatte denn da schon niemand mehr eine Meinung gehabt? Musste man sich nicht eine Meinung machen, sich nicht zwangsläufig auf eine von zwei Seiten stellen? War nicht schon bereits alles vorbei? Alles tot? Alles grün eingekleistert? Alles ultimativ sinnlos?
Als diese Erinnerung hochkam, wollte Johnny einfach nur schreien. Schon spürte er, wie sich in ihm der Druck aufbaute, schon machte er sich lang, jetzt schon öffnete sich sein Mund - aber es kam nichts aus ihm heraus. Manche andere hatten mehr Kraft als er, sie schrien manchmal. Er hörte sie dann durch die dünnen Wände und grünen Scheiben, der Schrei war meist nur kurz, aber treffsicher auf irgendeiner unbenannten Note angesiedelt; dann, ganz abrupt, wie er auch begonnen hatte, verstummte er wieder und es war, als wäre nie etwas gewesen. Bei manchen musste das seit jenem Moment einfach immer wieder sein, wie wenn ein Ventil scheußlich unter Druck steht und dann zwangsläufig Peng machen muss. Nicht aber jetzt. Nicht bei Johnny. Er spürte den Druck, aber er war nicht hoch genug, es kam einfach schon seit jenem Moment kein Schrei heraus aus seiner Kehle.
Aus seinem Gedankengang wurde er gerissen, als sich etwas tat. Das Licht änderte sich, wurde heller. Die ersten Streifen kratzten über die Häuserdächer hinweg.
Die Sonne war grün.
Johnnys Kopf kippte herunter. Wie hatte er nur so naiv sein können! Rot. Was sollte das überhaupt bedeuten? Er wusste gar nicht mehr so genau, wie das aussehen sollte. Die Sonne war doch schon immer grün gewesen, oder? Albern. Absurd! Er hatte sich einen Augenblick nicht unter Kontrolle gehabt, hatte sich hinreißen lassen zu kindischen Tagträumereien, und alles, was er davon nun hatte, war Enttäuschung über die Welt und sich selbst. Die Sonne war rund und grün.
Warum hatte das Magazin das dann aber behauptet? Warum sollte es Falschinformationen oder geradeheraus Lügen verbreiten? An anderer Stelle sagte es doch auch Sinnvolles, wie etwa über die ausgestorbenen Elefanten. Wann hatte Johnny zuletzt einen Elefanten gesehen? Er wusste es nicht. Es erschien also plausibel: Sie mussten wirklich ausgestorben sein. Da hatte das Magazin recht gehabt. Woher wusste es also dieses und jenes? Wie konnte jemand bei all dem eine Ahnung von irgendetwas haben? Was war die Agenda? Warum all das mit anderen Menschen teilen? Das war verdächtig, das war suspekt, das war beunruhigend und bösartig. Johnny wartete nicht darauf, dass die grüne Sonne gänzlich aufgegangen war, sondern machte sich strammen Schrittes auf den Weg nach Hause, wo gewiss das Magazin noch immer an der Straßenecke vor der Reiterstatue stehen würde. Er war wütend.
Er würde dem Magazin ein wenig auf den Zahn fühlen.
Johnny (Schnällar Jonnäh, schnällar!) marschierte zum Takt des grünen Großmajors mit den rasiermesserscharfen Zähnen. Draußen war es windig. Johnny glaubte, es müsste aktuell Herbst sein, aber der Herbst ließ sich nur kaum vor den schmalen Fensterreihen blicken, die die Fassade durchzogen wie das Gekrakel eines Kindes. Und was waren schon Jahreszei- was waren das für Einheiten, die versuchten, Momente zu gruppieren? Die brauchte man nicht mehr, die waren obsolet geworden.
„Johnny, stillgestanden!”, grölte es aus dem Fernsehkasten.
Johnny blieb stehen, die Arme eng an den Leib gepresst, Schweißperlen auf der Stirn. Draußen taumelte ein einsames Blatt dramatisch hinab in seinen Tod und war für wenige Augenblicke durch das dicke Uranglas als verschmierter Fleck zu sehen. Johnny beobachtete dieses Schauspiel aus den Augenwinkeln und wurde davon vollkommen absorbiert. Das Blatt musste steinalt sein, viele, viele Momente alt! Es konnte schließlich nicht frisch von einem Baum gefallen sein, denn die Bäume gaben ja auf und hatten schon lange keine neuen Blätter mehr getragen. Dieses einsame Blatt, das da draußen hinabsegelte, musste sich auf dem Dach eines Hauses, in einer kleinen Nische versteckt haben. Erst jetzt, so sah es Johnny vor seinem inneren Auge, hatte der Wind es zufällig erwischt, fortgerissen und dem Rest der unnatürlich grünen Welt preisgegeben.
„Johnny! Marsch, marsch!” Es ging wieder los. „Auferstanden aus Ruinen! Har-har!“, grölte der Großmajor. Das kam Johnny bekannt vor, das Lied. Das musste er einmal gekannt haben. Jenseits des Nebels vielleicht.
Johnny marschierte. Und in seinem Kopf bildete sich ein Origami aus Sinneseindrücken, deren Herkunft er nicht recht einordnen konnte, aber er wusste zumindest, dass es die Eindrücke von jemandem waren. Er dachte wieder an die alte Dame im Park und ihren Enkel, der ihr gesagt hatte, sie solle zu diesem neuen Turm kommen. Dass diese Türme schon fertig waren! Er dachte an den Herrn Nachbarn, der sich hingelegt hatte und nicht mehr aufstand, und auch an die Elefanten und die Wale und die Bäume. Dass die Giganten der Welt aufgaben, ausstarben! Sie tanzten in seinem Kopf einen Reigen zur Musik des ewigen Fritzel-Fratzels. Das war ein Anblick! Darunter war natürlich auch sie, jene Frau von damals, deren Gesicht er sich nicht vorstellen konnte und das er dennoch, da war er sich sicher, sofort erkennen würde, stünde er ihr gegenüber. Wenn er ihr nur einmal noch gegenüberstünde! Realistisch betrachtet war es schier unmöglich, dass sie sich je wieder sahen. Aber vielleicht doch...? Er wusste nicht einmal, was er sich davon erhoffte. Aber etwas erhoffte er sich! Allein dieser Fakt trug bereits eine Signifikanz in sich, wie sie seit den Bomben, die keine waren, eigentlich nicht mehr existieren dürfte.
Aber alle schönen Dinge mussten einmal enden. So kam in diesem absurden Spiel ein anderes Gesicht an, ein grässliches grünes Gesicht, das ihm nur allzu bekannt war. Es lachte einmal laut auf, was Johnny aber nicht allzu lustig fand. Sehr unlustig sogar. Ihm war eigentlich nach Schreien. Wenn nur der Druck dazu einmal ausreichen würde…
„Johnny, marsch! Marsch schneller! Konzentrieren, Junge! Har-har, immer schön im Takt!”
Und in den Reigen stieg, als das Stück bereits zu Ende war, zum Schluss das Magazin ein mit seinem kaputten Gesicht.
Denn Johnny hatte dem Magazin gehörig auf die Schnauze gegeben.
Er hörte es durch die Wand im Abstellraum leise weinen. Es hatte alles andere nichts genützt. Das Magazin heulte. Hoffentlich hörte der Großmajor, dieser respektable und monströse Mann, diese Notwendigkeit und Naturgewalt, das Heulen nicht. Das wäre schlecht, ausgesprochen schlecht.
Johnny seufzte. Er wollte sich auch gerne einmal so richtig gehen lassen wie dieses Magazin im Nebenraum und die Kehle taubschreien. Die Energie und die Wut und die ganz reale Verzweiflung, die ein Menschenwesen dafür brauchte, die hatte er definitiv in sich, er spürte es in sich brodeln. Nicht nur im Bauch, sondern überall, auch unter seiner Haut, an den Armen und Beinen und überall sonst, sodass er fast versucht war, sie sich aufzuschneiden und nachzusehen, was denn darunterläge, was denn so ein Unbehagen verursachen konnte. Aber er kannte das große Risiko, festzustellen, dass darunter überhaupt nichts läge.
Als Johnny den Abstellraum betrat, hatte sich das Magazin gerade in die Ecke erbrochen.
„Was willst du denn?", heulte das Magazin, als es Johnnys Silhouette im Türrahmen sah. „Ich habe dir doch schon alles gesagt. ALLES gesagt!"
„Nein", sagte Johnny und schloss die Tür hinter sich. Es war dunkel im Raum. Ohne zu sehen, drückte er auf einen Schalter an der Wand, und eine nackte Glühbirne, die am Kabel von der Decke hing, tränkte den Raum mit sanftem, fast zu schwachem Licht. So wie alles war auch das Licht grün.
Johnny brauchte Antworten. Wut hatte ihn bereits gepackt und war der Grund, dass er das Magazin am Kragen gepackt, die Treppe hinaufgeschleift hatte. Auch, dass dem Magazin nun die Augen blau und etwas angeschwollen waren, außerdem ein Finger ungesund verdreht, die ganze Charakterstärke dieser erbärmlichen Gestalt aus dem Leib gewichen. Das war Johnnys Werk. Er war nicht stolz darauf, fühlte sich erinnert an die Inquisition. Was war die Inquisition? Woher kam dieses Wort in seinem Kopf? Er wusste es nicht. Es war alles egal und sinnlos. Jetzt noch einmal.
„Was weißt du?", wollte er wissen.
„Ich weiß überhaupt nichts!"
„Woher weißt du das?", hakte Johnny nach.
„Weil man es mir sagt! Alles, was ich sage, sage ich, weil es jemand anderes weiß. Ehrlich, Mister! Mister! Bitte!"
Johnny hockte sich unmittelbar vor diese Gestalt, sodass er einen unheimlichen Schatten auf den Kauernden warf. „Aber woher weißt du das?"
„Ich mache doch nur meinen Job! Mein Vater hat mir gesagt: Junge, du wirst Zeitungsjunge, und seitdem bin ich das! Das war vor jenem Moment, glaube ich. Papier ist teuer, die Bäume sterben ja. Jetzt nennt man es eben Magazin!" Es rückte noch etwas weiter in die Ecke des Zimmers, wo seine grüne Schiebermütze lag. „Wissen Sie nicht? Wörter und ihre Bedeutung sind doch willkürlich, sagt man, und man sagt, dass es keinen Sinn hat, aber irgendetwas muss man doch tun! Irgendetwas muss man doch tun! Und ich, ich arbeite bloß!“
Johnny dachte darüber nach. Wenigstens versuchte er es. Es gelang nicht. Statisches Rauschen!
„Woher weißt du das dann?", wiederholte er sich.
Das Magazin schaute verwirrt. „Was meinen Sie, Mister, ich verstehe nicht! Bitte!"
„Na, das eben."
„Das?"
„Das! Sag es mir! Wieso ist alles so, wie es ist!?”
„Es ist halt so! Es ist halt so!”
Johnny stand wieder auf und warf dem Magazin einen verächtlichen Blick zu. Johnny wusste auch nicht recht, warum. Moment mal. Er wurde sich in diesem Moment bewusst, dass er auch nicht wusste, warum. Warum? Warum? Was tat er hier eigentlich? Prügelte er gerade einen Menschen, ein Magazin, wegen der Farbe der Sonne, die doch aus der Reichweite eines Sterblichen lag? Aus dem Prinzip der Sache heraus? Was war denn das Prinzip? Was war hier seine Mission? Und warum störte er sich so sehr an Dingen, von denen er doch wusste, dass sie bedeutungslos waren? Was sollte dabei herauskommen, trotzdem nachzuhaken? Wie absurd!
Er taumelte zurück, plötzlich von seinen Taten erschreckt und verwirrt. Einen Moment musste er sich an der feuchten Wand stützen. Ihm war schwindelig. Marsch, Johnny! Nicht jetzt! Er berappelte sich etwas und wich zurück zur Tür der Abstellkammer, ohne das Magazin aus den Augen zu lassen. Er stieß mit dem Rücken gegen die Klinke, wirbelte schnell herum, drückte sie herunter, stieß die Tür auf und machte sie hinter sich wieder zu. Das grüne Licht in der Kammer ließ er an.
Johnny hielt es in der eigenen Wohnung nicht mehr aus. Er machte wie immer einen großen Schritt über den Herrn Nachbar im Hausflur, stolperte die Treppe herab, hinaus auf die Straße und dann immer weiter geradeaus. Die Straße war leer, Johnnys Kopf war es auch, abgesehen vom ewigen Rauschen. Er knibbelte an seinen Fingernägeln, kratzte sich am Kopf. Kurz blieb er stehen, um sich in einer grünlichen Pfütze zu betrachten, die sich zwischen den Pflastersteinen gebildet hatte. War das nicht etwas, was man in Krisenmomenten tun sollte? Sich selbst betrachten und ruhig werden? Er schaute in die Pfütze, aber er konnte nichts Richtiges erkennen. Da war ein Schemen in Form von Johnnys Kopf, aber ein leichter Wind blies die Straße entlang und bewegte das Wasser und verwischte das Spiegelbild, sodass es gar kein Spiegelbild war. Johnnys Form verlor sich. Anstatt ruhiger zu werden trieb Johnny die mangelnde Fähigkeit, wenigstens sich selber klar zu sehen, noch viel stärker in den Wahn und in die Panik. Johnny hatte überhaupt keine Form mehr, hatte sich schon aufgelöst? Johnny war nervös. Warum denn auch nicht? Aber war nicht alles egal und sinnlos? Nach dieser Logik dürfte er so starke Emotionen wie Wut, Angst und Verzweiflung gar nicht empfinden. Oder Einsamkeit und Hoffnung. Und doch tat er es.
Um eine Kurve gebogen kam ein hochgewachsener Mann, der hinter sich einen Essenskarren über den Asphalt zog.
„Konserven. Frische Konserven." Nicht auch das noch. Johnny taumelte weiter, der Mann mit dem Karren folgte ihm.
„Heda, Mann, frische Konserven.” Etwas stabilisiert ging Johnny immer weiter, bloß um wegzukommen von dem Kerl. Denn das Unternehmen kannte er. Er arbeitete dort. Die Dosen, eben exakt diese Dosen auf dem Karren, waren möglicherweise von ihm selbst verpackt oder bearbeitet worden - oder was auch immer es war, das er in der Fabrik mit seinen Händen anstellte.
„Dann nicht, Mann”, stieß der hochgewachsene Kerl zwischen den Zähnen hervor, als man ihn weiter ignorierte, und holperte an Johnny vorbei die Straße entlang. Das Holpern der Metallräder auf dem unebenen Asphalt brannte sich in Johnnys Kopf ein und verfolgte ihn, sodass er sich irgendwann umdrehte, aber der Karren und der Kerl waren schon längst verschwunden, nur das Holpern und Poltern waren geblieben. Es vermischte sich in seinem Kopf mit dem Bild, wie Johnny höchstselbst das Magazin verprügelte, und jeder Schlag und jede Schelle reihte sich synchron ein mit dem Holpern der Metallräder auf dem unebenen Asphalt.
Nun kamen ihm hier und dort einzelne Menschen entgegen, freilich niemand, den er kannte oder der ihn kannte - dann wiederum war das schwer zu sagen, weil Johnny niemandem ins Gesicht schaute, in die Augen sowieso schon gar nicht, das war ein ungeschriebenes Gesetz. Unabhängig davon: Wen kannte Johnny überhaupt? Und wer kannte Johnny? Niemanden und niemand! Er schaute auf den Boden vor sich und auf die durchgelaufenen Stiefel an seinen Füßen, von denen gleichmäßig die eine Seite vorschoss, dann die andere, dann wieder die erste und immer so weiter, während sein Körper sich durch die Straßen der Stadt manövrierte.
Dann blieb er abrupt stehen.
Vor ihm waren mehr Menschen.
Nicht ein Mensch und nicht zwei, sondern einige. Viele. Eine oder zwei Hände voll Menschen, eine Ansammlung von Menschen, und alle waren dicht beieinander, auf einen Haufen gedrängt. Sie waren keine zufällig nebeneinanderstehenden Individuen wie die Zuhörer des Magazins, sondern sie waren da vorne miteinander. Sie befanden sich mitten auf der Straße.
Und sie tanzten.
Das waren Menschen, in diesem Moment, und sie tanzten. Wahnsinn war das. Völliger Wahnsinn.
Johnny schaute dem absurden Schauspiel aus sicherer Entfernung zu. Das war kein Paartanz, sondern ein völlig enthemmtes, regelloses Herumtanzen. Jeder einzelne Mensch da vorne hatte seinen eigenen Rhythmus im Kopf, die zusammen ein grausam chaotisches Bild ergaben, aber Rhythmus war in jedem Einzelnen zu erkennen. Musik spielte keine. Die da vorne tanzten allen Ernstes so wild und hatten nicht einmal Musik dazu.
Unter ihnen stach eine Frau besonders hervor, die hatte langes, feuerrotes Haar zu einem Zopf gebunden und riss ihren Kopf herum, sodass der Zopf im Gleichtakt zu ihrem Rhythmus herumflog. Die Frau drehte tanzend Kreise um die anderen Tänzer, umrundete sie, rundete sie ein. Sie stampfte immer wieder mit aller Härte auf - da bemerkte Johnny erst, dass sie barfuß war - und verzog dabei ihr Gesicht zu einer wilden Fratze. Ein scheußliches Gesicht! Schließlich riss sie das Gummiband von ihrem Zopf und befreite das Haar, ohne den Tanz zu unterbrechen. Die rote Mähne, die sich dabei entfaltete, ließ Johnny endlich erkennen: Das war eigentlich ein Raubtier vor ihm, eine Wölfin im Menschenkörper.
Ein Schauder lief ihm über den Rücken. Jetzt glaubte er, auch in den anderen Gesichtern Tiere erkennen zu können, wenn auch weniger wilde. Hier ein Schwein, dort ein Pferd, und an wieder anderer Stelle ein junger Mann in Johnnys Alter, der war konnte nichts anderes als ein Lemming sein! Es drängte sich die Frage auf, ob diese Tänzer allesamt bei Verstand sein konnten. Konnte es sein, dass es Menschen - Tiermenschen - gab, die völlig bei Verstand waren, sich ihrer selbst bewusst waren, die jenen Moment miterlebt hatten, und dann so etwas taten?
„Ich glaube sogar, das sind die Vernünftigsten von uns allen.”
Johnny wirbelte herum zu einem älteren Herrn im hellgrünen Anzug, der plötzlich neben ihm stand. Anscheinend hatte Johnny seinen letzten Gedanken laut ausgesprochen.
„Ich meine die Tänzer da vorne”, ergänzte der Kerl auf Johnnys verstörten Blick hin. Der Kerl anstatt von Haaren ein unförmiges Muttermal mitten auf dem Kopf.
„Achso. Hm. Nein. Ich weiß nicht”, antwortete Johnny schließlich.
„Ich weiß auch nicht. Deswegen sage ich ja, ich glaube.”
Johnny warf seinen Blick wieder in die Menge einige Meter vor ihm und schwieg.
Eine Weile standen die beiden so nebeneinander. Johnny überlegte, was er sagen könnte, um den anderen loszuwerden. Das gab es doch gar nicht mehr, dass da einer einen einfach so ansprach ohne Anlass. Und schon wieder! Wie der Dosenverkäufer! Wie die Dame im Park! Immer waren es die Älteren, die nicht verstehen wollten, was mit der Welt geschehen war.
„He, was ist denn mit der Hand passiert?”, fragte da der Anzugträger plötzlich.
Johnny hob seine Rechte und stellte fest, dass die Knöchel übel blutig und etwas angeschwollen waren. Das kam davon, dass er das Magazin verprügelt hatte.
„Ist egal”, sagte Johnny schnell und hoffte, der andere würde ihn jetzt endlich in Frieden und in Ruhe lassen..
Der andere erklärte mit einem Mal: „Ich glaube, ich geselle mich zu denen.“ Johnny wirbelte herum, und ehe er fragen konnte, warum zum Teufel das jemand jemals unter jeglichen Umständen tun sollte, setzte sich der ältere Herr in seinem grünen Anzug bereits in Bewegung. Johnny folgte ihm mit seinen Augen die paar zögerlichen Schritte bis zu den Tänzern. Ohne erkennbare Absprache bildete sich wie von selbst ein Korridor zwischen ihnen, durch den der Mann in ihre Mitte ging. Er stand da einen Moment ratlos, dann wackelte er probeweise mit den Armen, dann stampfte er einmal zögerlich auf und schaute sich nervös um. Keiner der Tänzer verurteilte ihn. Keiner schien ihn überhaupt zu beachten. Nur Johnny aus seiner sicheren Entfernung merkte genau, was der Mann tat. Aber Johnny war kein Tänzer, er war nur irgendjemand. Und deshalb zählte seine Meinung in dieser Angelegenheit nicht.
Ein Wandel durchlief den Körper des Anzugträgers. Er riss den Kopf zurück und klopfte sich auf die Schenkel. Die Hemmschwelle bröckelte dahin. Dann riss er einen Arm in die Luft, ließ den anderen vor und zurückschwenken und sprang viermal in die Luft. Die Schneise schloss sich hinter ihm. Er war bereits einer von ihnen.
Johnny riss sich von dem Anblick los und wich entsetzt zurück. Ob das ansteckend war, das Tanzen? Er bog schnell in eine Seitengasse ab, in der ihn die gewohnte Menschenleere begrüßte und kalt umfing. So sollte das sein. So war das normal. Wussten denn diese Leute nicht, was Sache war? Spürten sie nicht dieses - dieses - dieses Argh und Brang und Krark in ihrem Kopf? Dieses Rauschen? Diese spitzkantigen Krater? Die Bedeutungslosigkeit? Wie konnte man angesichts dessen tanzen? Wahnsinn, versicherte er sich noch einmal, völliger Wahnsinn. Unheimlicher, absurder Wahnsinn. Und damit war die Sache für ihn geklärt.
Als Johnny am anderen Ende der Gasse wieder auf die offene Straße hinaustrat, wusste er, dass er nach Hause gehen musste. Das Magazin gammelte da noch in der Ecke und es war notwendig, es freizulassen, es nützte ja nichts, es nützte ja alles nichts, es nützte niemals jemals irgendetwas. Das Magazin hatte er verprügelt, und daran ließ sich nichts ändern. Wie blutig seine eigene Faust war! In Johnnys Kopf bäumte sich unterdessen das statische Fratzeln auf, es wurde noch stärker als sonst, es herrschte starker Seegang. Johnny konnte nicht schwimmen, merkte er da! Konnte nicht die Luft anhalten! Wie das weh tat! Wie ihn das in den Wahnsinn trieb!
Selbst schuld war doch das Magazin, das Magazin war schuld. Warum erzählte es auch so grausige Dinge über die Welt? Wenn es solche Dinge wusste, die sonst niemand wusste, dann war es ja vielleicht selbst dafür verantwortlich, dass die Welt so war, wie sie war. Woher wusste es sonst all das? Vielleicht hatte dieses ekelige, ekelige Magazin in jenem Moment höchstpersönlich die Bomben, diese metaphorischen Bomben gezündet und den Sinn ins Jenseits befördert! Warum? Warum? Warum? WARUM WARUM WARUM WARUM?
Johnnys Kopf machte Pirouetten. Dieses Magazin! Es nützte nichts! Gar nichts! Grün, alles grün! GRÜN! Marsch, Jonnäh, marsch! Ganz recht so, Herr Großmajor, dann marschiere ich eben! Und Johnny marschierte heimwärts. Was denn auch, wenn er es nicht täte? Was täte er denn dann? Wer wäre er, wenn er es nicht täte? Ein Nicht-Täter, und alles war grün, und aus seinen Ohren wuchs das Gestrüpp - warum aber war alles grün, nur die Bäume nicht? Nur die Bäume waren grau und tot, was wussten die Bäume, was er nicht wusste? Was wussten die Tänzer, diese wahnsinnigen Tänzer, Tänzer, Tänzer, was er nicht wusste? Wussten die etwas? Warum machten die das? Weil sie wahnsinnig waren, wahnsinnig, er aber war -
Ohne dass Johnny stehen blieb, hielt er inne. Er hielt in seinem Kopf inne. Das statische Fratzeln ebbte ab. Er sah wieder klar. Auf der anderen Straßenseite war eine Bar. Vor der Bar stand eine Person, eine Frau. Gerade noch war ihr Kopf vom Qualm ihrer Zigarette verdeckt. Der Qualm löste sich auf und machte Johnnys Blick frei. Diese Frau da drüben war bleich. Sie hatte dunkles Haar. Sie rauchte. Sie kam Johnny bekannt vor. Er kannte sie. Sein Atem stockte, sein Schritt blieb gleich.
Es war sie.
Sie war es.
Ohne Zweifel.
Sie stand da, auf der anderen Straßenseite, unsicher an die Fensterfront aus schrillem Uranglas gelehnt und rauchte. Johnny lief weiter. Er konnte nicht einmal langsamer werden. Er musste seinen Kopf immer mehr drehen, um sie nicht aus den Augen zu verlieren.
Jetzt! Da! Die Frau hob ihren Kopf. Ihre Augen blitzten. Und dann - Flash! Bam! Alakazam! - trafen sich ihre Blicke.
Das waren die Augen. Genau diese Augen.
Johnny tat alles weh. Johnny begann zu schwitzen. Er marschierte weiter. Sie schaute weiter zu ihm herüber. Erkannte sie ihn denn? Hatte er für sie eine ähnliche Bedeutung wie sie für ihn? Johnnys Beine marschierten weiter. Dass er nicht stehenbleiben konnte!
Sie trat, ohne ihren Blick von Johnny abzuwenden, ihre Zigarette auf dem Schotterstein aus, wandte sich dann ab und verschwand langsam in der Tür. Johnny lief weiter. Er ließ die Bar hinter sich. Marschierte heimwärts. Aber seine Schritte hatten sich bereits verändert, sie federten wunderbar, die Knie fühlten sich leicht an! Nun wusste er eine Sache, die diesem kleinen, unwahrscheinlichen und erbärmlichen Funken namens Hoffnung in seinem Körper eine neue, unbestreitbare Basis gab.
Aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotz hatte er sie gesehen.
ZWEI
June
Der Prophet sagt: „Es fällt ein Beil, es zieht der Strick - das ist des Henkers Missgeschick."
Der Henker aber sagt: „Badabing, badabum, ich mach' es schnell, dann fällst du um."
Johnny marschierte. Der grüne Großmajor im Fernseher gab sich gewohnt streng, ein Hampelmann in altmodischer Militäraufmachung, eine Absurdität in Person, aber was war schon absurd, wenn alles absurd war?
„Oh Jonnäh Boy, the pipes, the pipes are calling!”, sang er mit einem unmenschlich dämonischen Glitzern in den Augen. Er war noch besser gelaunt, noch boshafter als sonst. Woran lag das? Spürte der Großmajor etwa, dass Johnny in sich eine explosive Ekstase spürte? Dass er am liebsten aufgehört hätte, auf der Stelle zu laufen - denn das war das Marschieren in doppelter Hinsicht, ein auf-der-Stelle-Laufen, ein bisweilen in den Wahnsinn treibendes nicht-vom-Fleck-Kommen -, dass Johnny all das am liebsten hätte sein lassen und wie ein Flummi herumgehüpft wäre? Konnte der andere jenseits des Bildschirms das sehen? Konnte er es spüren? Machte er sich nicht jetzt gerade lustig darüber? Einerlei, alles einerlei! Johnny musste dem grünen Großmajor weiter in sein grässliches Gesicht blicken, musste es aushalten, hämisch zugezwinkert zu werden, und natürlich: Marschieren. Es blieb ihm wenig anderes übrig.
Er hatte das Magazin geistesabwesend aus der Abstellkammer herausgelassen, wortlos die Tür aufgehalten, bis der unfreiwillige Gast sich getraut hatte, auf den Flur herauszutreten. Im Flur hatte der Geschlagene gezögert, und Johnny fand das erbärmlich. Hatte der denn nie einen so liegen gesehen wie den Nachbarn? Wusste das Magazin von diesem und jenem so viel, aber von Menschen, von Menschen nichts?
Mit dem Magazin war auch das Wimmern verschwunden; allein die Lache Erbrochenes mit roten Blutsprenklern blieb im Nebenzimmer zurück als Gedächtnisstütze. Von alleine ging nicht alles weg. Aber manches. Johnny ging zwar, aber ging nicht weg, weil er auf der Stelle marschierte. Er kam nicht weg! Was war der Zweck dahinter? Warum musste er das tun? Die Frage ließ ihn erschrecken, er straffte seine Gesichtsmuskeln. Hatte der Großmajor die Regung in Johnnys Gesicht bemerkt, hatte seinen blasphemischen Gedanken erraten?
„Weiter so, Jonnäh!”, schnitt dessen Stimme durch den grünen Pixelbrei. Scheinbar nicht. Gut. Sehr gut. Ein anderer, ungewöhnlich klarer Zug nahm in seinem Kopf Gestalt an, den Johnny präventiv gegen die Innenwand seines Schädels fahren ließ. Noch nicht, sagte er sich mantrahaft vor, noch nicht. Er durfte sich nichts anmerken lassen.
Erst als der Großmajor verstummt, der Fernseher aus und Johnny verschwitzt auf dem Sofa war, konnte er endlich den Gedanken greifen:
ER
HATTE
SIE
GESEHEN.
Das änderte alles. Alles? Ja, alles - auch wenn Johnny nicht genau darauf zeigen konnte, warum es so war.
Warum.
Als sich das Wort schon wieder so eindeutig in seinem Kopf formierte, zuckte Johnny zusammen, als hätte er einen Stromschlag bekommen. Er sprang vom Sofa auf und schaute sich um, aber da war niemand. Und das war schlecht, das störte ihn. Er hatte den Entschluss bereits gefasst: Er durfte nicht länger allein, nicht länger so schmerzhaft ein für sich stehendes Individuum sein. Nicht vorbeilaufen. Nicht den Mund halten.
Ihr in die Augen sehen. Aus nächster Nähe. Auf Gedeih und Verderben. Und er würde sehen, was sich darin verbarg, und vielleicht, nur vielleicht, würde ihn das retten. So eine Energie, so eine Zielstrebigkeit hatte Johnny noch nie gefühlt. Soweit er sich erinnern konnte. Es fühlte sich gut an.
Da vorne war die Bar. Er war aus dem Haus gegangen, um dort hinzugelangen. Johnny ging einfach davon aus, dass sie wieder dort sein würde. Denn zum ersten Mal seit jenem Moment hatte er ein reales Ziel, weit jenseits von einer blassen Hoffnung und Vorahnung, die mehr Trotz als Überzeugung war. Zur Bar! Sie sehen! Und alles Weitere würde sich ergeben.
Der Untergang der grünen Sonne war bereits fortgeschritten, und während Johnny sich anstrengte, zu laufen anstatt zu marschieren, sprangen über seinem Kopf die Laternen an und verstrahlten ihr grünes Licht. Es warf gespenstische Schatten auf ihn und den Boden und die Häuserfassaden und die ganze Welt. Es erschien Johnny, dass überall auf der gesamten Welt die Laternen grün waren und nicht nur hier. Und dass es nie jemals anders gewesen war. Aber es fühlte sich falsch an.
Zu seiner Linken die Bar. Hier hatte sie gestanden, da war noch die ausgetretene Zigarette auf dem Fußgängerweg zu finden. Der Moment der Wahrheit, klopfendes Herz.
Und dann lief er an der Bar vorbei. Seine verfluchten Beine liefen einfach an der Bar vorbei, was sich bereits wieder anfühlte wie ein Marschieren, verdammt nochmal! Johnny hatte geduscht, ehe er losgegangen war, und jetzt schwitzte er schon wieder. Alles lief nicht so, wie es sollte, inklusive Johnnys Beinen. Einfach auf der Stelle umdrehen erschien ihm aber wahrhaftiger Irrsinn. Er würde also einmal um diesen Häuserblock herumgehen und dann mit Schwung an die Tür der Bar herantreten und hineintreten und vor die Frau treten. Alles Weitere danach.
Die erste Seite geschafft. Es kostete ihn die größte Konzentration zu gehen und nicht zu marschieren (willst du nicht marschieren, Jonnäh? Nein?) - Nein, Herr Großmajor, möchte ich nicht, bitte sehr und danke schön!
Noch eine Seite. Bald würde er sie sehen. Und um ihn her keine Menschen, und unter ihm nur der unebene Asphalt, und über ihm das grüne Laternenlicht, das so…
Was war das? Vor ihm war eine Laterne, die sich nicht integriert hatte. Die nicht integriert worden war. Flackernd verströmte sie gelbes Licht. Gelbes Licht. Offensichtlich hatte man vergessen, die Glühbirne auszuwechseln. Bald würde wohl einer kommen und das Versäumnis korrigieren, und dann würde auch diese Laterne grün sein. Johnny aber würde dann wissen: Diese Laterne war einmal nicht grün gewesen. Das Grün war nicht schon immer da gewesen. Das war der Beweis, den er niemals vergessen durfte. Es war einmal anders gewesen. Es konnte wieder anders werden.
Johnny lief weiter und ließ das Flackern hinter sich, das Gelb verfolgte ihn noch bis zur letzten Straßenecke. Gelbes Licht! Er wurde immer aufgeregter. Noch einmal links, und da war wieder die Bar. Johnny zwang sich mit ernsthafter Körperanstrengung, auf der Stelle stehenzubleiben.
Da stand mittlerweile ein Mann vor der Tür und rauchte, die Zigarette steckte ihm zwischen geschwollenen Lippen. Er schaute Johnny scheel von der Seite an, Johnny schaute schnell weg. Er schwitzte mittlerweile etwa so, wie ein Schwein womöglich schwitzte, wenn es denn schwitzen würde. Schwitzten Schweine? Woher sollte man das wissen? Was war der Grund, wieso man sowas wissen sollte oder könnte oder … NEIN.
„NEIN”, rief Johnny laut aus, und der Raucher zog langsam eine Augenbraue sehr weit nach oben. Johnny hörte auf und atmete sehr schnell und dann etwas langsamer und dann fuhr er sich durch das strubbelige Haar und machte zwei Schritte voran und dann atmete er noch einmal, dreimal ein und aus und ein und aus und ein und aus und dann, ja dann, sagte er sich, müsste er sich doch einmal zusammenreißen und das tat er dann auch - und stieß die Tür auf. Er stieß die Tür auf und trat ein.
Es lief keine Musik. Das fiel Johnny sofort auf. Lief in Bars und Clubs und Kneipen und ähnlichen Orten nicht Musik? Prompt musste er an die scheußlichen Tänzer denken, die er gesehen hatte, die völlig ohne Musik so wild getanzt hatten, als hätten sie Musik, weil sie wohl in ihren Köpfen die Musik hatten. Er schüttelte den Kopf. Ein erbärmlicher Erinnerungsfetzen, die Ahnung einer Erinnerung, schwebte an Johnnys innerem Auge vorbei; er zeigte Umrisse und Gelächter und Lärm, so viel Lärm, wummernde Musik im Hintergrund und geschriene Gespräche - das war eine Erinnerung an eine Bar, in der Johnny einmal gewesen sein musste. Davor.
Das hatte mit der Szene vor ihm nichts zu tun. Zunächst einmal herrschte Totenstille. Es war alles anders, aber das musste ihn nicht überraschen, denn er wusste und kannte das ja, dass alles anders war als davor. Also: Das Mädchen, die Frau, wo war sie?
Ohne sich weiter umzuschauen, trat er an den Tresen in der Mitte des Etablissements heran und tat etwas, das er sehr ungerne tat: Er begann ein Gespräch.
„Entschuldigung.”
Ein von Pockennarben zerkratertes Gesicht schaute ihm hinter dem Tresen entgegen. „Hm?”, sagte es.
„Ich bin hier, um je-”
„He, wenn du mit mir redest, schau mir wenigstens in die Augen”, unterbrach ihn der Barkeeper.
Was war das? War das ein Mensch? In die Augen sehen? Wahnsinn war das! Absurd! Johnny versuchte es trotzdem, versuchte es wirklich, denn wenn es bedeutete, sie zu finden, war er sogar bereit, diese eine heilige goldene Regel zu brechen und einem anderen Menschen in die Augen zu blicken. Es gelang ihm nicht. Was auch immer unter den Augenbrauen des Mannes lauerte, er hatte Angst davor. Ein evolutionär bedingter Fluchtinstinkt setzte bei ihm ein. Er musste sich am Tresen festhalten, damit seine Beine nicht wieder eigenständig entscheiden und davonlaufen würden. Was wartete da unter diesen Augenbrauen? Was lauerte da? Er wollte es nicht sehen und freilich - er konnte es nicht. Stattdessen fixierte er seinen Blick auf eine dunkle Narbe unmittelbar über der rechten Augenbraue des Individuums. Das bezweckte den gleichen Effekt, das musste für das Mondgesicht so wirken, als sei Johnny seiner Forderung gefolgt. In der Tat kam ihm ein zufriedenes „Hmpfh” entgegen.
„Also. Ich bin hier, um jemanden zu treffen”, begann Johnny erneut.
„Lady Promille, hm?”, sagte der Mann und machte sich gleich daran, ein Getränk aus einem großen, grünlich schimmernden Hahn abzuzapfen.
„Lady Pr- hm? Nein, ich glaube nicht”, sagte Johnny.
Das Mondgesicht hörte auf. „Hm? Bist du kein Trinker? Was willst du dann hier, Junge?” Das ‚Junge’ hörte sich beinahe wie ein ‚Jungäh’ an und für einen Moment befürchtete Johnny, der Großmajor hätte ihn auf frischer Tat dabei ertappt, wie er etwas tat, das nicht im Geringsten etwas mit dem großen Geschäft des Marschierens zu tun hatte und…
„Was denn jetzt?”, riss ihn die Stimme des Barkeepers aus dem entgleisenden Zug und dem Fritzel-Fratzel seines Kopfes. Johnny blinzelte.
Erst jetzt fielen ihm die genannten ‚Trinker’ auf.
Überall saßen sie, einsame Gestalten, weit über die Tische und den Tresen gebeugt, alle für sich allein und mit einem Glas oder einer Flasche vor sich stehen. Es schien, als würden sie das stattfindende Gespräch, geschweige denn Johnnys Anwesenheit, überhaupt nicht wahrnehmen. Eine große Traurigkeit lastete an jeder Faser dieser Gestalten und es stank, wenn Johnny sich recht darauf konzentrierte, nach Resignation. Diese Menschen waren einfach nur da, existierten und wurden der Kategorisierung gerecht. Trinker.
„Ähm, ich bin kein Trinker.“
Der Barkeeper runzelte die Stirn, sodass die Pockennarben lustige Formen bildeten. „Was bist’n dann? Bist offensichtlich kein Lieger, dann würdest du ja nicht hier stehen und reden, hm?“
Johnny blinzelte noch einmal. Ein Lieger? Einer, der einfach lag? War das etwa das, was mit seinem Herrn Nachbar los war? Er war ein Lieger?
„Ähm. Ich habe keine Ahnung, was ich bin. Muss ich denn was sein?”
„Irgendwas musst du sein.”
Johnny, für dessen Verhältnisse das Gespräch bereits so lang war, dass er fürchtete, heiser zu werden, erwiderte verhalten: „Ich bin ein Mensch?“
Der Barkeeper lachte los. Es war ein falsches Lachen, ein einzelnes „Ha!“ Dann faltete er seine riesigen Hände und beugte sich weit über den Tresen. „In meiner Meinung gibt es nur vier Arten von Menschen. Es gibt die Trinker, die sind hier. Es gibt die Tänzer, die sind auf den Straßen. Es gibt die Schreiber, die sieht man nie. Und es gibt die Lieger, das sind die schlimmsten. Alles klar?“
Johnny wollte keine persönliche Systematik hören, was die Menschen seit jenem Moment so taten. „Was sind Sie denn?”, fragte er das Mondgesicht.
„Ich bin Barkeeper.”
Johnnys Gesicht verformte sich zu einem einzigen großen Fragezeichen. „Also, ich suche jetzt nach der Dame.”
„Was du nicht lassen kannst.”
Damit war das Gespräch beendet. Sehr souverän noch dazu, wenn man berücksichtigte, dass Johnny ein laufendes Nervenkostüm war, ein abgewracktes menschliches Subjekt, dem Großmajor ein Knecht und dem Rauschen ein Gefährte.
Johnny schaute sich jetzt wieder um. Diese Bar war größer als von außen zu erwarten. Natürlich konnte man das von Vielem sagen, auch Menschen hatten erstaunlich viel in sich, stellte man fest, wenn man sie einmal von Kopf bis Fuß aufschneiden wollte und… wo war sie? Er musste sich zusammenreißen! Johnny ging langsam um den Tresen herum, von wo aus das Kratergesicht jeden seiner Schritte mitverfolgte. Je länger er sie nicht fand, desto lauter wurde das statische Rauschen in seinem Kopf, und seine Gedanken wurden schwer und träge unter dieser Nebeldecke und… wo war sie? Wo war sie? Das war der Gedanke, der zählte. Da war er, recht klar zu erkennen, der Gedanke, ein Leuchtfeuer im Dunst. Johnny musste sie finden. Aber er fand sie nicht. An der schäbigen Wand entlang reihten sich Rücken an Rücken Sitznischen von knallgrün gepolsterten Bänken mit Tischen zwischen ihnen, und überall saßen einzelne Gestalten, Trinker. Träge, bewegungsarme Personen, deren Energie gerade reichte, um ihre Flaschen zum Mund und von dort wieder zur Tischplatte zu bewegen. Sie war nicht unter ihnen.
Es war alles sinnlos.
Warum, ja, warum war er davon ausgegangen, dass sie wieder, oder immer hier sein würde? Johnny wollte nach Hause und sich hinlegen und nie wieder aufstehen. So wie der Nachbar, der schlaue und weise Nachbar, sich bereits entschieden hatte. Einen Lieger nannte man das also? Johnny würde ein Lieger werden, beschloss er.
In diesem Moment sah er sie.
Im hintersten Teil der Bar machte der Raum einen Knick, in den zwei weitere Sitznischen hinein gequetscht worden waren. Eine davon hatte keinen neuen, knallgrünen Bezug, sondern einen alten, schäbigen, befleckten roten Bezug. Und darauf saß sie. Sie saß da. Unmissverständlich. Sie war es. Bleiche Haut. Kurzes braunes Haar. Johnnys Herz setzte aus. Dann tat er es einfach, schlurfte auf sie zu. Setzte sich wortlos ihr gegenüber. Kein Zurück.
Sie nahm die Bewegung vor sich wahr, schaute aus Reflex auf und - schaute ihn an.
Ihre Augen trafen sich, ihre Blicke trafen sich. Aus nächster Nähe.
Johnny versank. Die junge Frau erschrak. Johnny erschrak. Beide schauten weg, fixierten sich auf einen unbestimmten Punkt auf der schäbigen Tischplatte, die sie voneinander trennte. Das war nur ein unfassbar kurzer Moment gewesen, den sie sich unmittelbar in die Augen geschaut hatten, aber das allein hatte schon eine enorme Wirkung auf Johnny. Kettenreaktion, atomare Implosion. Er wusste nun ohne letzten Zweifel, dass er hier richtig war.
Momente verstrichen. Momente verflossen. Sie schwiegen sich an, peinlich berührt, aber keiner wollte gehen, sonst wären sie ja gegangen, es hielt sie niemand davon ab. Bloß gingen sie nicht, sondern saßen da, an diesem Tisch, auf den letzten roten Sitzbezügen im Gebäude, vielleicht in der Stadt oder auf der gesamten Welt.
„Johnny”, sagte Johnny irgendwann und erschrak über den Klang seiner eigenen Stimme.
Sie räusperte sich. „June”, sagte sie. Das ergab Sinn. Das war ihr Name. June. Dass sie June hieß, ergab für Johnny so viel Sinn wie der Schaden einer einschlagenden Kanonenkugel in einem Holzschiff. Viel Sinn. Ein Sinn! Ein Sinn! Und das machte Johnny zum glücklichsten Menschen auf dieser Welt, oder zumindest in dieser Stadt, oder zumindest in dieser Bar.
Momente vergingen immer mehr, tropften an den Wänden herab und liefen über den ungewischten Boden, überschwemmten Johnny und June. Es waren aufregende Momente, obwohl nichts geschah und nach der Namensbekundung auch nichts mehr gesagt wurde. Johnny und June schwiegen sich an, aber zwischen ihnen gab es ein stilles Einvernehmen über etwas. All die anderen in der Bar ertränkten sich im Alkohol, die beiden aber wurden ertränkt in flüssig gewordener Zeit – Zeit – ZEIT! Den Blickkontakt wagte keiner von beiden erneut, aber sie waren in der Gegenwart des anderen, und das reichte vollkommen. Als Johnny schließlich aufstand, hörte er June sagen: „Bis bald.”
„Ja”, sagte er. „Ja.”
Als Johnny das nächste Mal die Bar betrat, hatte er ein neues Selbstverständnis. Er wollte gern in der Gegenwart von June schwimmen, wenn das irgendwie möglich sein sollte. Er ignorierte den Barkeeper mit den Pockennarben, ging zielstrebig um den Tresen herum und fand June wieder am selben Platz, ganz hinten in der einzigen roten Sitzecke. Rot. Das Polster war rot und nicht grün. Dieses Mal grüßten sie sich. Außerdem hatte June ein Bier vor sich stehen. Johnny fühlte sich nicht mehr gehemmt, etwas zu sagen. In ihm war etwas gebrochen, etwas, von dem es gut war, kaputt zu sein.
„Trinkst du das?”, fragte Johnny und deutete auf das Bier vor June.
„Ich denke schon”, antwortete June. Sie starrte die Flasche an. „Ich möchte es probieren.”
„Okay.” Und weil sie sich nicht rührte, fragte Johnny: „Willst du Trinkerin werden?”
June sah auf, ohne aber in seine Augen zu schauen. „Ich weiß nicht. Vielleicht. Irgendetwas muss man ja sein.”
Das leuchtete Johnny ein. Irgendetwas musste man ja sein. Jeder musste irgendwas werden. Zumindest, wenn man sein wollte. Johnny wollte sein, stellte er nun mit ungeahnter Vehemenz fest, und das hieß: Johnny musste auch irgendetwas werden. Er musste - musste doch etwas tun! Er spürte seine Hände zucken, die Nase jucken, in ihm brütete es, aber es brach nicht hervor! Nein, das waren keine Fabrikhände, stellte er zum wiederholten Male fest. Wozu nur waren sie gemacht? Um eine Flasche zu greifen, wie June es jetzt gerade zögerlich tat? Das sah unnatürlich aus, wie sie sie an ihren Mund führte und einen kleinen Schluck trank. Johnny merkte, wie er den Atem anhielt. June setzte die Flasche ab.
Johnny hielt den Atem an.
„Schmeckt nicht.“, urteilte sie schließlich.
Johnny war erleichtert. Er wollte nicht, dass June Trinkerin wurde.
„Willst du probieren?”, fragte sie ihn.
„Nein.”
„Okay.”
Sie schwiegen sich wieder an. Es war eine gute Stille. Eine äußere Stille zwar, keine innere Stille, aber Stille war Stille, immerhin etwas. Wirklich, eine gute Stille. Sie fühlte sich gut an.
„Hast du schon mal jemanden geschlagen?“, fragte June aus dem Nichts.
„Ja.“ Johnny musste die Wahrheit sagen, es ging nicht anders. Wenn er lügen wollte, dann müsste er gar nicht erst anfangen, den Mund zu öffnen. Er hatte jemanden geschlagen, in der Tat. Das war das Magazin.
„Bist du also ein Schläger?“, wollte June wissen.
„Ein Schläger? Nein. Nein.“
„Aber du hast doch einen geschlagen.“
„Einmal ist keinmal“, sagte er hastig. Stimmte es, was sie sagte? War er ein Schläger? Stand das zur Option? In der Systematik des Barkeepers immerhin war es nicht aufgetaucht: Trinker, Tänzer, Schreiber und Lieger, erinnerte er sich. Kein Schläger. Aber auch kein Barkeeper, und damit war die ganze Sache hinfällig. Weg also mit dieser Vierteilung vom Barkeeper. Was konnten Menschen denn noch tun? Liegen? Schreiben? Das kannte man schon. Tanzen? Gut, das auch. Aber doch wohl Trinken und - Essen? War das etwas? Esser sein?
Aber war das nicht das gleiche wie Mensch zu sein? Der Barkeeper hatte ihn ausgelacht, als er diese Option leichtfertig vorgeschlagen hatte – Mensch sein. Aber war da nicht etwas dran? Reichte das nicht? Bloß wozu reichte es? Was war das Ziel? Er hatte June gesucht und gefunden, hatte mit ihr seit jenem Moment, seit der Apokalypse, alle seine Hoffnungen und Energie verbunden. Und jetzt?
Er spürte nun: Nähme er sich einmal ein Herz und riss all die Verputzungen und Verkleidungen und Tapeten von den Wänden, dann würde er sehen, dass da wahrscheinlich gar nichts drunter wäre. Davor hatte er Angst - Angst zu sehen, dass hinter dem äußeren Schein keine Substanz auf ihn wartete, und insgeheim ahnte er es bereits, fast schon wusste er es mit Sicherheit, dass genau das der Fall war. Hinter dem Tand, hinter dem Grün, wartete ein klaffendes, sinnloses, schwarzes Nichts. Das war der hungrige Kosmos, der Leblose, der Ewige. Wenn man einen Menschen in ein unendliches schwarzes Nichts warf, änderte sich nichts, es war weiterhin unverändert ein unendliches schwarzes Nichts. Welche Rolle konnte da ein Mensch haben? Welche Rolle konnte da June haben?
Johnny fummelte bei diesen Gedanken an einer Feder herum, die neben ihm aus dem alten roten Sitzbezug hervorragte. June bemerkte das.
„Oremp sagt, der Stoff hat nicht gereicht.”
„Was?”, schreckte Johnny hoch. June war noch da, und Johnny auch. Wo war das schwarze Nichts? Nur in seinem Kopf war es, es war noch nicht übergelaufen in die materielle Welt.
„Oremp“, wiederholte sich June geduldig. „Der Barkeeper. Er sagt, der neue Stoff hat nicht gereicht für alle Sitze.”
„Ah. Ich glaube…“, fing er zögerlich an, „ich mag Grün nicht besonders.“ Fast hätten sich ihre Blicke da getroffen.
„Ich auch nicht.”, sagte June. Johnny sah ein wenig auf und bemerkte, dass sie leicht lächelte. Er lächelte zurück.
Danach schwiegen sie wieder, wichen den Augen des anderen aus und fühlten sich wohl beieinander. Johnny fühlte sich wohl. Endlich hatte er jemanden gefunden, der ihn verstehen konnte und den auch er selber verstehen konnte. Verständnis. Gut. Sehr, sehr gut. Schritt für Schritt. Einen Weg zurück gab es nicht. Dort lauerte das unendliche schwarze Nichts, der regungslose Kosmos, wie er ihn einen Moment vor seinem inneren Auge gesehen hatte. Da war nichts für ihn, denn er war ein Mensch, er war etwas. Solange er Hoffnungen hatte und noch etwas empfand, hatte er dort nichts verloren.
Die Welt stand unter Angriff.
Aus dem Himmel fiel das Dauerfeuer von überirdischer Artillerie, schlug mit einer erstaunlichen Penetranz gegen den unebenen Asphalt und hinterließ strahlende Pfützen. Es war keine Säure, das konnte man riechen. Nur sah es so aus wie Säure. Es war grünes Wasser.
Johnny stand am geöffneten Fenster seiner Wohnung und beschaute geistesabwesend das Schauspiel. Es glich wirklich einem Schauspiel, entschloss er sich, auch wenn er nicht wusste, wann er jemals in einem Theater gewesen wäre. Gab es überhaupt noch Theater? Auf den Straßen jetzt schon: Die Tropfen waren die Tänzer, und Johnny selbst war die Bühne, und der Boden war das Publikum? Nein, das konnte nicht stimmen. Aber so ähnlich. Schauspieler. Johnny nickte sich selbst zur Bestätigung zu. Schauspiel.
In der Ferne ging eine Sirene los. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie jemand abschaltete. Ein völlig durchnässter Trinker taumelte unter den grünen Laternen die Straße entlang,
Schauspiel. Das Wort blieb Johnny im Kopf hängen. Bei Schauspielen starben Menschen, das war eine Sache, die Johnny wusste. Zum Beispiel Abraham Lincoln, als John Wilkes Booth ihn im Theater erschoss - das war am Ende des Amerikanischen Bürgerkriegs gewesen. Und in eben diesem Theater in Washington spielte während des Attentats ausgerechnet eine Komödie. Nicht lustig. Aber zum Schreien.
Stopp. Woher kam plötzlich dieser Gedanke? Regen. Schauspiel. Das war es gewesen. Und dann der amerikanische Präsident? Das Jahr 1865.
Moment.
Jahre? Jahre? Welches Jahr war denn jetzt gerade?
Das war einmal eine Frage! Ja, welches Jahr war denn gerade? Wie lange hatte er dieses komische Wort nicht mehr gebraucht. Aber Zeit existierte ja! Wie hatte er das vergessen können!
Johnny überkamen seltsame zerfetzte Erinnerungsschnipsel, in denen er und die Welt anders waren. Davor. Wie viel Zeit war seitdem wohl vergangen? Ein Jahr? Damals war Herbst gewesen, meinte Johnny, und jetzt war wieder Herbst oder wenigstens die traurige Parodie eines Herbstes. Ein Jahr Apokalypse im Kopf. Ein Jahr völlige und totale Apokalypse. Ein Jahr ohne jeglichen Sinn.
Die Idee faszinierte Johnny. Unmöglich konnte er sich vorstellen, wie sein Vergangenheits-Ich etwa in der Fabrik stand und tatsächlich einen Sinn dabei gesehen hätte. Aber das war normal so.
Denn Johnny hatte damals gar nicht in der Fabrik gestanden.
Der Regen schlug weiter auf den Asphalt ein.
Und weiter? Wo hatte er stattdessen gestanden und seine Hände benutzt? Oder sogar seine Beine? Oder, was endgültig absurd erschien – seinen Kopf? Da steckte noch der alte Lincoln drinnen, den man erschossen hatte. Hatte Johnny vielleicht einmal viel über Geschichte gewusst? Über Menschen wie diesen Lincoln, dessen Gesicht ihm kurz so deutlich vor Augen gestanden hatte, mit dem Bart und dem Zylinder, und nun bereits wieder zu einer groben Masse zerschmolzen war? Eine Welle der Traurigkeit überrollte ihn bei diesem Gedanken. Und warum hatte er all dies vergessen? War das große Vergessen in einem einzelnen Moment geschehen oder über viele Momente hinweg, langsam schleppend wie eine Krankheit? Ja, ganz genau wie eine Krankheit. Eine Krankheit des Geistes.
Er beschaute den Artilleriebeschuss weiter, der einige Etagen unter ihm ein Armageddon auf dem Asphalt veranstaltete.
Ein Tropfen müsste man sein…
Ein klares Ziel…
Boom.
Und dann völlige Auflösung.
John Wilkes Booth hatte Abraham Lincoln erschossen. Oder war es andersherum? Jetzt schon wusste Johnny nicht mehr, was daran möglicherweise irgendeine Relevanz tragen könnte. Alles Schnee von gestern, schwarz-weiße Szenen und überhaupt nichts Grünes an der Sache. Schon wusste er nicht mehr recht, worüber er sich noch gerade eben derartig das Hirn zermartert hatte. Da war doch nur das Rauschen, und Inhalt hatte es keinen.
Ein Satz. Du bist nicht Herr über dein eigenes Fleisch, hm? Ja, stimmt. Johnny schloss schnell das Fenster. Es war Zeit, zu marschieren.
Er zögerte.
Dann, ganz behutsam, drehte er sich wieder um zum Fenster, umschloss den kalten Griff fest in seiner Hand, drehte ihn und zog das Fenster wieder auf. Er lehnte sich auf den Sims, streckte einen Arm nach draußen und spürte das Prasseln der Tropfen auf der Haut. Das fühlte sich gut an. Er formte schließlich seine Hand zu einer Schüssel und fing darin einige der Tropfen auf.
Interessant.
Es erschien ihm, die Tropfen wären gar nicht grün. Zumindest nicht sehr. Eigentlich hatten sie gar keine Farbe. Die Tropfen waren farblos, jetzt sah er es ganz deutlich. Nicht grün. Farblos.
Johnny seufzte. Und starrte weiter hinaus und hinab. Er wollte nicht marschieren gehen und dem hässlichen dämonischen Großmajor ins Gesicht sehen und seine Stimme mit dem seltsamen Akzent hören. War das schon immer eine Option gewesen? Einfach nicht marschieren?
Das war egal. Was zählte, war das Jetzt. Und jetzt wollte er nicht marschieren.
Also marschierte er nicht.
Stattdessen seufzte er, schaute weiter nach draußen und dachte an June. Sie war der Schlüssel zu seinem Kopf. Sie musste es sein.
Es war das dritte Mal, dass er sich zu June setzen würde. Die große Mehrheit vergangener Momente hatte er nur an sie gedacht, am Fließband, im Park, selbst beim Marschieren. Er war bereit. Er wollte ihr richtig, aus nächster Nähe, und lange, in die Augen sehen. Er wollte, er musste wissen, was darin zu sehen war. Brauchte Antworten.
Als er sich wie gewohnt ihr gegenüber setzte, schob sie ihm, noch ehe er etwas sagen konnte, ein zerknittertes Stück Papier zu. Johnny schaute es fragend an, dann nahm er es in seine Hände, die nicht für die Fabrik geschaffen waren. Auf der Rückseite waren fünf Zeilen mit einem etwas verschmierten grünen Stift geschrieben. Junes Handschrift war dünn und zittrig. Er las stumm:
Ein Stein fällt.
Warum?
Frag ihn doch,
Und antwortet er dir nicht,
Weißt du, warum.
Johnny starrte noch eine Weile auf dieses kleine beschriebene Stück Papier in seinen Händen. Dann schaute er auf, den Blick auf Junes Augenbrauen gerichtet.
„Das hast du geschrieben?”
„Das habe ich geschrieben.”
„Warum?”
„Ich bin kein Stein.”
„Oh.” Er schob das Stück Papier behutsam zurück, sie steckte es sich ein. Sie schwiegen sich an.
„Brauchst du Feedback dazu?”, fragte Johnny.
„Ich wollte es dir nur zeigen”, sagte June.
Einvernehmliches Schweigen.
„Sag mal“, fing Johnny an, denn er hatte sich an etwas erinnert, das ihm wichtig erschien.
„Ja?“
„Hast du damals Fernsehen geschaut?“
„Du meinst…“
„Die Diskussion. Der Philosoph und der Henker.“
Nach einer Weile sagte sie: „Ah. Stimmt. Genau. Ja. Jetzt erinnere ich mich.“ Ihr Blick heftete auf der Tischplatte, das Kinn war in die Hand gestützt. Von ihr wehte Johnny der Geruch von Zigaretten entgegen. Darüber musste man doch reden, aber wie? Wie fasste man dies alles in Worte? Was hatte dahintergesteckt? Hatte überhaupt etwas dahintergesteckt?
„Also. Sag mal – du hast aber nicht angerufen?“
„Was hätte ich denn sagen sollen?“
„Henker oder Philosoph. Es kann doch nicht so schwer sein.“
„Hast du denn angerufen?“, wollte June wissen. Ihre dünnen Augenbrauen, die Johnny an ihre Handschrift erinnerten, hoben sich fordernd.
„Nein“, gab er zu.
Einvernehmliches Schweigen. Beide dachten über die Diskussion nach, so gut es eben ging. Badabing, badabum?
Etwas anderes brannte Johnny auf der Zunge und im Hirn. Etwas Ungeheuerliches, das er niemals jemanden fragen wollte. Jetzt tat er es trotzdem. „Sag mal, June...”
„Ja?”, horchte sie wieder auf.
„Hast du seitdem nochmal Fernsehen geschaut?“
„Ja.“
Johnny stockte der Atem. Sollte er fragen? Zu spät.
„Kennst du ihn auch? Siehst du ihn auch?”
„Wen?” Ihr Gesicht war ein einziges großes Fragezeichen.
„Den grünen, den bösen, den - den Großmajor?”, platzte es aus ihm heraus. Fast wäre er aufgesprungen.
Sie dachte nach. Johnny wurde schwindelig.
Dann fragte sie: „Was ist ein Großmajor?”
„Egal. Egal! Vergiss es!”, beeilte sich Johnny zu sagen und bereute es zutiefst, diese dumme, dumme Frage überhaupt gestellt zu haben. Hatte er damit alles ruiniert? Er hoffte nicht, er wollte nicht. Er brauchte die Erkenntnis, er brauchte den Blick in diese schwarzen Löcher, die man Augen nannte, er musste -
„Das taugt nichts, oder?”, fragte June plötzlich. „Ich meine das Gedicht.”
Es war, als hätte sie Johnnys Frage zu dem Großmajor vergessen. Sie standen wieder am Anfang des Treffens. Es war alles gut. Es war nichts verloren.
„Ich wusste nicht, dass das ein Gedicht war. Ich dachte, es ist ein…”, fing er an, aber ihm fehlte das richtige Wort.
„Also keine Schreiberin. Okay”, folgerte June.
Johnny wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er bekam den Eindruck, June würde eine Liste abarbeiten, aber er verstand nicht recht, wofür. Folgte sie den Kategorien, die der Barkeeper aufgestellt hatte? Er hörte ihre Stimme vom letzten Treffen wieder: Irgendetwas muss man ja sein. Damit hatte sie den wunden Punkt getroffen. Irgendetwas musste er ja sein, aber was? Es war der wunde Punkt der ganzen Welt, es war der Mühlstein, an dem alles Intelligente zugrunde gegangen war, die Elefanten, die Wale…
„Hast du von Tänzern gehört? Kennst du Tänzer?”, fragte sie ihn nun wie zur Bestätigung.
„Tänzer? Ja”, sagte Johnny. Dieses Treffen verlief nicht so, wie er es gedacht hatte. Wo war der Moment, ihr endlich in die Augen zu schauen? Sich auszusprechen?
„Vor einigen Momenten, ganz in der Nähe, haben sie auf der Straße getanzt.”
„Führst du mich hin?”
Und Johnny führte sie hin. Gemeinsam verließen sie das Gebäude, schritten dann schweigsam die Straße entlang. Und da waren sie tatsächlich wieder, die Tänzer, genau dort, wo Johnny sie zuletzt gesehen hatte. Da war der ältere Anzugträger wieder, der völlig in der Gruppe aufgegangen war, und auch die rote Wölfin zog wieder ihre tänzerischen Kreise um die anderen. Es war alles, als wäre er nie fort gewesen.
June beobachtete die Tänzer eine Weile, und Johnny bekam es mit der Angst zu tun, sie würde jeden Augenblick ein paar Schritte voran gehen und sich in der Gruppe, im Tanz verlieren, und er würde die Chance nie wieder haben, ihr noch einmal in die Augen zu sehen, die das erste gewesen waren, was er in seinem neuen Leben, nach jenem Moment gesehen hatte, diese Augen, die so panisch gewesen waren, und die ihm selbst über die Straßenkreuzung hinweg so klar erschienen waren, diese Flucht-Augen, in denen er sich selbst vermutet hatte, und nun würde er nie in sie hineinblicken können und einmal seinen Mund aufmachen und schreien, schreien, schreien, oder viel besser, ihn richtig aufmachen und sagen, was er grundsätzlich dachte und spürte und -
„Ich mag das nicht. Lass uns gehen.”
„Okay.”
Und sie gingen.
Sie würde keine Tänzerin werden. Es war alles gut.
Aber Johnny und June gingen nicht zurück in diese schummrige Bar. Sie gingen nebeneinander die Straße entlang, machten ein paar Biegungen, es war ganz egal, wohin sie gingen, Johnny tat es nur gut, sich einfach zu bewegen, und zwar nicht auf der Stelle, sondern vorwärts. Mit jemandem an seiner Seite erschien das möglich.
Zufällig erreichten sie den Park. Sie setzten sich auf eine Parkbank unweit der Stelle, an der Johnny auf die rote Sonne gehofft hatte. Die Parkbank war grün, die Farbe war aber schon trocken, das hatte Johnny zuvor mit ausgestrecktem Zeigefinger getestet. Nun saßen sie da stumm nebeneinander und schauten auf das knallgrüne Gras, schauten auf die traurigen Baumstümpfe und schließlich auf einen Lieger, eine Frau Mitte dreißig mit Haarausfall, die sich vor eine andere Parkbank gelegt hatte.
In der Stille war da nun etwas anderes: Druck. Unmittelbar baute sich Druck auf. Das war der Druck. Johnny wusste es sofort. Das war der Moment. Der Druck war in ihm, und er spürte diesen Druck auch in June neben ihm. Mehr Druck. In Johnnys Kopf kein Fritzel-Fratzel, aber das ansteigende Summen eines Rohrs unter Druck. Schreien? Weiter stieg der Druck. June schlug nervös die Beine übereinander. Sie musste es auch spüren. Das waren Johnny und June, nebeneinander zusammen getrennt, Individuen. Der Druck aber war eine universelle Sache, er lag nicht in der Brust, sondern in der Luft, die ein jeder von ihnen zum Atmen brauchte. Der Druck stieg höher, höher, höher, bis zu einem unerträglichen Grad, und dann stieg er noch einmal etwas mehr, und dann endlich machte es Peng.
„Deine Augen, June”, war das Erste, was Johnny sagte. „Seit damals, als alles kaputt ging, gehen sie mir nicht aus dem Kopf. Ich glaube, sie sind ein Spiegel, und ich muss mich darin sehen. Es führt kein Weg daran vorbei. Ich muss hineinsehen und darin versinken, oder ich muss untergehen.”
„Ich weiß nicht, ob unser Treffen damals Zufall war“, antwortete June, „oder ob jeder Mensch jemandem in die Augen geschaut hat in diesem fürchterlichen Augenblick, es spricht ja niemand wirklich mit niemandem mehr, seit das alles passiert ist. Wir wissen nicht einmal genau, was passiert ist oder warum. Nur, dass etwas passiert ist. Wie frustrierend alles daran ist! Wo ist denn der rote Faden? Gibt es keinen roten Faden mehr? War der Faden auch eine Bedingung des Sinns?”
„Und wie viel sich seitdem geändert hat! Auch ich, ich spüre es in mir, habe mich sehr verändert. Ich glaube, ich bin in Wahrheit Historiker. Weißt du eigentlich, was ein Bajonett ist?“
„Nein.“
„Ich auch nicht! Ich auch nicht! Aber wie kann das sein? Ich war doch Historiker, da bin ich mir jetzt ganz sicher! Aber ich weiß nicht einmal, was ein Bajonett ist und arbeite stattdessen als der Ausdruck von Stumpfsinnigkeit in einer Fabrik, verdammt nochmal! Man müsste doch etwas tun, spüre ich schon die ganze Zeit. Du hast selber gesagt: Irgendetwas muss man ja sein. Und ich stimme dir so aufrichtig zu, dass es wehtut. Aber was ist denn die Antwort? Was muss ich sein? Was muss ich tun, was kann ich tun?
Und außerdem: Wenn ich mich losschlagen würde, wenn ich auf den Putz hauen würde, was sollte denn dann schon passieren? Was sollte der Putz denn dann machen? Der gibt dann auf, der gibt nach, der ist dann weg. Da kann man nicht nochmal draufhauen. Und so ist das auch mit mir: Die Decke fällt mir über dem Kopf zusammen. Hörst du, die Decke fällt mir über dem Kopf zusammen! Da sind Risse und ich höre es schon knirschen, und irgendwann liege ich da begraben und das war es dann. Und dahinter ist doch überhaupt nichts, sage mir nicht das Gegenteil, dahinter ist nichts! Die Decke aller Dinge! Einfach weg! Wie kann das denn sein? Wie soll denn da überhaupt irgendjemand weitermachen können? Wenn er begraben ist unter dem ganzen Schutt, und er kann nur nach oben schauen und stellt fest, dass da gar nichts ist? Verstehst du, was ich meine?”
June nickte. „Weil alles sinnlos ist, richtig? Weil plötzlich alles sinnlos ist. Wenn ich manche Menschen sehe, habe ich das Gefühl, die haben das nicht verstanden, die wissen gar nicht, in welcher Lage wir uns befinden, und die machen einfach weiter, als sei nichts, aber das kann doch nicht richtig sein, oder? Johnny, das kann doch nicht richtig sein!”
Johnny nickte. „Es fällt mir so schwer, das Schöne an den Menschen zu sehen. Ich sehe nur Fratzen, Narben, Entstellungen, aber das kann doch nicht alles sein.“ Er wusste, dass dem in der Tat nicht so war. Denn nun hatte er June als Gegenbeweis. „Das ist eine Verzerrung, dass sie alle so entstellt sind! Das muss an meinen Augen liegen, an meinem Kopf, an den Kratern. Aber diese Menschen, sie bauen sich Häuser mit einhundert Etagen und nennen sie Türme, aber die gehen nicht nach oben, sondern in die Erde hinein! Wer macht denn sowas?
Wenn ich recht daran denke: Meinst du nicht, wir Menschen sind auch nur, hm, Tiere? Oder anders: Tiere sind nur Menschen? Wir haben sie doch beide gesehen, diese Tänzerin mit dem roten Haar - das war doch gar kein Mensch, das war eine Wölfin, eine tollwütige! Aber hat es ihr geschadet? Sie ist doch auf der Straße und tanzt und schert sich um sonst nichts! Sie ist glücklich, sie hat sich angepasst.
Und ich für meinen Teil, ich habe manchmal das Gefühl, ich bin eine - wie heißt es denn? Wie lange ich das Wort nicht mehr benutzt habe! - eine Schnecke! Eine Schnecke bin ich, die einer hochgehoben hat in die Luft, aber ich kann mich nicht schützen, denn das Haus ist zu klein... und ich kann auch nicht zappeln, denn ich bin ja eine Schnecke, dazu wurde ich nicht gemacht...“
June sagte nichts. Johnny spürte ihre Präsenz neben sich strahlen.
„Aber nein, June, ich muss es tun, ich muss dir in die Augen schauen, es gibt sonst nichts mehr für mich, keinen Grund zu marschieren, aber wenn ich an deine Augen denke und sie mir vorzustellen versuche, gibt das für mich erst recht einen Grund, eben nicht zu marschieren, sondern… sondern irgendetwas anderes zu tun. Irgendetwas!”
„Lass mich nicht erröten. Bitte lass mich einfach nicht erröten, Johnny.”, stieß sie mühsam hervor.
„Apropos rot“, sprang Johnny im Thema, „Die Sonne ist grün. Weißt du das? Ist dir das schonmal aufgefallen? Dass die Sonne grün ist?”
Beide schauten nach oben, um zu bestätigen, was sie auch so wussten. Aber einmal gucken konnte nicht schaden. Vielleicht, nur vielleicht, würde ein Wunder geschehen und - Flash! Bam! Alakazam! - schauten sie hinauf und die Sonne wäre rot. Sie war weiterhin grün.
„Jeden Morgen. Jeden Tag“, sagte June. „Ich weiß es. Ich habe es gesehen. Es ist unerträglich, dieser Moment - dieser Moment, in dem die Sehnen reißen und die Augen sich weiten, die Pupillen gehen auf, aber alles in dir und an dir geht unter. Das ist unerträglich. Ich halte das nicht aus.”
„Mir ist es erst vor wenigen Momenten so wirklich bewusst geworden, weißt du, dass die Sonne wirklich grün ist”, sagte Johnny. „Das sollte doch nicht so sein, oder? Das war doch nicht immer so! Wer hat das geändert und warum? Überhaupt: Warum muss alles grün sein? Wer hat das entschieden? Dass alles besser ist, wenn es grün ist?”
„Ich weiß es nicht”, sagte June. „Ich weiß es wirklich nicht. Ich weiß nicht, ob das irgendjemand weiß. Es ist eine Modeerscheinung? Ein Trend? Es ist so, als wollte man die Illusion von - von Leben erschaffen und so tun, als stürben die Bäume nicht gerade aus. Aber die Sonne folgt doch nicht den Trends von irgendwelchen - irgendwelchen Affen!” Das letzte Wort spuckte sie beinahe aus.
„Vielleicht waren es dieselben Leute, die den Henker und den Philosophen ins Fernsehen gesetzt haben?“, fragte Johnny.
„Und auch da weiß niemand, was der Sinn ist, Johnny. Der Sinn! Was soll diese Frage, wer recht hat, es ist mir egal, es ist allen egal, sonst hätte doch wenigstens ein einziger angerufen!“
Johnny hatte genickt und genickt, und June sprach ihm derartig aus der Seele, dass ihm gar nichts anderes übrig blieb als weiter zu nicken. Dieses Gespräch war beinahe wie ein Wettbewerb, wer von den beiden etwas sagen konnte, das wahrer war als die vorherige Aussage, und sie steigerten sich hinein und sagten wahrere und wahrere Worte.
Als sie fertig war, holte er tief Luft. „Ich möchte ihn nicht mehr gehen, diesen Weg des geringsten Widerstandes. Wenn ich meine Augen schließe, dann möchte ich nicht länger diese schwelenden, ausgebombten Trümmer meines Verstandes sehen, sondern Wolken! Sonnenstrahlen, die sanft durch die Wolken hindurchbrechen und sich auf der ruhigen Oberfläche eines Sees spiegeln. Ich möchte Leben sehen! Leben!“
„Aber früher oder später muss ich blinzeln”, fuhr er fort, „und dann rattert es und knattert es und das eiserne Fallgatter stürzt wieder herab. Dann kann ich nichts mehr sehen außer diese schwelenden Ruinen meines Verstandes, und ich kann nichts mehr hören und spüren und denken. Ich vergesse Dinge, June, Dinge über mich und über das Davor. Historiker war ich, ich sehe es jetzt klar vor mir, verdammt! Ich habe das Gefühl, ich löse mich von innen heraus langsam auf, und ich kann nichts dagegen tun. Ich will das nicht mehr, ich kann das nicht mehr. Ich hasse alles an der Welt, in der wir jetzt leben oder existieren müssen, an dieser - dieser - dieser Uranwelt!“
Und plötzlich wurde Johnny bewusst, dass sie sich bereits in die Augen schauten.
Dieses Mal keine Straßenkreuzung und kein Tisch zwischen ihnen, und sie schauten sich direkt in die Augen, und keiner zuckte mehr zusammen oder schaute verlegen weg. Das war der Moment, auf den Johnny seit jenem Augenblick hingefiebert hatte, das einzige Ziel, das er sich gesteckt hatte zur Wehr gegen die alles erdrosselnde Sinnlosigkeit. Er hatte es geschafft. Sie schauten sich direkt in die Augen.
Johnny erforschte manisch, ob da eine tiefe Wahrheit ihm aus Junes Augen entgegenglitzerte - sie waren hellblau, ihre Augen, hellblau mit grauen Sprenkeln, und sie erschienen ihm wie kleine Miniaturen des Erdenrunds, das größtenteils nicht grün, sondern blau zu sein hatte, und das darum hier, hinter den Wimpern dieser Frau, in vollkommenerer Form vorlag als in der materiellen Welt. Er starrte ihr in die Augen. Sie starrte ihm in die Augen.
„Sag mir eines: Fürchtest du dich?”, fragte Johnny irgendwann, als er glaubte, sich sattgesehen zu haben.
„Ja”, hauchte sie.
„Wovor?”
„Vor dem Aufwachen.”
Johnny kehrte ekstatisch heim, schlug einmal die Hacken aneinander. Doch in ihm tobte noch ein erbitterter Kampf. Marsch, Johnny, marsch!, grölte mahnend der Großmajor. Noch einmal bäumte sich das Fritzel-Fratzel auf und traf Johnny mit der Härte eines Dampfschiffs. Das war der letzte Verzweiflungsangriff eines bereits Geschlagenen, eines Todesgeweihten. Nur war es nicht Johnny, der trotzig dem sicheren Untergang entgegenblickte, sondern das Rauschen.
Jetzt Explosionen über den Kratern seines Verstandes, Blitze, die den Nachthimmel darüber zerschneiden. Die Kavallerie mit Pickelhauben und Bajonetten prescht über das freie Feld auf die andere Seite hin, zum schützenden Waldesrand. Eine Kanonensalve in Geschrei und Gezeter, da hat es jemanden erwischt, den armen Teufel! Schon ergießt sich etwas über die horizontalen und vertikalen Flächen, kleistert die Kraterkanten ein und tüncht die abgebrannten Büsche um sie herum ein. Da sind noch mehr, die tragen Schnäuzer und Backenbärte, und sie heben ihre Hände. Weiße Fahnen wehen, sie sind an den Rändern versengt, aber die Botschaft ist klar - Sieg! Sieg! Der Krieg ist vorbei!
Durch das statische Fratzeln, durch das Dauerfunken hinweg bahnte sich das schönste, tödlichste Konstrukt aus dem Gewebe der Zeit:
Stille.
Absolute, weiße, kontrastlose Stille. Wie Watte umfing sie Johnnys Kopf, Johnnys Körper, und mit einem Schlag war alles still und leise. Totenstill. Und im Zentrum der Stille, inmitten ihres Herzens, war wohlig-warm ein Gedanke eingebettet, so kristallklar wie die Quellen am Anfang des Universums:
Es wird alles gut. Da ist eine Zukunft.
Johnny wurde unsäglich heiß; eine Art Fieber brach über ihn, so wie eine große Welle sich mit aller Kraft gegen den flachen Strand wirft und sich darin verliert. Es fühlte sich gut an - denn es war gut, schließlich bedeutete die Hitze, dass im Körper der Unrat und die Krankheit mit aller Kraft bekämpft wurden. Johnny wusste, davon hatte er reichlich, und so begrüßte er dieses Gefühl, fasste sich fasziniert mit beiden Händen an die aufglühenden Wangen und konnte sich ein subtiles, ein wissendes Lächeln nicht verkneifen. Und vor allem bedeutete das: Diese Hitze, die Johnny verspürte, hatte einen
Sinn.
Das Magazin stand wieder auf seinem Holzblock vor dem alten Reitermonument. War das nicht der alte deutsche Kaiser, der da verewigt worden war? Johnny erinnerte sich jetzt.
Es gab kein Publikum, es war schon spät. Das Magazin stand trotz allem da, als hätte man es ausgeschaltet. Jetzt müsste einer an seinem Rücken einen dicken roten Schalter drücken, dann spränge der Bursche auf und finge zu reden an über die Wale und die Bäume und das letzte Herumgemurkse der Menschheit.
Johnny, der endlich Klarheit in seinem Kopf gewonnen hatte, ging geradewegs auf das Magazin zu. Als zwischen ihnen nur noch wenige Schritte waren, kam auch ohne roten Schalter Leben in den Burschen, er nahm den Näherkommenden wahr und schreckte hoch. Das Gesicht zeigte klar die Spuren vom letzten Treffen der beiden, blaues Auge und aufgebissene Lippe.
„NEIN! Bitte nicht!”, schrie das Magazin auf und kauerte sich hin, ohne überhaupt erst von seinem Holzblock herunterzukommen. Johnny kam dicht an ihn heran, sodass sein Schatten über dem Kauernden hing.
Dieses Magazin da konnte nichts für irgendwas. Es konnte nichts dafür oder dagegen, es war einfach da, und allein durch diese Eigenschaft war es Johnny bereits erstaunlich ähnlich. Dazu brauchte es gar nicht viel.
Johnny zog den Mann hoch und umarmte ihn. Johnny umarmte das Magazin. Es war keine lange Umarmung, keine besonders innige, aber es war eine Umarmung. Eine Umarmung war Sprengstoff. Er ließ das verblüffte Magazin los und ging freudetrunken nach Hause.
Er ging am Fernseher vorbei, dessen Bildschirm kein Bild zeigte.
'Kein Signal‘, wanderte die Meldung von Ecke zu Ecke. Johnny würdigte ihn keines Blicks. Nie mehr.
Am nächsten Tag…
Am nächsten Tag……
Am nächsten TAG war Johnny auf dem Weg zu June.
Geschlafen hatte er! Richtig geschlafen! Und noch dazu hatte er geträumt, richtig geträumt! Das Rauschen war verschwunden, seine Gedanken waren klar. Es war eine neue Zeit angebrochen, in die er sich hineinwerfen wollte. Nun mit June treffen und besprechen, was zu tun sei. Einfach in ihre blauen Augen blicken, die so waren, wie die Erde sein sollte. Nicht grün, sondern blau. Hauptsache, da war jemand, der bereit war, mit ihm zusammen da zu sein. Und Hauptsache, da war jemand, die er verstand und die ihn verstand. Er freute sich darauf, ja! Er freute sich darauf, mit ihr darüber zu sprechen, was nun passieren sollte, da sie sich ausgesprochen hatten darüber, dass es nicht so sein sollte, wie es aktuell war. Wie gut, endlich diesen furchtbaren Verdacht bestätigt zu wissen! Wie würden sie also eine vernünftige Zukunft bauen können für die Menschheit und…
Johnny blieb kurz vor seinem Ziel stehen. Links bog eine Straße ab, die er vor dem ersten richtigen Treffen der beiden entlang gegangen war. Damals hatten ihm seine Beine nicht gehorcht und hatten ihn einmal um den Block geschickt, ehe er den Mut zusammengerafft hatte, in die Bar zu gehen. In dieser Straße war eine Laterne gewesen, die flackerte gelbes Licht.
Jetzt schaute er wieder diese Seitenstraße entlang. Da war die Laterne noch immer, aber jemand hatte ihr Licht gewechselt, repariert, erneuert. Die Laterne verstrahlte nun so wie ihre Brüder und Schwestern dasselbe kränkliche, alles durchdringende, grüne Licht. Grünes Licht. Ein furchtbares Gefühl beschlich Johnny. Ehe er sich bewusst dazu entscheiden konnte, rannte er plötzlich das letzte Stück bis zur bekannten Bar, stürzte durch die Tür und vorbei am Kratergesicht bis in die hinterste Ecke und -
Da.
Auch das eine übrig gebliebene, das letzte rote Sitzpolster, war ersetzt worden. Mit demselben grünen Stoff. Und die Sitznische war leer. June war nicht da.
„Hast du June gesehen?”, fragte Johnny sofort den Barkeeper. Er sträubte sich nicht mehr, ein Gespräch zu beginnen.
„Hm? Wen?”, erwiderte der. „Überhaupt, du schaust mir schon wieder nicht in die Augen!”
Das war eine Sache der Gewohnheit. Johnny riss sich zusammen und schaute dem Mann direkt in die Augen. Das waren schwarze, tote, ekelige Augen, und gerade darum waren sie harmlos. War der Mann ein senkrechter Lieger? Ging so etwas überhaupt? Egal! Alles egal!
„June. Die Dame, mit der ich mich dreimal hier getroffen habe! Gesehen?”, fragte er noch einmal.
„Nein. Nicht, seit ihr zusammen weggegangen seid.”
Johnny ging ohne ein weiteres Wort. Er musste sie finden.
Aber er fand sie nicht. Wie denn auch? Er wusste nicht, wo sie wohnte, er wusste auch nicht, wo sie arbeitete, er wusste gar nichts über sie, obwohl er doch so viel von ihr erfahren hatte und sie so gut verstand und nachvollziehen konnte, weil sie an allererster Stelle ein Mitmensch und überhaupt ein Mensch war. Aber das alles nützte ihm nun nichts. Er konnte sie nicht finden, wenn sie sich nicht durch einen unendlich großen Zufall über den Weg laufen sollten. Und was für ein ungeheurer Zufall war es denn, dass er sie vor ein paar Tagen überhaupt wiedergesehen hatte! Vor der Bar hatte sie geraucht… An der Ampel hatte sie gestanden…Schicksal, Schicksal. Aber nicht noch einmal, oder? Niemals nochmal. So viel Glück hatte keiner. Ihm wurde schwindelig. Er setzte sich einen Augenblick auf die Bordsteinkante, aber sprang gleich wieder auf. Nein. Johnny, sagte er sich, du musst sie finden. Also ging er los, völlig wahllos, in der Hoffnung, sie irgendwo zu sehen.
Konnte er nicht einfach einen anderen Tag zur Bar gehen, morgen, und dann würde sie sicherlich wieder dort sitzen, so wie gehabt? Aber nein, das klang irgendwie falsch, er hatte ein scheußliches Bauchgefühl, und deshalb ging er weiter, immer weiter, die grün beleuchteten Straßen entlang. Er ging und ging, stets darauf konzentriert, nicht zu marschieren, sondern zu gehen. Das war ein Balanceakt. Marschieren lag ihm schließlich im Blut und in der Routine, das konnte er nicht leugnen. Nein, das konnte er nicht leugnen. Nicht zu leugnen! So kam er in einen Teil der Stadt, der ihm vollkommen unbekannt vorkam, obwohl er hier sein ganzes Leben verbracht hatte. Und obwohl hier sowieso alles gleich aussah. Auch hier waren die Dächer smaragdgrün. Egal, wohin Johnny ging, das Grün folgte ihm. Es war eine Seuche.
Er kam an einem Kleidungsgeschäft vorbei, in dem reihenweise T-Shirts zu kaufen waren, und sie alle waren grün, natürlich grün, in allen erdenklichen Varianten. Das ekelte Johnny an, und es dauerte einen Moment, bis er seine schwache Reflektion im Schaufenster wahrnahm und erstaunt realisierte, dass er selber ein solches grünes Shirt trug. Was war denn das? Hatte er das schon die ganze Zeit an? Unmöglich! Oder? Na, stimmt, die Stiefel an seinen Füßen waren auch grün, stimmt, das kam ihm bekannt vor. Der Mann, der er war, der war selbst vollkommen in der Mode, ging mit den Trends, saftig eingebettet in dem alles umnebelnden Wahn, war ein Mensch und ein Teil der Gesellschaft, die eigentlich gar keine mehr war. Unmerklich hatte er sich vom Lauf der Dinge mitreißen lassen, hatte sich angepasst, hatte sich grün gemacht.
Es klackte, und zu Johnnys großem Bestürzen kehrte es zurück, das Rauschen in seinem Kopf, das er vor nicht einmal einem ganzen Tag im Zweikampf zerstört hatte. Doch jetzt schon klopfte es wieder an seinem Oberstübchen, kratzte an der Klinke, war wieder da, war von den Toten auferstanden, ohne große Mühen. Es war unbesiegbar. Es war ein Teil von Johnny. Es war ewig.
Er wurde zunehmend desorientiert. Er hielt Ausschau nach June, darum ging es doch, nur um June allein, um June, um June, um June. Er wiederholte ihren Namen in seinem Kopf, diesen Namen, der Sommer versprach in einem Moment, der eigentlich Herbst war. June. Johnny spähte in Gassen, in denen nichts war, und er spähte durch Fenster, durch die man nichts sehen konnte, weil sie aus dem allgegenwärtigen dicken Uranglas gemacht waren. Ihm lief eine Katze über die Füße, die jemand mit Farbe besprüht hatte. Wer tat so etwas?
An einer Straßenecke war es laut. Sehr laut. Das war nicht die Art Lärm, wie Johnny sie kannte, wie sie in seinem Kopf tönte, kein Fritzel-Fratzel. Das hier war extern. Externer Lärm. Überhaupt: Was war das? Musik? Jemand spielte - Klavier? Ein schiefes Geklimper zwar, aber Musik nichtsdestotrotz. Wo kam das her? Ah, da war ein offenes Fenster über ihm im zweiten Stock. Er wechselte die Straßenseite, um besser sehen zu können. Neben der Musik waren auch Stimmen, und jedes Mal, wenn sie etwas sagten, wurde das Klavier im Hintergrund leiser.
„He Fechter, was machst'n da?”, das war eine tiefe Männerstimme.
„Ich schrubbe! Ich schrubbe!”, antwortete ein anderer Mann mit Quietschestimme.
„Und was schrubbst'n?”, fragte der Erste wieder.
„Na, mein Gewissen!”, antwortete Fechter und lachte einmal laut auf. Das Klavier schwoll wieder an, es gesellten sich einzelne Krach- und Bumm-Geräusche dazu.
Johnny sah an dem Fensterrahmen, von wo aus die seltsame Unterhaltung und Musik schallte, verschiedenfarbiges Licht aufblitzen. Es dämmerte ihm langsam, dass die beiden Stimmen und auch das Klavier mitsamt anderer Geräusche alle zusammen aus einem Fernseher kommen mussten. Da lief bei irgendjemandem irgendetwas im Fernseher, was Johnny nicht kannte. Bei Johnny war immer nur der Großmajor zu sehen. Andere Menschen sahen etwas anderes? Was sahen denn andere Menschen?
„He, sagt mal, wenn der August streitsüchtig wird, mit wem schlägt er sich dann?”, das war die tiefe Stimme aus dem Fernseher wieder.
Eine dritte Stimme antwortete, die Johnny noch nicht kannte. „Weiß ich nicht, sag mal!”
„Na, den September!”, antwortete die tiefe Stimme. Dreistimmiges Gelächter brach aus und schwappte aus dem Fenster hinaus auf die Straße bis hin zu Johnnys Ohren. Johnny lachte nicht. Johnny war nach schreien zumute. Schreien! Einmal schreien, endlich schreien!
Doch da! Da regte sich etwas! In der Wohnung bewegte sich ein dicker Mann und trat an das Fenster, stark lachend. Als er Johnny sah, der da unten stand und zu ihm hinaufstarrte, hörte er abrupt zu lachen auf - da wurde klar, dass dieser Mann die dritte Stimme gewesen sein musste, die mit den beiden im Fernseher gesprochen hatte, und er schloss das Fenster mit seinem dicken Uranglas und das Lachen und das Piano wurden eingesperrt und waren auf der Straße nicht mehr zu hören.
Johnny blinzelte. Zweimal. Dreimal. Viermal. Und dann, ganz langsam, ungläubig über die letzten Eindrücke, die er gesammelt hatte, setzte er sich wie betäubt in Bewegung. Hier war keine June. Er ging nach Hause.
Er kletterte die Treppen hinauf zu seiner Etage. Im Flur lag, wie immer, wie sich niemals ändernd, der Herr Nachbar. Johnny stieg über ihn, plötzlich unendlich müde, und suchte nach dem Schlüssel zu seiner Wohnung. Er drehte ihn im Schloss, öffnete die grün angestrichene Tür und drehte sich auf der Türschwelle noch einmal um. Johnny beobachtete ihn einen Moment, den Nachbarn, den Lieger, wie er da unerschütterlich lag und sich nicht rührte, wie sich allein kaum merkbar sein Brustkorb hob und senkte. Lange schaute er den Nachbarn an, der da schon seit einigen vielen unzähligen Tagen lag.
June war keine Trinkerin.
June war keine Schreiberin.
June war keine Tänzerin.
June war - !
Johnny wurde klar, dass er June nie wieder sehen würde.
DREI
Danach
Johnny lag auf dem grünen Sofa und schlief nicht. Weit geöffnet waren seine Augen, starr gerichtet auf den schwarzen Bildschirm des Fernsehers ihm gegenüber in der Mitte des Raums.
June war nicht da, sie würde nie wieder irgendwo mehr sein außer an dem Ort, an dem sie sich jetzt bereits befand. An dem sie sich hingelegt hatte. Er hätte traurig, vollkommen emotional vernichtet sein müssen, hoffnungslos und resigniert. Aber er war das nicht. Obwohl er wieder alleine war, für immer alleine.
Nicht ganz allein. Da war das statische Rauschen in seinem Kopf. Außerdem war ja auch Johnny bei ihm, dessen Gegenwart Johnny stärker als je zuvor spürte. So wie eine niemals endende Umarmung war das, die unmissverständlich zeigte, dass er eben da war, dass er Raum ausfüllte und existierte. Mehr konnte Johnny von Johnny den Umständen entsprechend nicht erwarten. Er existierte. Das musste wohl für sie alle da draußen gelten: Die wollten ja nicht sterben. Johnny wusste darüber hinaus gar nicht, ob sie überhaupt sterben konnten. Nur wollten manche nur einfach nicht mehr existieren. Das war eine Erkenntnis: Trotz allem existierten sie, trotz allem und allem zum Trotz existierte auch Johnny!
Und jenseits seiner eigenen Gesellschaft war da auch noch der Großmajor, wenn auch auf die Weise, wie manchmal ein hässlicher Gedanke im Kopf hängen blieb oder ein blauer - ja, blauer! - Fleck sich in den Oberschenkel festbiss. Das war eine andere Art von Dasein, und es war fraglich, ob sie überhaupt zählte. Außerdem war er ja nicht körperlich anwesend, dieser Gigant, diese Naturgewalt, diese herrische Stimme mit den rasiermesserscharfen Zähne, sondern nur sein Abbild, das von Funkmästen geschickt und auf den Fernseher projiziert wurde. Und selbst dieses Abbild war zurzeit nicht zu sehen.
Aber wer war schon befugt zu sagen, was zählte von all den Sachen und Dingen? Das Magazin? Nein, das erzählte nur weiter und improvisierte dabei auch noch, da war sich Johnny trotz allem immer noch sicher. Die unbekannten Bosse des Magazins? Nein, die beobachteten nur und interpretierten das Erfahrene zwangsläufig ein wenig - aber wirklich wissen, was Sache war, das taten sie kein bisschen mehr als Johnny oder sonst jemand, sie machten einfach nur die Augen auf, das konnte Johnny auch selber machen, nur dass die Bosse vom Magazin eben mehr Augen hatten und mehr Dinge und Sachen gleichzeitig sehen konnten. Das war der einzige Unterschied.
Johnny aber war nicht Viele. Johnny war Einzahl. Alle Menschen waren Einzahl. Ein Johnny, zwei Johnnys, drei Johnnys und immer so weiter die Reihe entlang, das ergab keinen Sinn. Nein, das ergab keinen Sinn, darauf beharrte Johnny felsenfest, und vielleicht war das die einzige Möglichkeit festzustellen, was wirklich zählte und einen Sinn hatte, und was nicht. Sich selbst musste man fragen: ‚Junge, willst du denn, dass diese Sache und dieses Ding wirklich zählen? Dass sie einen Sinn haben? Oder nicht?‘ Und wenn man dann sagte: ‚Ja, ich will, dass diese Sachen und Dinge wirklich zählen, und ich finde auch, dass sie einen Sinn haben‘, dann war das so und man konnte sich endlich einmal vor vollendete Tatsachen stellen.
Und damit kam ihm schlagartig wieder diese seltsame Frage in den Kopf. Sie war zwar nicht der Auslöser des ganzen furchtbaren Albtraums gewesen, der wohl niemals enden würde, sondern bereits die neue Realität geworden war. Aber sie hatte ganz am Anfang gestanden, verheißungsvoll und den Eindruck machend, als könnte nach diesen Bomben, die keine waren, doch noch alles gut werden. Ihm kam die Frage in den Kopf, die einem unausweichlichen Monolith glich, den unbekannte Personen aufgestellt und allen Menschen in jenem ersten Moment über ihre Fernseher gezeigt hatten:
Der Prophet sagt: „Es fällt ein Beil, es zieht der Strick - das ist des Henkers Missgeschick".
Der Henker aber sagt: „Badabing, badabum, ich mach' es schnell, dann fällst du um."
Nun aber fragen wir Sie, liebe Zuschauer da draußen: Wer hat nun recht, der Prophet oder der Henker? Aber niemand hatte angerufen, und damit war es vorbei gewesen.
Jetzt setzte Johnny sich senkrecht, die Augen aufgerissen. Schon stand er auf, ging durch die Wohnung auf und ab, die Hände ringend. Etwas formierte sich in seinem Kopf, und das war ein Gedankenzug, der halsbrecherisch durch das dichte Rauschen drang. Was war denn die Antwort auf diese dämliche, unsinnige Frage?
Er war es, der alles zersetzt und zerkleinert hatte, er, ER, der große Bedeutungsfresser! Wer war der Bedeutungsfresser? Wer war er? Er hatte sich mit seinen Gedanken und logischen Widersprüchen auf der Suche nach der Wahrheit, hatte die gesamte Menschheit und jenseits davon die gesamte lebende Welt, auch die Wale und Elefanten und Bäume - hatte sie alle zum Elendsdasein und zum Ende verdammt! Wer? Wer war es? Der Prophet oder doch der Henker?
Warum hatte denn niemand angerufen in jenem Moment?
Jetzt sah er sie wieder vor sich, die beiden Wortführer. Sie saßen nebeneinander auf dem Talkshow-Sofa, so wie damals.
Johnny ging zielstrebig durch seine Wohnung, hin zu einer kleinen Kommode. Auf ihr stand ein altmodisches Telefon mit Wählscheibe. Es roch nach billigem Plastik - und war knallrot.
Die beiden Missetäter, die Streitenden, waren auf dem Talkshow-Sofa immer näher aneinandergerückt, der Philosoph und der Henker, bis sie nicht mehr voneinander zu unterscheiden waren. Schlussendlich wurde dem Auge ersichtlich, dass sie tatsächlich verschmolzen waren. Man konnte es nicht mehr leugnen: Sie waren ein und dieselbe Person.
Der Henker und der Philosoph waren ein und dieselbe Person!
Johnny kannte die Nummer nicht, aber seine zitternden Finger kannten sie. Wie fatal, daran zu denken, dass damals nicht eine einzige Person angerufen hatte! Johnny aber hatte eine Meinung, eine Antwort, die er geben konnte. Besser spät als nie! Würde nicht doch noch alles gut werden? Denn der Philosoph und der Henker waren dieselbe Person!
Genauer gesagt war da am Anfang nur der Mensch an sich, von Natur aus Philosoph. Wie er es doch liebte, alles zu hinterfragen. Warum? Warum? Das steckte schon in den Höhlenmalereien aus der Steinzeit. Warum? Oh, wie er doch diese Frage liebte, der Homo Philosophicus! Und dann hatte er sie über Jahrtausende hinweg auf die Spitze getrieben, seine Philosophiererei, hatte alles bis ins letzte Glied zertrennt und zerschnitten, um zu sehen, was dahinter war. Johnny selbst hatte doch immer den Instinkt gehabt, einmal die Verputzungen und Verkleidungen und Tapeten von den Wänden zu reißen, auf den Putz zu hauen! Er hatte es schlussendlich nicht getan, aber der Mensch an sich, der schon. Und in einem explosiven Moment hatte sich dann hinter den Wänden und dem Fundament die Erkenntnis offenbart, dass hinter all dem nichts war. Nichts, gar nichts!
Dass hinter den Wänden und Schichten nichts Tieferes zu finden war, hatte der Mensch nicht zu verantworten. Sehr wohl aber trug er die Schuld, dass man diese Wahrheit jetzt wusste. Dass ohne letzten Zweifel jedem Menschen klar, war dass alles sinnlos war. Und damit hatte der Mensch in seiner Rolle als Philosoph sich gezwungenermaßen zum Henker gemacht. Und die Welt und sich selbst verdammt.
Die beiden Aussagen des Philosophen und des Henkers im Fernsehen widersprachen sich nun aber vollständig, sie ergaben keinen Sinn! Sie kamen aus dem Mund derselben Person, desselben Organs, nannte man es auch, wie man wollte, es war und blieb ein Widerspruch! Es war absurd! Und ausgerechnet so eine Spezies, sie es nicht dazu taugte, eine klare unmissverständliche Aussage zu fällen, hatte die Verantwortung für sich selbst übernommen und das ganze Unternehmen gegen die Wand gefahren.
Johnny nahm den roten Hörer ab. Seine Finger huschten über die Wählscheibe, trafen die Ziffern, drehten die Scheibe herum, ließen sie zurückschnellen, dann wieder von neuem. Der Hörer wanderte wie von selbst zu seinem Ohr. Tuten.
Wer hatte nun recht? Keiner! Es war ein und dieselbe Person, die sich aber eklatant widersprach. Keiner hatte recht!
Am anderen Ende der Leitung erklang eine androgyne Stimme.
„Hallo. Wie kann ich dir heute helfen?“
„Ich bin - ich habe eine Antwort! Der Henker ist - Mein Name ist Johnny. Der Philosoph! Ich will - “, verhaspelte sich Johnny vor Aufregung.
Die Stimme unterbrach ihn. „Entschuldigung, das habe ich leider nicht verstanden. Bitte versuche es erneut.“
Johnny stockte. „Ich möchte gerne lösen! Die Frage! Die Lösung! Ich glaube, nein, ich weiß, was die Antwort ist. Weil doch die Verputzungen weg sind, er aber, der…“
„Entschuldigung, das habe ich leider nicht verstanden. Bitte versuche es erneut.“
Johnny verstummte. Das war kein Mensch am anderen Ende der Leitung. Die androgyne Stimme war künstlich generiert, eine Computerstimme.
„Es geht um den Philosophen und den Henker. Ich möchte lösen“, versuchte er ein letztes Mal mit sinkendem Herzen.
„Tut mir leid, diese Nummer gibt es nicht mehr.“ Auf der anderen Seite klackte es, dann kam aus dem Hörer in Johnnys Hand nur noch ein Tuten.
Das war der vernichtende Schlag. Johnny hatte keine Kraft mehr. Da war alles zerschlagen und verbraucht, fort für immer. June war fort. Die Antwort hatte Johnny gefunden, aber viel zu spät. Was nützte ihm das Verständnis dafür, was passiert war? Allein ließ sich nichts bewältigen. Johnny blieb jetzt nichts mehr, als sich zu fügen. Wollte er sich nicht auch hinlegen? Ein Lieger werden? Aber nein, das konnte er sich noch immer nicht vorstellen. Kaum schaffte er es nachts, ausreichend zu schlafen, wie sollte er dann bis ans Ende seiner Existenz herumliegen? Es ging nicht. Er hatte nichts mehr… es sei denn…
Der Großmajor war ja auch noch da, war vielleicht schon immer da gewesen. Hatte vielleicht schon vor jenem fatalen Moment gelauert, auf seinen Auftritt gewartet. Er war nicht sein Freund, aber ein Begleiter war er, und möglicherweise auch ein Mentor, von dem Johnny im Rinnsal der Momente einiges noch lernen konnte, wenn er sich denn darauf einließ. Johnny wollte sich darauf einlassen. Johnny war ein Marschierer.
Und überhaupt: Es war alles sinnlos.
Das musste er sich eingestehen. Nach all dem! Man konnte den Dingen sicherlich eine Ordnung aufzwingen, mit Überschriften und Unterüberschriften und Kategorien, mit gründlichen Querverweisen und verschiedener Farbkodierung und Schubladen, das ging wohl; aber all das, ja, all das nützte nichts. Es nützte nichts, wenn all das stattfand in einem großen Raum und eben dieser Raum, der als Rahmen für all diese willkürlichen Ordnungsmaßnahmen fungierte, selber keine Ordnung und keinen Sinn hatte; wenn der Raum ein schwarzes Loch war und nahtlos in die vierte Dimension führte, die man nicht kannte und nicht verstand und nicht überleben konnte, weil ein Mensch eben nicht vier, sondern nur drei Dimensionen hatte.
So war das. Man musste sich einfach eingestehen, dass alles sinnlos war, und dann ergab plötzlich alles einen Sinn. So ließ es sich leben, nein, existieren, und das war immerhin etwas. Mehr konnte man nicht von jemandem erwarten, als dass er existierte. Und Johnny existierte. Das war seine einzige Gewissheit. Das war immerhin etwas. Das war sogar alles.
Er schaltete entschlossen den Fernseher ein. Das Bild wackelte ein wenig, dann wurde es scharf und er, der grüne majestätische Großmajor mit seinen dämonischen Augen und rasiermesserscharfen Zähnen erschien auf der anderen Seite.
„Na, Jonnäh, du alter Knecht, schwing das Bein! Lange warst du still, du hast dich gewehrt, nicht wahr?”
„Ja.”
„Na schau, wer da den Mund aufkriegt! Aber jetzt wehrst du dich nicht mehr, oder?”
„Nein.”
„Na fein! Also, Johnny! Auf das Bein und strammgestanden!”
Johnny stand stramm. Johnny presste seine Hände an den Körper.
„Und jetzt das Lied!”
Das Lied setzte aus dem Off ein. Die Marschkapelle blies.
„Jonnäh! Marschieren!”, röhrte der Großmajor.
Und Johnny marschierte. Die Musik lief, der Großmajor fuchtelte mit seinen Pranken herum, und Johnny marschierte. Johnny marschierte.
„Grün, Grün, Grün sind alle meine Farben! Grün, Grün, Grün ist alles, was ich hab!”, schmetterte der grüne Großmajor mit seinem fremdländischen Akzent. Und Johnny marschierte. Johnny marschierte. Ja, Johnny marschierte. Denn es war alles sinnlos.
Er spürte dabei, wie sich langsam ein Druck in ihm aufbaute. Es fühlte sich ähnlich an wie damals, als sie alle schreien mussten und noch immer nicht wussten, was eigentlich geschehen war. Seit jenem Moment hatte er immer wieder gehört, wie hier und da einzelne Leute schreien mussten, der Schrei war meist nur kurz, aber treffsicher auf irgendeiner unbenannten Note angesiedelt; dann ganz abrupt, so wie er auch begonnen hatte, verstummte er meist wieder und es war, als wäre nie etwas gewesen. Nun endlich würde er selbst einmal schreien! Er wusste es, es fühlte sich anders an als sonst - der Druck würde ausreichen! Das Ventil würde platzen! Er machte sich bereit, aufgeregt wie ein kleines Kind vor seiner Einschulung. Zu allem Überfluss würde es auch noch geschehen, während er marschierte, wo der Großmajor ihn sah und ihn hörte, sein ganz persönliches Publikum! Schreien! Bitte, einmal noch von Herzen schreien können! Der Druck stieg! Jetzt gleich…!
Und dann entfuhr ihm ein Kichern.
Der Großmajor zog eine buschige Augenbraue hoch und trat etwas näher an den Bildschirm heran. Johnny marschierte, als wäre nichts gewesen. Dann musste er wieder kichern, dieses Mal länger. Er hielt sich die Hand vor den Mund. Dann musste er stehen bleiben, hörte zu marschieren auf, stützte sich mit beiden Händen auf den Knien ab und schaute auf den Boden, doch er konnte nicht anders als einmal laut aufzulachen.
Er wusste selbst nicht, woher das plötzlich kam, aber ihm war überhaupt nicht mehr nach Schreien, nie wieder, sondern nach Lachen! So fühlte sich das an! Was sollte er denn auch sonst tun! Wenn man es aus dem Winkel betrachtete, in dem Johnny jetzt stand, war es alles einfach komisch, urkomisch! Wie er sich gewehrt hatte! Wie er gehadert hatte! Es war doch alles sinnlos! Das wusste er doch schon seit jenem Moment! Wie hatte er sich selbst so in die Irre führen können! Die Welt fratzelte schließlich weiter vor sich hin, ihr blieb ja auch nichts anderes übrig! Ob mit oder ohne Johnny. Zum Schreien komisch! Lustig! Zum Totschießen! Piff-paff! Badabing, Badabum! Hahaha! Er hatte nur loslassen müssen! So leicht ging das also! Schwupps!
Er schaute den Großmajor an, und bei diesem wahrlich absurden Anblick konnte er nicht länger an sich halten und lachte endgültig lauthals los.
Er lachte.
Johnny lachte.
Es war ein lautes Lachen, das vom ersten Ton an die Marschkapelle im Fernsehen übertönte, erst ein gehemmtes Lachen, dann immer ungehemmter, und dann tauchte ein Lächeln im Gesicht des Großmajors auf, ein gutwilliges, ehrliches Lächeln, und auch er prustete schließlich los und lachte, lachte, lachte, lieferte sich ein Lachduell mit Johnny Boy, ein Duell, bei dem es keine Verlierer gab, und immer wieder schob er ein „Na also!“ und ein „Geht doch!“ in seinem seltsamen Akzent dazwischen, wenn er sich halbwegs gefangen hatte, damit musste der Großmajor aber irgendwann aufhören, weil er vor lauter Lachen zu Boden fiel, von wo aus man ihn weiter lachen hören konnte; Johnny aber stand aufrecht, so aufrecht, wie er lange nicht gestanden hatte, und er lachte ein schallendes, ehrliches, herzhaftes Lachen, und das Lachen erfüllte seine gesamte grüne Wohnung und drang durch die dicken Fensterscheiben aus Uranglas hinaus in die Straße, von dort aus breitete es sich in der ganzen Stadt aus und schließlich in der ganzen weiten Welt, wo es ein Echo gab und das Lachen, Johnnys Lachen, viele lange Momente noch verweilte, wo es von manchen Menschen gehört wurde, von manchen auch nicht, aber das war okay, denn das Lachen war da und existierte unbestreitbar, und wenn etwas einfach nur existierte, konnte man von ihm nicht viel mehr erwarten, als eben bloß zu existieren, und genau das tat dieses Lachen, und das tat auch Johnny, und das war gut so, und das war genug.
Das musste genug sein.
Und das war es auch.
~~~ ENDE ~~~